Im Osten wird gewählt. Auch in Berlin, einst Frontstadt des Westens, Bollwerk gegen den Sozialismus. Jetzt will eine Sozialistin ins Rote Rathaus. Elif Eralp hat Chancen. Noch knapp zwei Wochen bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, knapp vier Wochen bis zu der in Mecklenburg-Vorpommern. CDU gegen AfD hier, SPD gegen AfD dort, die einstigen Volksparteien der Mitte, Sven Schulze und Manuela Schwesig voran, kämpfen ihren mehr oder weniger tapferen, hin und wieder verzweifelten Kampf gegen die absehbare Vorherrschaft der Rechten im Osten. Nur bei der dritten Landtagswahl, in Berlin am 20. September, ist alles ganz anders. Da ringen die Parteien des demokratischen Spektrums um Sieg und Platz, ein spannender Wettkampf, gleich drei Parteien liegen mehr oder weniger gleichauf: CDU, Grüne und Linke, die SPD mit einigem Abstand dahinter. So lesen und hören Sie es in diesen Tagen. Die AfD? Wird bei 17 Prozent gehandelt, fast doppelt so viel wie beim letzten Mal. Aber sie wird keine Rolle spielen bei der Regierungsbildung, es gibt im Berliner Abgeordnetenhaus eine Mehrheit gegen rechts, auch künftig. Kristin Brinker heißt die Spitzenkandidatin der AfD, sie schafft es beim "Spiegel" nicht aufs Titelbild wie ihr Kollege Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt. In der Redaktion an der Hamburger Ericusspitze hält man sie offenbar nicht für die gefährlichste Frau Deutschlands. Dieses Etikett, natürlich in der männlichen Variante, wurde Siegmund zuteil, er trägt es wie einen Ehrentitel. Berlin-Wahl: Eine Partei ist kaum noch zu stoppen Exklusive Umfrage : So bewerten die Wähler in Berlin zentrale Fragen Also alles gut in unserer Hauptstadt? Sie ist bisweilen etwas schräg drauf, nicht immer picobello sauber, auch das hören und lesen Sie, oder Sie schauen es sich selbst an. Berlin braucht Geld, aus dem reichen Süden. Bayern und Baden-Württemberg schicken jedes Jahr 1.000 Euro pro Kopf der Bevölkerung, insgesamt vier Milliarden. Der Bund legt noch mal ein paar hundert Millionen drauf, die Hauptstadt kann das nicht alles aus eigener Kraft finanzieren: die Sicherheit der Staatsgäste, die Polizeieinsätze bei den Palästinademos, das Planschbecken vor dem Theater , Sie haben sicher davon gehört, ganz große Kunst. Medien überschlagen sich: die spannendste Frau Deutschlands Lassen Sie uns ganz nüchtern und ohne dieses ganze Berlin-Bashing auf die Wahl blicken in einer Stadt, die jahrzehntelang Frontstadt hieß, die der Vorposten des freien Westens war, die alles kann und noch mehr will: Olympia , eine Weltausstellung, eine halbe Million Bäume pflanzen. Vielleicht prangt nach der Wahl der Kopf einer Berliner Politikerin auf dem Titel des "Spiegel", und nicht nur dort. Der Kopf von Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken, sie hat Chancen, Regierende Bürgermeisterin zu werden. Die Medien überschlagen sich schon jetzt: die spannendste Frau Deutschlands. Vergleiche werden angestellt mit dem Linken Zohran Mamdani, der New York erobert hat. Mit dem Labour-Mann Andy Burnham , der in Manchester regierte und jetzt in Downing Street No. 10, oder mit AOC, Alexandria Ocasio-Cortez , die mitten im Trump-Imperium als bekennende Sozialistin den Widerstand organisiert und die Stimme eines jungen, linken Amerikas ist. In Berlin zu regieren, ist etwas Besonderes. Ernst Reuter, Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker, große Namen der Zeitgeschichte standen an der Spitze der Stadt, nie war eine Linke oder ein Linker dabei. Nein, ich muss mich korrigieren. Auch Herbert Fechner und Eberhard Krack regierten hier, als Oberbürgermeister von Ost-Berlin, beide SED. Christian Hartenhauer gehört ebenfalls in diese Reihe, da hieß die SED schon PDS. Jetzt heißt die SED nicht mehr PDS, sondern Die Linke , aber in diese Reihe wollen wir Elif Eralp doch nicht stellen, oder? Sie ist 1980 geboren, in München , Tochter eines Arztes, sie wuchs in Dortmund auf, in Hamburg studierte sie. Die DDR kennt sie nur vom Hörensagen. Das ist schade. Ein wenig Ost-Berliner Street Credibility von damals würde einer linken Bürgermeisterin in spe gut zu Gesicht stehen. Vielleicht hätte sie noch Erinnerungen an die Zustände in den Altbauten in Mitte und Prenzlauer Berg , bevor nach der Wende die westlichen Immobilienhaie kamen und all die schicken Dachgeschosse herrichteten, in denen heute eine lässige linke Bohème lebt. Erinnerungen daran, wie es vorher war, an heruntergekommene Häuser mit schwarzen Fassaden und stinkenden Braunkohle-Öfen. Erinnerungen an den Sozialismus. Aber die Mieten waren niedrig. Für Eralp ist das die Miet-Mafia Im Wahlprogramm von Elif Eralp geht es auf den ersten 83 von insgesamt 333 (!) Seiten um Bauen und Wohnen, vor allem um die Mieten. Dass die in letzter Zeit so stark gestiegen sind, liegt für sie an drei kapitalistischen Unternehmen: Vonovia , Deutsche Wohnen, Heimstaden. Das ist die Miet-Mafia. Private Vermieter sind grundsätzlich dreist, zocken ihre Mieter ab. Wohnen ist ein Grundrecht, das darf man nicht länger dem Markt überlassen. Deshalb werden die großen Drei verstaatlicht, wenn Eralp regiert, 200.000 Wohnungen kommen so unter öffentliche Kontrolle, zusätzlich zu den 400.000, die schon heute den landeseigenen Wohnungsgesellschaften gehören. Aber auch denen ist nicht zu trauen; für sie wird die linke Regierung einen Mietendeckel beschließen – keine Steigerung mehr, jede Modernisierung muss "warmmietenneutral" sein. Nichts davon darf am Geld scheitern. Falls Sie den modernen Berliner Sozialismus ausführlich studieren wollen, finden Sie hier das Wahlprogramm der Linken, nicht dass Sie denken, ich übertreibe. Die Linke geht so weit, sogar ImmoScout24 zu verstaatlichen, ja, Sie lesen richtig. Weil die Immobilienplattform falsche Preissignale sendet, jedenfalls aus Sicht der vielleicht künftig Regierenden. Der Sozialismus unter Elif Eralp ist dem Sozialismus ihrer SED-Vorgänger in Ost-Berlin zum Verwechseln ähnlich. Die Linke formuliert die alten Rezepte einfach als neues Versprechen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Berlin das Paradies wählt, wenn es schon mal angeboten wird. Wie gesagt, unsere Hauptstadt ist gelegentlich etwas schräg drauf. Die demokratische Mitte ist ratlos Es wird in diesen Wochen viel gewarnt vor allem vor dem, was in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern passieren könnte, wenn die falschen Leute an die Macht kommen. Abschaffung der Schulpflicht, Ausstieg aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, eine Abschiebe-Polizei nach Trumps Vorbild, Volkslied statt Volksbühne, der Katalog der angedrohten Maßnahmen ist lang. Die demokratische Mitte ist ratlos: Das soll ein attraktives Programm für die Wähler sein? Ich bin auch ratlos. Mit Blick auf Berlin wird diese Frage nicht gestellt. Obwohl die Mietenfrage nur eine von vielen ist. Elif Eralp verspricht ein soziales Schlaraffenland, es gibt alles für alle, Gesundheit und Glück, 24 Kiezkantinen bieten demnächst ein gutes Mittagessen für drei Euro an. Drei Euro, da kann kein Döner-Imbiss mithalten, keine Currywurst-Bude, so was gibt es nur im Sozialismus. Antifaschismus gibt es gratis dazu, Antirassismus und Antikapitalismus ebenso. Und Antisemitismus, aber das steht nicht im Programm, das ist einfach die Realität. Falls Sie im September in einem der drei Bundesländer wahlberechtigt sind, steht es Ihnen selbstverständlich frei zu entscheiden, wen Sie wählen. Ich habe allerdings eine Bitte: Wenn die Rechten die Mehrheit in Sachsen-Anhalt bekommen, ertragen Sie es mit Fassung. Suchen Sie die Schuld dafür nicht bei Merz, beim Westen oder bei der Nato . Die Konsequenzen müssen die Wähler schon selbst tragen. So geht Demokratie. Mit den Linken in Berlin ist es genauso. Wenn Elif Eralp die Wahl gewinnt, dürfen sie feiern. Also sie oder Sie, je nachdem. Aber niemand sollte erwarten, dass andere ihre Wahlversprechen bezahlen. Noch mehr Geld wird der reiche Süden nicht schicken, Merz und Klingbeil sind sowieso blank. Und Vorsicht, Sozialismus ohne Geld ist ein Paradies ohne Garten. Das endet ziemlich enttäuschend.