Touristisches und Gesundheit: Superfrucht Sanddorn? Vom Feld ins Glas und auf die Haut
Sanddorn gilt als „Zitrone des Nordens“, aber was steckt wirklich in der orangen Beere? Am meisten geerntet wird die Frucht nicht etwa an den deutschen Küsten - sondern in Brandenburg.
Gerade läuft die Glühwein-Produktion. In einer Fertigungshalle duftet es nach Weihnachtsmarkt mit einem Schuss Zitrus. Es ist aber nicht etwa Mandarine, was da so riecht - sondern Sanddorn. Die orangefarbenen Beeren wachsen zuhauf in Petzow in Werder (Havel) auf einer der größten Plantagen Deutschlands. Sanddorn liebt sandigen Boden und damit die berühmte „märkische Streusandbüchse“.
Momentan ist Erntezeit. 150 Hektar Sanddorn-Feld betreibt die Landwirtin und Unternehmerin Christine Berger nach eigenen Angaben: „Man kann einfach alles aus Sanddorn machen. Das ist das schöne.“ Nun also Glühwein mit Blick auf die kommende Adventszeit.
Ein Nischenprodukt: Touristisches für die deutschen Küsten
Superfrucht nennt die Landwirtin die Beere. Seit 35 Jahren macht ihre Familie in Sanddorn, damals wurde das Feld als Experiment angelegt. „Zu DDR-Zeiten hat man sich Gedanken gemacht, wie man die Bevölkerung mit Vitaminen versorgt.“ Zusammen mit der Berliner Humboldt-Universität sei man auf den Sanddorn gekommen und wollte das ausprobieren.
Sanddorn ist bis heute ein Nischenprodukt. Bekannt ist er vor allem an der Nord- und Ostseeküste, wo die Sanddorn-Büsche wild wachsen. Hier liegen auch die größten Abnehmer der Brandenburger Produkte. „Das ist unser Hauptabsatzkanal, alles, was in Verbindung mit dem Ostseetourismus und dem Urlaub dort steht“, erklärt Berger.
Ein Schnapsglas am Morgen
Über 270 Tonnen Sanddorn wurden laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr in Brandenburg geerntet - so viel wie in keinem anderen Bundesland. Im ökologischen Strauchbeerenanbau landete der Sanddorn sogar auf Platz 3 der bedeutendsten Kulturarten: Hinter der Aroniabeere mit 870 Hektar Anbaufläche und der Kulturheidelbeere mit 590 Hektar auf einem Gebiet von 480 Hektar.
Im Verkaufsraum des Brandenburger Betriebs einige Kilometer vom Feld in Potsdam-Mittelmark entfernt steht so ziemlich alles, was man sich aus Sanddorn vorstellen kann: Tee, Bonbons, Likör, Saft, Gummibärchen, Marmelade, Waffeln, Senf, Öl, Meerrettich, außerdem Kosmetika wie Körperlotion.
Frisch gibt es die leuchtenden Beeren nicht zu kaufen. Denn direkt nach der Ernte werden die behangenen Zweige erst mal schockgefrostet und kommen dann in die Rüttelmaschine. Sanddornbeeren lassen sich so am besten ernten. Sie sitzen sehr fest an den dornigen Ästen und ihre dünne Haut könnte beim Abzupfen sonst leicht aufplatzen.
Vom Strauch in den Mund ist beim Sanddorn nicht angesagt
Leckere Erdbeeren zum Naschen sind Sanddorn-Beeren ohnehin nicht. Frisch vom Strauch schmecken die Beeren sauer und herb - mit einem Kern in der Mitte, der beim Draufbeißen an bittere Traubenkerne erinnert. Erst durch Zucker oder die Kombination mit anderen Früchten wird Sanddorn massentauglich, heißt es oft.
„Es gibt schon auch Pur-Liebhaber“, widerspricht die Landwirtin. Sie setzt neben dem Handel mit der Küste auch auf den Trend „Clean Eating“, wie es in der Marketingsprache heißt: Lebensmittel ohne unnötige Zusatzstoffe. Am beliebtesten sei der reine Sanddorn-Saft. „Einige trinken den jeden Morgen in einem Schnapsglas.“
„Zitrone des Nordens“ - Ist Sanddorn eine Superfrucht?
Punkten will sie bei der gesundheitsbewussten Kundschaft und der Generation Z - für die Sanddorn noch längst nicht so hip ist wie die exotischen Acai- oder Goji-Beeren - mit einem Shot. Natürlich mit Ingwer und Kurkuma.
Trägt Sanddorn denn das Label „Superfrucht“ zu Recht? „Sanddorn ist als Zitrone des Nordens bekannt, weil sie mehr Vitamin C hat als die üblichen Zitrusfrüchte“, sagt Gabriele Kaufmann vom Bundeszentrum für Ernährung. Außerdem stecken mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Vitamin E, Betacarotin, Eisen, Magnesium, Zink, Flavonoide und viele Antioxidantien in den orangen Beeren, erklärt die Ökotrophologin.
Regionale Pflanze - mit Hitze kann sie nur bedingt umgehen
„Es ist eine tolle Beerenfrucht, weil sie einen bemerkenswerten Nährstoffmix hat, den nicht so viele Pflanzen in sich haben“, sagt die Ernährungsexpertin. Auf das Prädikat „super“ will sie sich aber nicht einlassen, ebenso wenig wie für die Trendfrüchte Acai, Goji und Co.
Im Gegensatz zu anderen Beeren sei sie aber regional zu bekommen. Einzig für Menschen mit empfindlichem Magen sei Sanddorn möglicherweise schwierig: Gerbstoffe und Säure können zu Sodbrennen oder Reizungen führen.
So sehr Berger auf Sanddorn setzt: Der Klimawandel beschäftigt sie. „Vor allen Dingen die langanhaltenden Hitzeperioden machen uns große Sorgen.“ Eine Sanddorn-Sorte habe die große Hitze im Juni - mit über 40 Grad in mehreren Orten des Bundeslands - nicht vertragen. Deren Ernte sei beschädigt worden. „Wir kämpfen in Brandenburg gerade um den Sortenerhalt.“
Deswegen weiche der Betrieb auch von der bisherigen Philosophie ab, den Sanddorn als Wildpflanze so anzubauen, wie er sei, sagt die Landwirtin. In den Anwuchsphasen bekommen die jungen Pflanzen jetzt häufiger Wasser. Die Frage sei auch, ob sie beim Solo-Anbau bleiben möchte. Künftig könnten noch weitere Kulturen hinzukommen, überlegt sie: Walnüsse zum Beispiel.