Immer mehr besonders langjährig Versicherte gehen in Rente – und arbeiten weiter. Sie gehen nicht in den Ruhestand, sondern optimieren ihr Einkommen. Nach nicht einmal zwölf Tagen war der Vorruhestand bei BMW ausverkauft. Das Unternehmen stoppte das Programm, mit dem 8.000 Stellen vor allem in der Verwaltung abgebaut werden sollen, am vergangenen Dienstag vorzeitig. Zu viele wollen gehen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren und beim Vorruhestand für langjährig Versicherte: Seitdem die Kürzungspläne der Bundesregierung bekannt sind, drängeln die Rentenwilligen in die Beratungsstellen – wegen hohen Andrangs dauert es manchmal Wochen, bis ein Gespräch zustande kommt. Ohne Voranmeldung braucht man es gar nicht erst zu versuchen. Die Älteren haben Torschlusspanik. Sie fürchten um ein lukratives Geschäftsmodell. Die Wirtschaftsweise: Alle Kolumnen von Ursula Weidenfeld Ansturm auf Abfindungen: BMW-Mitarbeiter suchen das Weite Die Rente kostete Kohl die Wiederwahl In der Rentenpolitik verfolgt die aktuelle Bundesregierung allen Beteuerungen zum Trotz dieselbe Linie wie der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) in den 1990er-Jahren. In Krisenzeiten ermunterte Blüm Unternehmen wie Beschäftigte, mit üppigen Zuschüssen aus der Rentenkasse vorzeitig in die Rente zu wechseln. Das belastete zwar die Rentenkasse, entlastete aber den Arbeitsmarkt. Schon damals ging die Sache nicht gut aus. Die Rentenversicherungsbeiträge stiegen auf deutlich über 20 Prozent, Helmut Kohl und sein ewiger Arbeitsminister verloren 1998 die Wahl. Heute ist die Lage eine völlig andere Diesmal aber ist es noch drastischer. Denn Norbert Blüm stand ein nahezu unbegrenztes Reservoir arbeitswütiger Babyboomer zur Verfügung, die nur darauf warteten, dass die Alten ihre Stellen räumten. Als der Arbeitsmarkt wieder anzog, sicherten erst ein Heer von Berufseinsteigern, dann Hunderttausende Osteuropäer und schließlich vorher nicht oder in Teilzeit arbeitende Frauen das Wirtschaftswachstum und die Stabilität der Sozialkassen. Auf die Älteren jedoch, die sich jetzt aus dem Arbeitsleben hinauskomplimentieren, folgen nur wenige Jüngere und Erwerbsmigrantinnen. Wenn die jungen Alten jetzt vorzeitig und hochsubventioniert aus dem Erwerbsleben ausscheiden, belasten sie die Sozialkassen wie zu Blüms Zeiten – doch neue Beitragszahler machen sich rar. Langjährige Versicherte nutzen unbegrenzten Zuverdienst geschickt Besonders absurd wirkt die Kombination der letzten Rentenentscheidungen der Bundesregierung: Immer mehr der besonders langjährig Versicherten gehen vorzeitig in Rente, arbeiten aber weiter. Sie sind gar nicht müde. Sie nutzen nur den seit 2023 unbegrenzten Zuverdienst geschickt, um zusätzlich zum Erwerbseinkommen die reguläre Rente zu beziehen. Das Renteneintrittsalter der Vorruheständler ist zuletzt gesunken, die Erwerbstätigkeit parallel zur Rente steigt dagegen steil an. Klar: Wer die Möglichkeiten des Sozialsystems oder der Unternehmensprogramme für sich optimiert, soll sich dafür nicht schämen müssen. Sie und er verhalten sich im Rahmen der geltenden Gesetze nur rational. Problematisch ist nur, dass die geltenden Gesetze einfach die falschen Anreize für Unternehmen und Ältere schaffen – und für die jüngeren Beschäftigten eine immer größere Zumutung werden.