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"Wedgewood Polls": Gefälschte Umfragen erschüttern US-Midterms-Wahlkampf

Das angebliche Meinungsforschungsinstitut "Wedgewood Polls" hat über Monate Umfragen zu den US-Zwischenwahlen gefälscht. Jetzt ist die Wut groß. David Schafbuch berichtet aus New York Mallory McMorrow hatte Anfang Juli aufgegeben. Eigentlich wollte die 40-Jährige sich um das Amt der Senatorin für ihren Bundesstaat Michigan bewerben. Doch Ende Juni war ihre Kampagne bereits in den Vorwahlen am Ende. Die Spendengelder waren eingebrochen, ihre Helfer waren ratlos und Journalisten hatten schon gefragt, ob sie ihre Kandidatur zurückziehen werde. Hintergrund waren mehrere Umfragen, die McMorrow weit hinter ihren Konkurrenten sahen: Laut einer Umfrage des Instituts "Wedgewood Polls" lag McMorrow nur auf dem dritten Platz in der Wählergunst hinter ihren Parteikollegen Abdul El-Sayed und Haley Stevens. El-Sayed gewann später die Vorwahl. McMorrow zog ihre Kandidatur wenige Tage nach Veröffentlichung der Umfrage zurück. "Es hat uns ruiniert", schrieb die Politikerin am Dienstag auf der Plattform X. Trump im Weißen Haus: Alle Informationen im Newsblog Elon Musk: Wie er den Wahlkampf für die Republikaner retten will Allerdings waren die Ergebnisse von "Wedgewood Polls" frei erfunden: Das Unternehmen, dessen Ergebnisse von vielen prominenten Medien aufgegriffen wurden, teilte am Dienstag mit, es habe sich um ein "Experiment" gehandelt. Man habe geprüft, wie leicht es sei, als Meinungsforschungsinstitut bei Wahlkämpfen ernst genommen zu werden. "Die kurze Antwort lautet: viel zu leicht." Seitdem ist der Aufruhr groß: Denn der Vorfall schürt nicht nur weitere Skepsis darüber, wie valide die Umfragen vor einer US-Wahl sind. Er wirft auch Fragen auf, wie "Wedgewood Polls" über Monate Umfragen fingierte, ohne dass es jemand bemerkte. Aufgeflogen war der Schwindel am vergangenen Dienstag. Die Webseite "Fifty Plus One", die Wahlen in den USA analysiert, hatte mitgeteilt, dass sie "Wedgewood Polls" um eine Stellungnahme gebeten hatte. Zuvor habe das Portal einen Tipp erhalten, dass "Wedgewood Polls" möglicherweise seine Umfrageergebnisse gefälscht hatte. Öffentliche Erklärung "Fifty Plus One" hatte daraufhin eine Untersuchung begonnen. Dafür hatte das Portal den Onlinedienst "Pollfish" beauftragt, eine Umfrage für sie durchzuführen. Das Unternehmen wollte so prüfen, wie valide die Daten des Dienstes sind, weil sie angeblich auch von "Wedgewood Polls" für ihre Umfragen genutzt wurden. Das Ergebnis: Die Daten der eigenen Umfrage hätten nicht den Mustern in den Rohdaten entsprochen, die "Wedgewood Polls" ihnen zuvor weitergeleitet hatte. "Wedgewood Polls" reagierte nicht auf die Anfrage von "Fifty Plus One". Stattdessen teilte das Unternehmen öffentlich mit, dass ein Großteil ihrer Arbeit auf falschen Daten beruht habe. Zudem habe das Unternehmen auf der Plattform X zuvor eine Direktnachricht mit Beleidigungen an "Fifty Plus One" geschickt. "Fifty Plus One" hatte die falschen Umfragen für eigene Wahlanalysen genutzt und war damit nicht allein. Etliche Medienhäuser und Analysten hatten die Umfragen genutzt oder zitiert. Das Spektrum der Medien ist weit: Neben "Fifty Plus One" tauchten die Ergebnisse bei Medien wie "Newsweek", "The Hill", "MS Now", "Politico", dem "Washington Examiner" oder auch dem weit rechts stehenden Portal "Breitbart" auf. US-Präsident Donald Trump kritisierte persönlich, dass die Umfrageergebnisse von der "New York Times" aufgegriffen wurden. Die Zeitung wurde "erwischt", teilte Trump auf seiner Plattform "Truth Social" mit. Trump behauptete zudem, dass das Medium "Wedgewood Polls" beauftragt habe, frei erfundene Umfragen zu erstellen. "Damit musste ich mich von Anfang an auseinandersetzen!", klagte Trump zudem. Richtig ist, dass die Zeitung die falschen Daten für ihre eigenen Wahlanalysen genutzt hatte. Allerdings wurden die Umfragen nicht von dem Medium selbst in Auftrag gegeben. Die "New York Times" nutzt zudem wie viele andere Analyseportale die Umfragen von verschiedenen Instituten, um Wahlprognosen zu erstellen. Zudem erstellt die Zeitung auch selbstständig eigene Wahlumfragen. Laut der Zeitung wurden von ihr 15 Umfragen zwischen Juni und Oktober genutzt. Sie wurden aufgenommen, nachdem "Wedgewood Polls" zahlreiche Fragen zu ihrer Methodik oder ihren Finanzierungsquellen beantwortet habe. Dort habe das Medium zunächst keine Ungereimtheiten festgestellt. Mittlerweile sind die Umfragen allesamt aus den Analysen verschwunden. Mike Johnson, republikanischer Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, behauptete aufgrund des Vorfalls, dass Meinungsforscher die Unterstützung seiner Partei "massiv unterschätzen" würden. Allerdings ist auch auf der Seite der Demokraten Unmut zu hören, etwa von Mike Nellis. Nellis war unter anderem als Berater für die ehemalige US-Vizepräsidentin Kamala Harris tätig. "Diese Leute sind absolute Dreckskerle", sagte Nellis dem Sender Fox. Nellis rief beide Parteien und die Medien auf, die Umfragen genauer zu prüfen. Zudem müssen die Verantwortlichen "mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden". Die Seriosität von "Wedgewood Polls" war allerdings schon vor einigen Monaten angezweifelt worden: Ein Kolumnist des Portals "Washington Monthly" hatte schon im vergangenen Juli Zweifel an "Wedgewood Polls" gehabt. Bemängelt wurde in dem Artikel unter anderem, dass das Unternehmen erst einen Monat zuvor öffentlich in Erscheinung getreten war. In seinem Artikel nahm der Kolumnist auch Bezug auf die jüngsten Umfragen des Portals zu den Vorwahlen in Michigan. Dort befand sich Demokrat El-Sayed im Aufwind, was auch mit einer Umfrage von "Wedgewood Polls" untermauert werde. Allerdings hatte sich zuvor eine Umfrage des Instituts zu einer Vorwahl der Republikaner im Bundesstaat Louisiana als "völlig falsch" erwiesen, hieß es dort. Keine Adresse, keine Telefonnummer Auch die Struktur des Unternehmens hatte zuvor bereits Fragen aufgeworfen. Im August hatte das Portal "Straight Arrow News" über das Institut berichtet. In dem Bericht heißt es, dass auf der Webseite des Instituts keine Angaben zu Mitarbeitern, Telefonnummern oder auch nur eine Adresse angegeben wurde. Zudem sei der Webauftritt erst am 26. Juni registriert worden – einen Tag, nachdem das Portal die besagte fragwürdige Umfrage zu Louisiana veröffentlicht haben solle. Mittlerweile hat "Wedgewood Polls" seinen gesamten Onlineauftritt und seine Konten auf sozialen Medien gelöscht. Eine E-Mail von t-online kam mit dem Hinweis zurück, dass die Adresse nicht mehr existiere. Laut Medienberichten hatte das Unternehmen zwei Mitarbeiter mit den Namen Jack Sims und Andrew Prater. Während Sims eher auf der Seite der Republikaner gestanden haben soll, habe Prater eher die Demokraten unterstützt. Den "Straight Arrow News" sollen sie mitgeteilt haben, dass sie in der Vergangenheit Opfer von Belästigungen im Netz waren und ihre private Adresse veröffentlicht wurde. Daher habe man auf umfangreichere Angaben auf der Webseite verzichtet. "Sehr beunruhigend" Neben den Vorfällen um "Wedgewood Polls" hatte es schon im August einen ähnlichen Fall gegeben. Damals waren Umfragen eines Unternehmens mit dem Namen "Median Strategies" ebenfalls als erfunden entlarvt worden. Das Institut hatte unter anderem Befragungen für die Bundesstaaten Nevada, Wisconsin und Kalifornien gefälscht. Später sprachen die Betreiber ebenfalls davon, dass es sich um ein "Experiment" gehandelt habe. Bislang gibt es keine Anhaltspunkte, dass beide Fälle miteinander in Verbindung stehen. Michael Traugott, ehemaliger Mitarbeiter der American Association for Public Opinion Research, glaubt, dass der Schaden durch die Vorfälle groß sei. "Es ist sehr beunruhigend, dass wir innerhalb kürzester Zeit während Wahlkämpfen zwei solcher Fälle hatten, was viele Probleme für seriöse Meinungsumfragen verursacht", sagte Traugott dem Magazin "Time". Der in den USA bekannte Wahlanalyst Nate Silver teilte auf der Plattform X mit, er halte den Einfluss der gefälschten Umfragen für "tendenziell überschätzt". Zwar habe das Unternehmen in wenigen Monaten vergleichsweise viele falsche Umfragen veröffentlicht, aber es sei insgesamt recht unbekannt gewesen. Auch Silver hatte die Zahlen von "Wedgewood Polls" in seine eigenen Analysen mit aufgenommen. Anhand derer habe er festgestellt, dass die Umfragen häufiger Kandidaten der Demokraten positiver dargestellt hätten als seriöse Erhebungen. Neben dem genannten Abdul El-Sayed in Michigan habe es auch vergleichbare Ergebnisse bei Troy Jackson gegeben. Jackson kandidiert für die Demokraten um das Amt des Senators im Bundesstaat Maine. Die Senatswahl in dem Bundesstaat gilt als ähnlich knapp wie die in Michigan. "Wird einfacher" Der Betrugsfall hat auch die zuständige Medienaufsichtsbehörde FCC auf den Plan gerufen. Der Chef der Behörde, Brendan Carr, nahm aber nicht die Meinungsforscher, sondern eher die Medien in die Pflicht. Carr wurde persönlich von US-Präsident Donald Trump für das Amt ernannt. "Viele Journalisten und Rundfunkanstalten haben diese Umfragen verbreitet oder ausgestrahlt, ohne grundlegende journalistische Ethik zu beachten und ohne die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass diese Umfragen jeglicher wissenschaftlichen, akkuraten oder gar realen Grundlage entbehren", schrieb Carr auf X. Allerdings sehen auch Wahlanalysten in Zukunft die Gefahr, dass es häufiger zu solchen Vorfällen kommen könnte. "Es wird immer einfacher, Umfragen von geringer Qualität durchzuführen – oder sie ganz zu fälschen", schrieb "Fifty Plus One" auf ihrer Webseite zu den Vorfällen. Ähnlich sieht es auch Nate Silver. Beide sehen die Risiken vor allem durch die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz steigen.

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