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Hannes Jaenicke schlägt Alarm: "Die Politik hat Angst"

Als Filmstar und Umweltaktivist erreicht Hannes Jaenicke ein Millionenpublikum. Regelmäßig warnt er vor den Schäden durch die Klimakrise. Seine Verzweiflung wächst, wie er im Interview verrät. Feuer über Deutschland: Über Tage brannte es im Hürtgenwald lichterloh. Seit Aufzeichnungen im Jahr 1991 fiel noch nie eine derart große Fläche in Nordrhein-Westfalen den Flammen zum Opfer. Ein ähnliches Schicksal droht dem belgischen Naturschutzgebiet Hohes Venn, eine Grenzregion nahe Aachen . Gerät die Lage immer weiter außer Kontrolle? Als Umweltaktivist macht Hannes Jaenicke bereits seit Jahren auf die Auswirkungen der Erderwärmung aufmerksam. Zudem erlebt er die Folgen des Klimawandels hautnah auf seinem Grundstück im von Dürren geplagten Oberbayern . Der 66-Jährige selbst hat längst sein Verhalten angepasst, berichtet er t-online im Interview. Doch die Krise, gegen die er ankämpft, sei auf eine ganze Reihe politischer Versäumnisse zurückzuführen. t-online: Herr Jaenicke, Europa erlebt extreme Hitze, Dürre und Waldbrände. Trotzdem steht Klimapolitik nicht weit oben auf der politischen Agenda. Wie erklären Sie sich das? Hannes Jaenicke: Wir sind einfach gut im Verdrängen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal ist gerade einmal fünf Jahre her. Kein Mensch redet mehr darüber. Wir hatten vorübergehend Politiker, die das Thema angepackt haben. Aber das Grünen-Bashing war so erfolgreich, dass die AfD jetzt bei knapp 30 Prozent liegt, die Grünen bei 15 Prozent dümpeln und keiner wahrhaben will, dass die Klimakrise das dringendste Thema ist, mit dem wir uns beschäftigen sollten. Denn dann müssten wir tatsächlich etwas verändern. Und das will offensichtlich niemand. Sie sprechen von gezieltem "Bashing"? Ja. Das ist nachgewiesen, dazu gibt es Studien: Und jetzt wundert man sich, dass wir keine Klimapolitik haben. Das ist für ein Land mit einem doch relativ hohen Bildungsniveau erstaunlich dumm, kann ich nur sagen. Aber haben die Grünen nicht auch selbst Fehler gemacht und damit zum Verdruss über die Klimapolitik beigetragen? Natürlich haben die Grünen Fehler gemacht. Es gibt keinen Menschen und keine Partei, die keine Fehler macht. Aber grundsätzlich haben die Grünen genau die Themen auf dem Schirm, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten: Entsiegelung, die Reduktion des Fleischkonsums, die Reduktion der Massentierhaltung und so weiter. Die Liste ist endlos. Die einzige Partei, die das tatsächlich auf der Agenda hat, sind die Grünen. Sie leben am Ammersee. Wie unmittelbar erleben Sie dort die Dürre? Jeder, der Nachrichten konsumiert, weiß: Die Donau hat kaum Wasser, der Rhein hat kaum Wasser, die Elbe hat kaum Wasser. Die Hallertau, das größte Hopfenanbaugebiet Europas, hat kein Wasser mehr. Das gilt letztlich für ganz Deutschland. Es ist völlig egal, ob man in Oberbayern oder Brandenburg ist: Wir trocknen aus. Das wird in dem Moment wieder vergessen werden, in dem der Regen kommt. Der Mensch ist leider so. Aber die Folgen sieht jeder, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Gießen Sie Ihren eigenen Garten noch? Wir haben ihn seit Ende Juni nicht mehr gegossen. Warum auch? Braucht es also erst einen größeren Leidensdruck, bevor sich tatsächlich etwas verändert? Ich bin kein Psychologe, aber ich glaube: Der Leidensdruck muss steigen. Warum machen Spanien , Italien oder Griechenland beim Thema Hitze inzwischen so viel? Weil es zu heiß wird. Bei über 50 Grad kann man nur noch sehr schwer leben. Wenn der Leidensdruck weiter steigt – und das wird er –, werden auch wir in die Puschen kommen. Wo liegt die Hauptverantwortung: bei der Politik oder bei jedem Einzelnen? Bei allen: der Politik, der Industrie und auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Wir können nicht weiter Millionen Kreuzfahrten buchen, wir können nicht ständig durch die Welt jetten. Der Fleischkonsum steigt seit zwei Jahren wieder rasant an. Immer nur die Politik verantwortlich zu machen, ist wahnsinnig einfach. Das stimmt, trotzdem: Welche Verantwortung hat die Politik? Eine große. Die Politik ist erschreckend untätig. Sie kommt ja oft erst in die Puschen, wenn sie verklagt wird. Ich bin jetzt zum zweiten Mal Teil einer Klage gegen die Regierung wegen mangelnden Biodiversitätsschutzes. Aber wir bekommen ja nicht einmal die banalsten Dinge wie ein Tempolimit durch. Damit könnten wir 1,6 bis 1,8 Millionen Tonnen CO₂ einsparen und Hunderte Verkehrstote verhindern. Wir sind ein Land, das beim Klimaschutz offensichtlich komplett beratungsresistent ist. Wie erklären Sie sich das? Ich bin kein Psychologe, aber ich glaube, niemand will auf etwas verzichten. Wenn Klimaschutz ohne Verzicht ginge, könnten wir weiter mit fetten SUVs durch die Innenstädte fahren, mit 200 über die Autobahn brettern, fliegen, wann immer uns danach ist, und Kreuzfahrten buchen, wann immer wir sie uns leisten können. Das ist, was die Leute im Grunde wollen. Und deswegen handelt die Politik zu wenig? Ja. Die Politik hat Angst vor einer Niederlage wie damals beim Veggie-Day. Dabei war die Idee hervorragend, sie wurde offensichtlich schlecht kommuniziert. Wir müssen unseren Fleischkonsum reduzieren. Das heißt nicht, dass wir alle sofort vegan werden müssen. Aber wir essen zu viel Fleisch und Fisch, konsumieren zu viel Plastik und werfen zu viel weg. Das wissen wir alle. Nur keiner will anfangen – die Politik schon gar nicht. Ist Ihnen selbst schon mal schwergefallen, sich klimafreundlich zu verhalten? Ja. Ich muss gelegentlich fliegen, aus beruflichen Gründen kann ich nicht ganz darauf verzichten. Ich bin seit über 40 Jahren Vegetarier, das ist mir nie schwergefallen. Und ich fahre mit Begeisterung Fahrrad. Das hält mich fit. Aber klar, im November bei Regen oder Schneeregen macht Radfahren keinen Spaß. Wenn wir in einer gesunden Umwelt leben wollen – und das will, glaube ich, jeder vernünftige Mensch –, müssen wir unser Verhalten verändern. Wer das nicht einsieht, verhält sich wie ein Mensch, der nachts auf die Toilette muss und zu faul ist, aufzustehen. Dann macht er ins Bett. Erleben Sie diesen Widerstand auch im eigenen Umfeld? Natürlich. Ich war gestern auf einer Geburtstagsparty, da war ein klassischer Klimawandelleugner: Die nächste Eiszeit komme, das sei alles Hysterie, E-Mobilität sei Quatsch, der Verbrenner sei super. Und vor einer Woche saß ich in der "Münchner Runde" im Bayerischen Rundfunk mit Manfred Weber, dem Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei. Weber sagte dort, ein moderner Diesel von BMW sei sauberer als ein Elektroauto und der Atomausstieg sei ein gigantischer Fehler gewesen – während in Rumänien , Frankreich oder Ungarn Atomkraftwerke abgeschaltet werden, weil Kühlwasser fehlt. Die Leugnung der Klimakrise geht durch verschiedene Parteien und bis in akademische Kreise. Es ist einfach leichter, die Klimakrise zu leugnen, als etwas gegen sie zu tun. All das klingt, als sähen Sie die Zukunft Deutschlands eher pessimistisch. Ja. Aber vor allem, weil die AfD so stark geworden ist. Wenn die hier tatsächlich etwas zu sagen bekommt, sehe ich kohlrabenschwarz. Wenn wir sie irgendwie im Zaum halten können, bin ich vorsichtig optimistisch. Was konkret befürchten Sie? Dass wir von Klimaleugnern, Rassisten und Marionetten Wladimir Putins regiert werden. Wie erklären Sie sich den Erfolg der AfD? Einerseits hat das mit der Korruptheit einiger Regierungsvertreter zu tun, ein Paradebeispiel wäre die Maskenaffäre oder ähnliche Fälle von kaum zu übersehenden Lobby-Verstrickungen der etablierten Politik. Hinzukommen Hetzkampagnen gewisser Massen- und Online-Medien, die phasenweise der AfD massenweise Wähler in die Arme treiben. Würden Sie auswandern, sollte die AfD auf Bundesebene an die Macht kommen? Ja. Wenn die AfD auf Bundesebene etwas zu sagen bekommt, packe ich mein Köfferchen. Ich bin in meinem Leben schon mehrfach ausgewandert, ich glaube, drei- oder viermal. Es gibt so viele schöne Flecken auf dieser Welt, wo man sich nicht jeden Tag über solche Idioten ärgern muss. Ich würde das tatsächlich aus purem Egoismus tun. "Bares für Rares"-Star: "In solch einem Land möchte ich nicht leben" Deutschland schmilzt: "Reiche hat ihre Ziele mit Auszeichnung erreicht" Wohin würde es gehen? Ich weiß es noch nicht genau. Ich habe zwei Pässe, darunter einen amerikanischen. Kalifornien ist immer noch extrem liberal und sehr Anti-Trump. Ich habe Freunde in Holland und in Südeuropa. Ich warte erst einmal ab, wie die Wahlen hier in den nächsten ein, zwei oder drei Jahren ausgehen. Dann schauen wir weiter. Sie sagten gerade, Sie seien vorsichtig optimistisch für Deutschlands Zukunft, wenn die AfD nicht an die Macht kommt. Woher kommt diese Hoffnung? Ja. Weil es Länder gibt, die unglaublich weit sind. Welche Länder oder Orte sind das? Kalifornien, Südeuropa, Skandinavien, Dänemark , Norwegen , Finnland . Die geben mir Hoffnung. Wenn wir nur kopierten, was dort gemacht wird, wären wir schon viel weiter. Was konkret könnte Deutschland sich dort abschauen? Ich arbeite regelmäßig in Holland, weil ich in Amsterdam einen Krimi für die ARD drehe. Dort werden ganze Stadtteile auf Pontons gebaut, Innenstädte weitgehend vom Autoverkehr befreit und sehr viele Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Man kann auch nach Dänemark, Australien , Costa Rica oder Spanien schauen. Spanien verbindet starkes Wirtschaftswachstum mit progressiver Umweltpolitik. Es gibt Länder, die uns ziemlich präzise vormachen, was möglich wäre: von Pocket Parks, also kleinen begrünten Oasen mitten in der Stadt, über Baumpflanzaktionen bis zur Entsiegelung. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir müssten nur schauen, was Länder machen, die weiter sind als wir. Wie bewahren Sie sich Ihre Motivation? Indem ich versuche, diesem ganzen Wahnsinn etwas entgegenzusetzen. Erstaunlicherweise findet man dafür mehr Unterstützung, als ich gedacht hätte. Ich habe vor fünf Jahren eine eigene Stiftung namens Pelorus Jack Foundation gegründet und der Spendenzufluss steigt in einem erstaunlich rasanten Ausmaß. Wir haben mittlerweile fast 300.000 Hektar Regenwald auf Borneo vor der Säge geschützt. Das mache ich weltweit mit meinen Mitstreitern. Deshalb bin ich im Moment relativ optimistisch, dass die Schlacht noch nicht verloren ist. Also überwiegt am Ende doch die Hoffnung? In Deutschland bin ich nur sehr vorsichtig optimistisch, eigentlich sogar eher pessimistisch, weil wir ein transformations- und innovationsfeindliches Land sind. Wenn ich aber ins Ausland schaue – nach Kalifornien, Südeuropa oder Skandinavien –, sehe ich Länder, die unglaublich weit sind. Das gibt mir Hoffnung. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jaenicke.

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