Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Deutschland redet über die starke AfD und die schwache Wirtschaft, es geht um Extremismus, Sozialreformen und Migrationspolitik. Um eines der wichtigsten Themen geht es nicht. Heute nicht und gestern nicht und schon seit Jahren viel zu selten. Dabei ruht auf diesem Fundament der gesamte Wohlstand des Landes: Die Bildung der Kinder ist der wertvollste Rohstoff, den eine alternde Nation wie die Bundesrepublik besitzt. Wie es um diesen Schatz bestellt ist, ob er glänzt oder verblasst, zeigt die neue PISA-Studie, die an diesem Dienstagmorgen in Berlin vorgestellt wird. Die Erhebung ist ebenso aufwendig wie brisant: Weltweit haben 760.000 Fünfzehnjährige teilgenommen, rund 6.700 von ihnen in Deutschland. Getestet wurden die Kernkompetenzen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, letztere stehen diesmal im Fokus. Ergänzt wurde die Prüfung um das "modellbasierte Problemlösen" – eine höfliche Formulierung für die Frage, ob die Jugend im digitalen Zeitalter nicht nur daddeln, sondern auch denken kann. Das Ergebnis soll einem ersten Bericht zufolge deprimierend ausgefallen sein. Kommt es tatsächlich so, dürfte es wie schon beim "PISA-Schock" vor 25 Jahren hektische politische Betriebsamkeit auslösen – die dann wieder einmal verpufft. Denn die bittere Wahrheit ist: Trotz aller Schwüre und Geldspritzen der vergangenen Jahre erweist sich die deutsche Bildungsmisere als chronisches Leiden. Ganze Generationen von Politikern haben mit unzähligen Konzepten an einem siechen System herumgedoktert, ohne dessen Statik zu stützen. Die Krisensymptome sind allgegenwärtig: Es fehlen Zehntausende Lehrer, während die verbliebenen unter der Last starrer Lehrpläne und ausufernder Bürokratie ächzen. In den Klassenzimmern wächst die Zahl der Kinder, die dem Unterricht sprachlich nicht folgen können; doch für individuelle Förderung fehlt die Zeit. Vielerorts lähmt ermüdender Frontalunterricht die Kreativität der Jugendlichen. Schulgebäude verfallen, die Digitalisierung ist ein Trauerspiel aus inkompatiblen Plattformen, überforderten Lehrern und fehlendem WLAN. Und über allem thront das 16-köpfige Monster des Bildungsföderalismus. Diese Hydra verkörpert die Wurzel des Übels. Weil Bildung Ländersache ist, wird sie seit Jahrzehnten als Spielball der Parteipolitik missbraucht. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen, erfindet im Vierjahrestakt das Rad neu und erklärt die eigenen Schüler zu Versuchskaninchen im landeseigenen Reformlabor. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich aus 16 Schulsystemen, 16 Lehrplänen und 16 Abiturniveaus, der Chancengerechtigkeit zur Farce macht und Umzüge von Familien zur Bildungslotterie. Diesen bildungspolitischen Kleingeist und diesen permanenten Ausnahmezustand kann sich eine Wirtschaftsnation, deren Wohlstand erodiert, nicht länger leisten. Es ist höchste Zeit, die ewige Flickschusterei zu beenden. Es braucht keine neuen Arbeitsgruppen, sondern drei entschlossene Reformen: - Erstens: Einheit statt Chaos. Die Bildungspolitik gehört in die Verantwortung des Bundes. Schluss mit der Kleinstaaterei. Notwendig sind nationale, verbindliche Standards für Lehrpläne, Abschlüsse und die Lehrerausbildung. Das ermöglicht Chancengleichheit für alle Kinder, die Vergleichbarkeit von Leistungen und den effizienten Einsatz von Steuergeld. Dabei sollten erprobte Kriterien aus den Ländern mit den weltweit erfolgreichsten Schulsystemen Berücksichtigung finden – etwa Finnland, Estland und Kanada. "Kinder müssen raus aus der Parteipolitik", sagt die Bildungsexpertin Margret Rasfeld in unserem Podcast "Vorangedacht". - Zweitens: Priorität statt Almosen. Bildung muss zur zweitwichtigsten Staatsaufgabe nach der Landesverteidigung aufgewertet werden – und damit ausdrücklich vor die Sozialpolitik rücken. Das ist kein Plädoyer für unsoziale Kälte, sondern für simple Logik: Das Geld, das der Sozialstaat verteilt, muss von klugen, kreativen und gut ausgebildeten Köpfen erst einmal erwirtschaftet werden. Bildung ist deshalb die ultimative Sozialpolitik. Sie sollte in den Haushaltsplanungen Vorrang bekommen. - Drittens: Charakterköpfe statt Rechenknechte. Die Schule der Zukunft darf nicht nur auf MINT-Fächer und Fremdsprachen schielen. Mindestens ebenso wichtig wie Kompetenzen in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften ist die Reifung mündiger und empathischer Persönlichkeiten. Die Fähigkeit, Verantwortung für sich, die Gemeinschaft, die Demokratie und die Natur zu übernehmen, erlernt man nicht über Nacht. Sie erfordert Zeit und Erfahrungen im Sozialleben. Neben dem Elternhaus ist die Schule der entscheidende Ort dafür. Das Land braucht junge Menschen, die nicht nur Formeln beherrschen, sondern auch einen moralischen Kompass besitzen. Der Befund der letzten PISA-Studie im Jahr 2022 markierte einen Tiefpunkt. Die Leistungen in einigen Fächern sanken auf das niedrigste Niveau seit Bestehen der Erhebung – und das lag nicht allein an der Corona-Pandemie. Leider wurde dieser Weckruf überhört. Das darf sich nicht wiederholen. Die Regierenden und die Parlamentarier in Bund und Ländern sollten den Mut aufbringen, drei fundamentale Reformschritte zu wagen. Es wäre das Signal, dass Deutschland sich wirklich erneuern will. Und eine richtig gute Nachricht gegen den Krisenfrust. SACHSEN-ANHALT BSW als Steigbügelhalter? Wenn heute in Magdeburg die Landtagsfraktionen zu ihren ersten Sitzungen zusammenkommen, richten sich die Blicke besonders auf die kleinste Gruppe: die Parlamentarier des BSW. Denn die heillos zerstrittene Partei von Gründerin Sahra Wagenknecht hat es mit 5,3 Prozent nicht nur knapp ins Parlament geschafft. Sie könnte sich auch als entscheidender Faktor entpuppen, wenn es an die schwierige Regierungsbildung geht. Da der AfD trotz ihres Erdrutschsiegs mit 43,8 Prozent der Stimmen drei Mandate zur absoluten Mehrheit fehlen (ihren 39 Sitzen stehen ebenso viele von CDU, SPD, Grünen und Linken gegenüber), hätte das BSW mit seinen fünf Abgeordneten die Möglichkeit, den AfD-Frontmann Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten zu wählen. "Das kleine BSW ist jetzt sehr mächtig", schreibt unsere Reporterin Julia Naue. Zwar erteilte BSW-Co-Spitzenkandidatin Claudia Wittig einer Koalition mit der AfD gestern einmal mehr eine Absage. Sie erklärte aber auch, sich eine projektbezogene Kooperation mit der AfD vorstellen zu können – und warb für die Idee eines "überparteilichen" Regierungschefs, der sich wechselnde Mehrheiten suchen müsste. Wahrscheinlicher als dieses Szenario, für das bisher niemand sonst Sympathien bekundet hat, erscheint da schon, dass eben doch einzelne BSW-Abgeordnete als Steigbügelhalter fungieren und für Siegmund stimmen. Genug Gemeinsamkeiten hat die ehemals linke Parteigründerin Wagenknecht schon benannt: etwa, wieder Gas beim russischen Kriegsverbrecher Wladimir Putin kaufen zu wollen und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schleifen. Auch in der Forderung nach einer noch stärkeren Begrenzung der Migration stehen sich die beiden Parteien nahe. BUNDESTAG Klingbeil bringt Haushalt ein Auch in Berlin ist die Sommerpause endgültig vorbei, die Abgeordneten des Bundestags kommen zu ihrer ersten Sitzungswoche zusammen. Zunächst steht die Vereidigung der neuen Minister Steffen Bilger (Verkehr, CDU) und Carsten Linnemann (Gesundheit, CDU) auf der Tagesordnung, dann bringt SPD-Finanzressortchef Lars Klingbeil seinen Haushaltsentwurf für das kommende Jahr ein, über den bis Freitag Ministerium für Ministerium im Parlament debattiert wird. Die Pläne des Vizekanzlers sehen für 2027 Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro sowie eine Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro vor – und sind höchst umstritten. Schließlich kommen dazu noch neue Schulden aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Bundeswehr, was ein Gesamtschuldenvolumen von sage und schreibe 200 Milliarden Euro ergibt. Entsprechend kritisiert der Bundesrechnungshof bereits den "expansiven" Ausgaben-Kurs der schwarz-roten Koalition, während die Sozialverbände vor Kürzungen bei den Bundeszuschüssen zur Renten- und Krankenversicherung, beim Wohn- und Elterngeld warnen. Die Parlamentsdebatten dürften dementsprechend turbulent verlaufen. INDONESIEN Vulkan verursacht Flugchaos Der Ausbruch des Vulkans Anak Krakatau in Indonesien erzeugt Chaos im Flugverkehr. Wegen der Aschewolken wurde der Flugbetrieb an beiden internationalen Airports in der Hauptstadt Jakarta tagelang ausgesetzt, auch der wichtige Flughafen Soekarno-Hatta war betroffen. Mehr als 341.000 Reisende strandeten. An fünf von insgesamt acht Flughäfen wurde der Betrieb am Dienstag (Ortszeit) jedoch wieder aufgenommen, wie Indonesiens Verkehrsminister Dudy Purwagandhi mitteilte. Die Airlines stehen nun vor der logistischen Aufgabe, alle gestrandeten Passagiere in Flugzeugen unterzubringen und an ihre vorgesehenen Ziele zu befördern. Lesetipps Bemerkenswert selbstkritisch hat Kanzler Friedrich Merz die CDU-Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt eingeordnet – und eine bessere Ansprache der Bürger versprochen. Mein Kollege Florian Schmidt fragt, ob das gelingen kann. Artikel lesen Die SPD will aus der Wahl in Sachsen-Anhalt Lehren ziehen und zentrale Reformprojekte neu verhandeln. Auf CDU/CSU und den Kanzler dürften unruhige Zeiten zukommen, schreibt unser Reporter Daniel Mützel. Artikel lesen Auch das Ausland reagiert auf das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Die Stellungnahmen zeigen, wer sich vom Erstarken der AfD etwas verspricht. Unser Außenpolitikredakteur Patrick Diekmann hat den Überblick. Artikel lesen Donald Trump postete eine Grafik zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt. Das hat System, denn zwischen der MAGA-Bewegung und der Rechtsaußen-Partei ist ein Netzwerk entstanden, das die Brandmauer einreißen will, beobachtet unser USA-Korrespondent Bastian Brauns. Artikel lesen Ohrenschmaus Auf zu neuen Welten! Heute vor 60 Jahren strahlte der amerikanische Fernsehsender NBC die erste Folge der TV-Serie "Star Trek" aus. Die Titelmelodie klingt vielen Fans noch heute in den Ohren. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen stabilen Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Claude (Anthropic).