In Frankreich rufen Schüler und Lehrkräfte für Donnerstag zum Ausstand auf. Die Protestwelle könnte auch die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr beeinflussen. Die Marschroute für Donnerstag ist klar. "Wir rufen zu einem 'zweiten Akt' auf", erklärte Ryad Rani Schroeyers. Der Abiturient, von allen nur kurz Ryad Rani genannt, ist erst 18 Jahre alt. Aber derzeit zittert ganz Frankreich vor ihm. Als "Vater des Protests" bezeichnet ihn das Portal "L'Opinion", die Zeitschrift "Marianne" weiß über Morddrohungen zu berichten. Denn Ryad Rani versetzt Frankreich in einen Ausnahmezustand. Frankreich: Die hohen Schulden werden zum Problem Gewalt: Schülerproteste in Frankreich eskalieren Der Abiturient ist Landesschülersprecher in Frankreich . Im ganzen Land gehen in diesen Tagen Schüler und Lehrkräfte auf die Straße, um gegen die schlechte Ausstattung der Schulen und den hohen Lerndruck zu protestieren. Mehr als 625 Festnahmen meldet der französische Innenminister Laurent Nuñez und 83 verletzte Polizisten. Sein Kabinettskollege, Bildungsminister Edouard Geffray, sprach von 119 verletzten Demonstranten und prangerte das Vorgehen der Polizei an. Präsident Emmanuel Macron schaltete sich von einem Spanien-Besuch aus in die Debatte ein. Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen erreichen die Proteste die Politik. Für diesen Donnerstag ist landesweit ein weiterer Streiktag angekündigt. Ryad Rani rief "alle Gewerkschaften sowie Verbände und politischen Organisationen" auf, sich dem Ausstand anzuschließen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Protesten. Warum gehen Schüler und Lehrkräfte auf die Straße? Die Proteste der Schüler begannen in der Vorwoche im Pariser Vorort Saint Denis. Dort wird das Gymnasium Paul Éluard blockiert. Rasch breiteten sich die Proteste auf den Norden und Osten des Landes aus. Schwerpunkte sind neben der Region Paris Städte wie Lille, Lyon und Straßburg an der Grenze zu Baden-Württemberg. Die Wut der Schüler und Lehrkräfte richtet sich zum einen gegen die schlechte Ausstattung der Schulen. Unbesetzte Lehrerstellen verursachen nach deren Ansicht einen hohen Lerndruck. Besonderen Unmut erregt die Plattform Parcoursup, die Abiturienten auf die Aufnahmeprüfung an Universitäten und Hochschulen vorbereitet. In Frankreich machen rund 80 Prozent eines Geburtsjahrgangs das Abitur . Entscheidend ist jedoch die Aufnahme an guten Hochschulen wie den sogenannten Écoles Nationales, die den weiteren Weg in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft ebnen. Jean-Luc Mélenchon, Chef der linkspopulistischen Partei La France Insoumise (LFI) – das unbeugsame Frankreich – prangerte die "soziale Ungleichheit" und einen "rassistischen Unterton" im Bildungssystem an. Wer ist Streikführer Ryad Rani Schroeyers? Der Anführer der Schüler stammt aus Wattrelos nahe Lille im Norden Frankreichs. Er war zunächst Generalsekretär und dann Präsident der Schülergewerkschaft USL. Das Portal "L'Opinion" nennt ihn nur kurz den "Sprecher der Wut". Kritik erregte Ryad Ranis politisches Engagement für die linkspopulistische Partei LFI in seiner Heimatgemeinde Wattrelos. "Ich weigere mich, tatenlos zuzusehen, wenn eine Stadt, ein Département oder ein Land in die Hände der extremen Rechten fallen könnte", rechtfertigte sich Ryad Rani. Wie reagiert die Politik? Von Madrid aus erklärte Präsident Emmanuel Macron, er verstehe "die Ängste – bisweilen – und die Wut, die unsere Jugend empfinden kann", betonte jedoch zugleich, dass "keine dieser Befürchtungen Gewalt rechtfertigt". Doch die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu reagiert gespalten. Innenminister Nuñez setzt auf die Härte der Polizei, Bildungsminister Geffray zielt auf Verständigung. Über die Einrichtung eines Internetportals will der Bildungsminister in Dialog mit den Schülern kommen. Zudem rief er auf der Plattform X die Direktoren der Gymnasien auf, "überall dort, wo es notwendig ist, die Schülerräte einzuberufen". Geffray: "Jede Stimme muss gehört werden können. Die Beiträge werden vor Ort analysiert, und ich werde eine nationale Rückmeldung organisieren. Um zu handeln, zum Wohl der Schüler und der Schule." Welche Folgen haben die Proteste für die Präsidentschaftswahl? Ein Jahr vor der Abstimmung über die Nachfolge des scheidenden Staatschefs Emmanuel Macron gewinnen die Proteste eine starke politische Bedeutung. Zwar richten sich die Demonstrationen der Schüler in erster Linie gegen die Bildungspolitik. Allerdings brechen sich in den teils gewaltsamen Protesten auch grundsätzlicher Unmut und Politikverdrossenheit Bahn: "Macron hau ab" und "Fuck RN" – gegen die rechtspopulistische Bewegung Rassemblement National von Marine Le Pen – zählten zu den nicht den Schulalltag betreffenden Slogans, die bei den Demos zu sehen waren. Vor allem die politische Linke versucht von den Protesten zu profitieren. So steht nicht nur Ryad Rani der linkspopulistischen LFI nahe. Auch der LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, erregte Aufsehen, als er erklärte, dass Gewalt unter Umständen "gerechtfertigt" sein könnte. Zudem verbreitete sich von ihm ein Video, das ihn in der Nähe einer brennenden Mülltonne zeigte. Bagayoko wies Vorwürfe zurück, er habe die Proteste angeheizt. Er erklärte, dass er im Gegenteil versucht habe, das Feuer zu löschen und die Lage zu beruhigen. LFI-Chef Mélenchon, der im kommenden Jahr als einer der zentralen Konkurrenten der rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen gilt, warf der Regierung vor, auf die Schülerbewegung mit "Repression" zu reagieren. "Wir sind stolz, unsere Kinder vor der Brutalität der Polizei zu schützen", schrieb er am Mittwoch auf der Plattform X. Ein Fall von Instrumentalisierung, heißt es aus dem Mitte-Rechts-Lager. LFI nutze die wütenden Jugendlichen "als Kanonenfutter" im Präsidentschaftswahlkampf, sagte der konservative Politiker Gabriel Attal. "Diese Manipulation ist inakzeptabel", erklärte er und veröffentlichte schnell ein Selfie-Video, in dem er eine bessere Isolierung der Schulgebäude, einen Schulbeginn erst um 9 Uhr und KI-Kurse für die Schulen forderte. Für die Wahl im kommenden Jahr wird ein knappes Ergebnis erwartet. Linkspopulist Mélenchon könnte laut einer Umfrage je nach Kandidatenkonstellation in die Stichwahl gegen Le Pen einziehen . Nach einer Analyse des Instituts Montaigne in Paris sind auch die Erstwähler entscheidend. Sie zählen zu einer wichtigen Zielgruppe für die Linkspopulisten. In einer Umfrage kam die LFI zuletzt auf 41 Prozent der Stimmen in der Wählerschaft zwischen 18 und 25 Jahren. In den Umfragen führt derzeit die rechtspopulistische Politikerin Marine Le Pen. Politik-Expertin Blanche Leridon warnt in ihrer Analyse für das Institut Montaigne: "Die Radikalisierung übernimmt die Führung."