Vom Aussterben bedroht: Diese invasiven Krebse bedrohen heimische Arten im Südwesten
Stein-, Dohlen- und Edelkrebs kämpfen ums Überleben: Die gebietsfremden Flusskrebse verbreiten hierzulande eine tödliche Tierseuche. Was droht den heimischen Arten und lässt sich das Sterben stoppen?
Eingeschleppte Flusskrebse vor allem aus Amerika breiten sich in Baden-Württemberg aus. Sie übertragen die für heimische Arten tödliche Tierseuche Krebspest. Mancherorts gelten Gewässer für Stein-, Dohlen- und Edelkrebs schon als verloren.
Baden-Württemberg ist laut dem Umweltministerium das einzige Bundesland, in dem noch alle drei heimischen Arten vorkommen. Viele Bestände seien jedoch erloschen, die Arten stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Was man wissen muss:
Welche invasiven Krebsarten leben in Baden-Württemberg?
Kalikokrebs, Kamberkrebs, Signalkrebs, Roter Amerikanischer Sumpfkrebs und Marmorkrebs listet der Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg als im Südwesten etablierte Arten auf. Von der Chinesischen Wollhandkrabbe seien bislang nur Einzelfunde bekannt.
Wo kommen sie her?
Der Kalikokrebs wurde laut Nabu-Artenschutzreferentin Alexandra Ickes erstmals 1993 in Deutschland am Schiftunger Baggersee bei Sinzheim (Landkreis Rastatt) nachgewiesen. Vermutlich hätten in Deutschland stationierte US-Soldaten ihn als Angelköder eingeführt.
Bei Chinesischen Wollhandkrabben gelte Ballastwasser von Schiffen aus China als wichtiger Weg, über den sie ins Land kämen. Sie könnten auch als blinde Passagiere am Schiffsrumpf eingeschleppt werden. Signalkrebse seien Ende der 1970er ausgesetzt worden und breiteten sich seitdem hochinvasiv aus.
Welche Regionen sind befallen?
Invasive Flusskrebse sind in Baden-Württemberg in allen Haupteinzugsgebieten (Rhein, Neckar, Main, Bodensee und Donau) weit verbreitet, wie Christoph Chucholl von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen am Bodensee erklärt. Flächendeckende Vorkommen des Kamberkrebses gebe es vor allem im Oberrheinischen Tiefland, im Neckarsystem sowie im Bodensee. Auch Signalkrebse kommen in vielen Regionen vor, insbesondere in Zuflüssen.
Die Chinesische Wollhandkrabbe wurde in Baden-Württemberg nach Angaben des Nabu im Rhein sowie am Bodensee nachgewiesen.
Welche Entwicklung erwarten Fachleute?
Alle oben genannten Gewässersysteme/Regionen sind für heimische Arten „irreversibel als Lebensraum verloren“, wie Chucholl erklärt. Der Signalkrebs breite sich deutlich am stärksten aus, gefolgt von Kamber- und Kalikokrebs.
„Durch seine Fähigkeit zur Überlandwanderung besiedelt der Kalikokrebs neben Bächen, Kanälen und Gräben auch Kleingewässer“, erläutert Ickes. Sie könnten wichtige Amphibien-Laichgewässer sein und rasch Schaden nehmen.
Was droht darüber hinaus?
Der Edelkrebs ist Chucholl zufolge in seinem ursprünglichen Lebensraum – sommerwarmen Fließgewässern und natürlichen Seen – praktisch ausgestorben. Er komme noch in kleinen Teichen und Weihern sowie Abgrabungsgewässern vor.
„Restvorkommen der kleineren heimischen Arten Stein- und Dohlenkrebs existieren vor allem noch in den naturnahen Gewässeroberläufen“, sagt der Fachmann. Teils dramatische Bestandsverluste etwa in Südbaden, dem Bodenseegebiet oder den Schwäbisch-Fränkischen Waldbergen fielen räumlich und zeitlich sehr eng mit dem Aufkommen von Signalkrebsen zusammen.
Gibt es auch Regionen ohne invasive Krebsarten?
Nur in der Donau gibt es laut Chucholl noch längere Fließstrecken ohne bekannte invasive Krebse.
Wie hat sich der heiße und trockene Sommer ausgewirkt?
Das lässt sich noch nicht abschließend beantworten, wie Chucholl erklärt. „Grundsätzlich begünstigen die hohen Temperaturen wärmeliebende invasive Arten wie den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs und den Marmorkrebs.“ Diese sowie der Kalikokrebs tolerierten auch ein vorübergehendes Austrocknen der Lebensräume, indem sie teils tiefe Wohnröhren im Substrat anlegten.
Beim Signalkrebs gebe es Hinweise, dass geringe Abflüsse und Fließgeschwindigkeiten die Ausbreitung begünstigen – insbesondere flussaufwärts. „Trocknen Fließgewässer jedoch vollständig aus oder kommt es durch Erhitzung zu akutem Sauerstoffstress, verenden auch Signalkrebse.“
Was kann man gegen die Ausbreitung der invasiven Krebse tun?
„Die größten Chancen sehen wir bei invasiven Krebsarten in der Prävention, beispielsweise durch Aufklärung sowie Handels- und Freisetzungsverbote“, erklärt Ickes. Eine vollständige Beseitigung sei bei stark verbreiteten invasiven Krebsarten nur in Einzelfällen möglich. Im Vordergrund stehe daher, die Ausbreitung einzudämmen oder Tiere fernzuhalten – etwa durch Krebssperren.
Beim Kalikokrebs würden beispielsweise Reusen eingesetzt. Gegen Kamber-, Signal-, Marmor- und dem Roten Amerikanischen Sumpfkrebs würden Maßnahmen wie Pufferzonen zu heimischen Arten, das Ablassen von Gewässern oder die gezielte Förderung natürlicher Fressfeinde durchgeführt. Um zu verhindern, dass sich Chinesische Wollhandkrabben ausbreiten, könne man Fangkörbe, Fallgruben, Glitschzäune und Fangschläuche nutzen.
Und wie kann man heimischen Arten helfen?
Zum Beispiel durch Wiederansiedlungen in Gewässern ohne invasive Arten, den Schutz geeigneter Lebensräume sowie mehr Klimaresilienz der Gewässer, wie Ickes erläutert. Der Nabu und der Umwelt- und Naturschutzverband BUND Baden-Württemberg setzen sich im Projekt Gewässerbündnis BW für die Revitalisierung von Bächen und Flüssen ein, wovon auch heimische Krebse profitieren könnten. Direkte Projekte zu Krebsen gebe es dort derzeit nicht.