Nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle streitet Deutschland über Zuständigkeiten. Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Wie schützen wir kritische Infrastruktur wirksam vor solchen Angriffen? Deutschland ist am Flughafen Leipzig/Halle haarscharf einer Katastrophe entgangen. Und die Reaktion? Eine sich wiederholende Diskussion über Zuständigkeiten und Kompetenzen von Polizeien, Bundeswehr und Betreibern kritischer Infrastruktur (Kritis). Das ist die falsche Debatte, geführt an der falschen Stelle. Die Drohnenbedrohung ist nicht neu. Seit Jahren wird sie beobachtet, und dass aus Ausspähung irgendwann Sabotage wird, war absehbar. Passiert ist in den letzten Monaten trotzdem zu wenig. Wer steckt hinter Drohnenvorfall in Leipzig ? US-Dienste haben einen Verdacht SIM-Karten, 5G-Antenne, Konservendose: Neue Details zur Sprengstoffdrohne von Leipzig/Halle Die Zuständigkeitsdebatte ist ein Ablenkungsmanöver Die Zuständigkeiten für die Abwehr von Drohnen sind klar geregelt und brauchen keine Änderung. Unser Hauptproblem ist kein bürokratisches, sondern ein praktisches: Uns fehlen die nötigen Fähigkeiten zur Detektion und Abwehr von Drohnen in der Fläche. Drohnen müssen zuverlässig erkannt, identifiziert und verfolgt werden können – durch elektrooptische, akustische und Wärmebildsensoren. Und wo es notwendig ist, müssen Sicherheitskräfte sie auch wirksam aus der Luft holen dürfen und können. Dafür braucht es in erster Linie den von der Politik formulierten Willen, im Zweifelsfall eine Drohne auch abzuschießen und die Risiken der Folgen in Kauf zu nehmen. Diesen Willen gab es bisher nicht. Es ist jetzt an der Zeit, diesen Mut aufzubringen. Über Zuständigkeiten neu zu verhandeln ist bequemer, als Fähigkeitslücken einzugestehen und in die Schließung zu investieren. Auch die nächste Drohne wird sich für erneute Zuständigkeitsdebatten nicht interessieren. Vollständigen Schutz gibt es nicht – und braucht es auch nicht Machen wir uns nichts vor: Deutschland kann nicht jede kritische Infrastruktur rund um die Uhr lückenlos sichern. Dafür gibt es zu viele Anlagen, zu viel Angriffsfläche und zu viele Möglichkeiten, Schaden anzurichten. Das muss aber auch gar nicht der Anspruch sein. Wir müssen Prioritäten setzen: Welche Infrastruktur ist so kritisch, dass ihr Ausfall überregionale Folgen hätte? Wo könnte ein Angriff den größten Schaden anrichten? Genau dort müssen wir anfangen. Für besonders schutzwürdige Objekte könnten Betreiber kritischer Infrastrukturen zur Unterstützung der hoheitlichen Gefahrenabwehr einbezogen werden. Sie könnten – staatlich unterstützt – eigene Detektionsmaßnahmen aufbauen und ein Mindestmaß an Abwehrfähigkeiten vorhalten, ausgeführt durch Sicherheitsdienste, die einem klaren haftungsrechtlichen Rahmen unterliegen. Ergänzt werden sollten diese Fähigkeiten durch mobile Detektions- und Abwehreinheiten der Polizeien in der Nähe kritischer Infrastrukturen. Betreiber müssen eng und unbürokratisch mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten können, dabei braucht es klare Einsatzregeln. Ebenso wichtig ist ein verbindliches Lagebild: Wer nicht systematisch erfasst, wo, wann und wie häufig Drohnen auftauchen, kann Risiken weder realistisch bewerten noch Schutzmaßnahmen gezielt steuern. Experte zum Flughafen Leipzig: "Dann war die gesamte Kette ein Fehlschlag" Ferdinand Gehringer im Interview: "Wir müssen die Warnungen ernst nehmen" Drohne von Leipzig/Halle ist neue Stufe der Eskalation Dass über Leipzig/Halle erstmals eine Drohne mit einem Sprengsatz aufgetaucht ist, markiert eine neue Kategorie der Bedrohung. Es ist nicht mehr nur das Austesten von Lücken oder das Stören des Flugbetriebs – es ist eine reale, physische Bedrohung und eine neue Stufe der Eskalation auf deutschem Boden. Überraschend kommt diese Entwicklung dennoch nicht. Wer die letzten Jahre verfolgt hat, sieht das Muster. Deutschland steht im Visier hybrider Kriegführung: Sabotageakte, Cyberangriffe, Einflussoperationen, und nun mit Sprengstoff bestückte Drohnen über strategischer Infrastruktur. Das Entscheidende ist nicht der einzelne Vorfall, sondern die Absicht dahinter: Es wird schrittweise ausgetestet, wie weit man gehen kann, ohne eine wirksame Gegenreaktion auszulösen. Deshalb müssen wir diesen Vorfall nutzen, um eine längst überfällige Frage zu beantworten: Was löst künftig eine spürbare Reaktion des deutschen Staates aus? Wann ist für Deutschland und die Staaten der Europäischen Union eine rote Linie überschritten? Und was genau folgt dann? Auch die Forderung nach Artikel-4-Konsultationen im Nato-Rat ersetzt diese Antwort nicht. Diese Beratungen können ein Zeichen sein, aber sie sind kein Ersatz für staatliche Handlungsfähigkeit. Wenn auf Eskalationen immer nur mit Erklärungen und Gremiensitzungen reagiert wird, entsteht beim Angreifer ein gefährliches Signal: Er kann die Grenzen immer weiter verschieben, ohne dass es reale Konsequenzen hat. Schweigen der Politik spielt dem Angreifer in die Karten Bisher folgt auf sicherheitsrelevante Ereignisse meist dasselbe Schema: Erst geschieht etwas, dann folgt demonstrative politische Betroffenheit, anschließend werden Informationen tröpfchenweise nachgereicht und überhastete Maßnahmen ergriffen. Das reicht längst nicht mehr aus. Die Bevölkerung hat ein Recht darauf zu erfahren, wie sich die Bedrohungslage verändert, welche Vorkehrungen getroffen werden und ob diese auch funktionieren. Transparenz ist keine Schwäche, sondern ein Kernbaustein staatlicher und gesamtgesellschaftlicher Resilienz. Hybride Angriffe zielen nicht nur auf Landebahnen oder Stromnetze – sie zielen auf das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates. Wenn der Eindruck entsteht, dass der Staat Bedrohungen erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn sie bereits eingetreten sind, hat der Angreifer sein Ziel bereits teilweise erreicht. Die Frage ist nicht mehr, ob die nächste Drohne auftaucht Der Vorfall von Leipzig/Halle wird definitiv nicht der letzte dieser Art gewesen sein. Überraschen sollte uns das nicht mehr, sondern vielmehr die Aussicht, beim nächsten Mal wieder verzögert und unvorbereitet zu reagieren. Deutschland braucht klare Schutzprioritäten, funktionierende Abwehrtechnik an den richtigen Orten, eingespielte Entscheidungswege und eine Bundesregierung , die unmissverständlich klarstellt, ab wann eine rote Linie überschritten ist. Die Frage ist nicht mehr, ob die nächste Drohne auftaucht, sondern ob Deutschland dann handlungsfähig ist. Hinweis der Redaktion: Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinungen der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.