Der Fall Epstein beschäftigt weiter die Justiz, auch in Europa. Recherchen von WDR, NDR und der "Süddeutschen Zeitung" zeigen nun, wie der Straftäter weltweit Frauen suchte. Die Nachricht ist kurz. "Manchmal fange ich schnell etwas, manchmal keinen Fisch", lautete die Meldung von Daniel Siad, einem Model-Agenten. Doch geht es hier nicht ums Angeln. Es geht um eine Nachricht an Jeffrey Epstein und die weltweite Suche nach Frauen für den Missbrauchsring des verurteilten Sexualstraftäters. Recherchen der Sender WDR, NDR sowie der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) zeigen, wie Epstein nach geeigneten Frauen fahnden ließ. Vor allem im Osten Europas. Unter dem falschen Versprechen einer Model-Karriere wurden die Frauen in die USA gelockt und gerieten in Epsteins Fänge. Als "Meister der Manipulation" wird Epstein durch den New Yorker Anwalt Arick Fudali beschrieben. Der Jurist vertritt mehrere Opfer des Sexualstraftäters. Epstein starb 2019 in US-Haft. Sein Missbrauchsring beschäftigt jedoch weiterhin die Justiz und die politischen Debatten – nicht allein in den USA. Falsche Versprechungen für die Opfer Die junge Frau nennt sich gegenüber WDR, NDR und "SZ" nur Mara L., ein Pseudonym. Die Frau beschreibt sich selbst als Einser-Schülerin. "Ich habe mich dann für ein Wirtschaftsstudium entschieden und wollte Karriere im Finanzsektor machen. Vor allem, weil mir finanzielle Sicherheit wichtig war – und ein freies Leben", erzählt sie. Als Mara L. vor rund zehn Jahren ein Auslandssemester in Spanien absolviert, ist sie Anfang 20. In einem Schönheitssalon wird sie von einem Mann angesprochen: Daniel Siad. Der Schwede mit französisch-algerischen Wurzeln gibt sich als Modelscout aus und verspricht ihr eine Karriere. "Als ich das hörte, war ich natürlich total begeistert, denn ich wollte schon immer Model werden", erinnert sie sich. Es folgt ein Abendessen mit Siad und der Verweis auf einen Mann in den USA, der die Model-Karriere voranbringen könne. Bald sei es zu einem ersten Skype-Gespräch mit Epstein gekommen. Der habe bald auch nach Nacktfotos gefragt. Mara L. kommt dem nach. Widerwillig. "Eine Frau wie ich kann dann leicht Liebe mit Missbrauch verwechseln", so Mara L. in Gesprächen mit dem Rechercheverbund. Sie gerät in ein Abhängigkeitsverhältnis. Epstein lädt sie in die USA ein. Schon beim ersten Treffen wird sie vergewaltigt. Erst nach zwei Jahren kann sie sich aus dem Missbrauchsverhältnis befreien. Sie habe lange gedacht, dass Unterwerfung nur unter Androhung von Gewalt passieren könne, so Mara L. im Rückblick. Opferanwalt Fudali sagt dem Rechercheverbund über Epstein: "Er war sehr geschickt darin, Einflussmöglichkeiten oder Schwachstellen bei seinen Opfern zu erkennen." Und weiter: "Er nutzte das aus, um sie zu kontrollieren und sie dazu zu zwingen, alles zu tun, was er von ihnen verlangte." Das Netzwerk Jeffrey Epstein pflegte ein weitverzweigtes Netz von Kontakten. Es reichte vom damaligen britischen Prinzen Andrew bis zum früheren US-Präsidenten Bill Clinton und einem von dessen Nachfolgern im Weißen Haus: Donald Trump . Mara L. wird nach eigenen Angaben nicht an weitere Männer weitergereicht. An einen Mann aus Epsteins Umfeld kann sie sich aber gut erinnern: Daniel Siad. Der Mann besitzt einen schwedischen Pass. Als angeblicher Model-Agent spürt er überall Frauen auf. "Manchmal fange ich schnell etwas, manchmal keinen Fisch", umschreibt er seine Methode laut der Nachrichtenagentur AFP. Ein anderes Mal übermittelt er Epstein: "Sie ist sehr süß und schüchtern." Häufig stammen seine Opfer aus Osteuropa. "Ich habe eine großartige gefunden, sie ist 20 Jahre alt, aber sieht jünger aus, aus Lettland", heißt es in einer Nachricht an Epstein. Epsteins "'Modelscouts' sind in ganz Europa auf der Suche nach jungen, attraktiven Frauen, die sie gezielt ansprechen und denen sie in Aussicht stellen, als Model erfolgreich werden zu können", bilanziert der Rechercheverbund WDR, NDR und "SZ". Siad bestreitet die Vorwürfe. In den online zugänglichen Epstein-Akten taucht sein Name rund 1.800-mal auf. Epstein habe "sein Vertrauen missbraucht", so Siad. Und weiter: "Ich konnte nicht wissen, wie gefährlich er war." Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AFP wurde er von Epstein regelmäßig entlohnt. Noch ein Name fällt: Jean-Luc Brunel, französischer Modelagent. Er stand seit den 1980er-Jahren selbst wiederholt im Zentrum von Missbrauchsvorwürfen. Brunel starb 2022 in französischer Untersuchungshaft. Nun ermittelt erneut eine französische Sondereinheit rund um sein Umfeld. Dabei geht es vor allem um seine Kontakte nach Osteuropa. Die Ermittlungen laufen erst an Die US-Justiz geht derzeit im Fall Epstein von mehr als hundert Missbrauchsopfern aus. Seit der Verurteilung von Epsteins Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell 2022 gibt es in den USA aber keine weiteren Ermittlungen. Auch nicht nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten zu Jahresbeginn. In mehreren europäischen Staaten, darunter Frankreich , Polen und Lettland , wurden nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten zu Jahresbeginn Sonderermittlungseinheiten wegen Menschenhandels gebildet. In Frankreich geht die Justiz derzeit dem Verdacht nach, dass Brunel "den Transport und die Unterkunft von jungen Mädchen oder jungen Frauen für Jeffrey Epstein organisiert" haben könnte. Der frühere Kulturminister Jack Lang geriet wegen seiner Geschäftsbeziehungen zu Epstein ins Visier der Ermittler. In Polen ordnete Premier Donald Tusk Ermittlungen zum Epstein-Komplex an, nachdem in den US-Akten Hinweise auf "junge Frauen aus Krakau" aufgetaucht waren. Zudem werden Verbindungen Epsteins zum russischen Geheimdienst KGB geprüft. In Lettland laufen ebenfalls Untersuchungen im Epstein-Skandal . Lettlands Präsident Edgars Rinkēvičs erklärte: Es sei "völlig inakzeptabel", dass lettische Bürgerinnen missbraucht würden. Bilanz Das litauische Model Sima Jakulevičūte erklärte zuletzt dem polnischen Sender TVP über ihre Begegnung mit Epstein: "Er küsste mich im Flugzeug von Miami nach New York und legte seine Hand auf mich; er befummelte mein Bein. Es war unangenehm, und ich mochte es nicht." Jakulevičūte zog nach dem Flug die Konsequenzen: "Ich kehrte nach Litauen zurück und bin nie wieder in die USA zurückgegangen." Opfer Mara L. sagt dem Rechercheverbund aus WDR, NDR und "SZ" über ihr Abhängigkeitsverhältnis zu Epstein: Es war eine "Beziehung, in der er so getan hat, als wäre er sehr interessiert an mir und als hätten wir eine ganz besondere Verbindung – um mich dann Stück für Stück dazu zu bringen, seinen Wünschen zu gehorchen." Opferanwalt Arick Fudali erklärt: "Es war einfach eine Methode, sie zu täuschen, ihre Hoffnungen und Träume zu wecken und sie dann dadurch zu kontrollieren."