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Wettessen am 4. Juli in New York: 66 Hotdogs in 10 Minuten

Traditionell findet am 4. Juli, dem Nationalfeiertag der USA, ein Hotdog-Wettessen in New York statt. Es ist ein Wettbewerb, der amerikanischer nicht sein könnte. David Schafbuch berichtet aus New York Am Ende ist es eine durchschnittliche Leistung, die Joey Chestnut den Titel einbringt. Er selbst sieht "Raum für Verbesserung". Er habe das Gefühl, dass noch viel Platz in seinem Magen gewesen sei, sagt der 42-Jährige nach seinem Sieg beim traditionellen Hotdogwettessen in Coney Island – einem Viertel an der Südspitze von New York . Trotzdem sei es ein Traum, am 4. Juli, dem 250. Geburtstag der USA , hier in New York seinen Titel verteidigen zu können. Kurz zuvor hat sich der professionelle Wettesser Chestnut mit beiden Händen in der prallen Mittagssonne von New York zehn Minuten lang Würstchen und Brot in sich hineingestopft. 66 Hotdogs sind es am Ende – zehn weniger als sein eigener Weltrekord. 4. Juli: "Trump geht zu weit" Trump im Weißen Haus: Alle Informationen im Newsblog Jedes Jahr kommen Zehntausende Menschen am 4. Juli nach Coney Island, um sich das wohl bekannteste Wettessen der Welt anzusehen. An den Fernsehern sollen Millionen weitere zuschauen: Mehrere lokale Fernsehsender bauen ihre Kameras auf. Der Sportsender ESPN überträgt live. Einen tieferen Sinn, warum dieses Wettessen jedes Jahr am 4. Juli stattfindet, gibt es nicht – und doch passt es hervorragend zum Nationalfeiertag der USA. Denn der Hotdog-Wettkampf verbindet so vieles, was das Land ausmacht: die Liebe der Amerikaner zum Wettbewerb, ein Nationalgericht und ihre Fähigkeit, aus jeder Veranstaltung ein großes Event zu machen – egal, wie absurd sie auch ist. 55 Weltrekorde 10 Minuten haben insgesamt 15 Kandidaten Zeit, so viele Hotdogs wie möglich zu essen. Wer sich dabei übergibt, wird disqualifiziert. Der Gewinner erhält 10.000 Dollar Preisgeld und einen Gürtel, genau wie die Weltmeister beim Boxen: Senfgelb ist er bei den Männern, pink bei den Frauen. Die Gewinnerin der Frauen, Miki Sudo, wird an diesem Tag mit fast 39 Hotdogs den Titel holen. Joey Chestnut ist in dieser Welt das, was Michael Jordan für den Basketball ist: Er ist der beste Wettesser, den es wohl je gegeben hat. Diesmal gewinnt er den Wettkampf überlegen und zum 18. Mal. In der Vergangenheit vertilgte der 42-Jährige auch schon 141 hart gekochte Eier in 8 Minuten, 5,9 Kilogramm Salzkartoffeln in 10 Minuten oder 182 Hähnchenflügel in 30 Minuten – allesamt Weltrekorde. Insgesamt hält er zurzeit 55 Bestmarken im Daueressen. Veranstalter in New York ist eine Organisation namens "Major League Eating", die sich als Sportverband versteht. Mehr als 70 Wettessen richtet die "MLE" jährlich nach eigenen Angaben aus, darunter auch Qualifikationsturniere für Coney Island. Die meisten Wettessen stoßen in der Regel auf geringes Interesse beim Publikum. Das Hotdogessen in New York dagegen ist so etwas wie Wimbledon für Tennisspieler oder die Tour de France für Radfahrer: ein Event von so großer Bekanntheit, dass es selbst Menschen kennen, die ansonsten keine Berührungspunkte mit den Wettbewerben haben. Zu ihnen gehören Ashley und Will: Beide leben im Umland der Hauptstadt Washington , D.C., und tragen Hüte, die Hotdogs nachempfunden sind. Das Wochenende vom 4. Juli verbringen sie in New York. "Es ist eine große Party", sagt Ashley, auf die Frage, warum sie hier sei. Mehr habe man sich vorher nicht gedacht. Natürlich sei der heutige Tag noch einmal von größerer Bedeutung, weil die USA ihren 250. Geburtstag feiern, aber auch das habe keine größere Rolle gespielt. Steve Mumford sieht die Sache ernster. "Ich tue das, um meinem Land zu dienen", sagt der 56-Jährige, der eine rote Schirmmütze und ein schwarz-weiß gestreiftes T-Shirt trägt. Mumford war nie beim US-Militär, aber er will heute seinem Land einen Dienst erweisen, spricht gar von seiner "patriotischen Pflicht": Er ist einer der Schiedsrichter und zählt mit, wie viele Würstchen ein Teilnehmer genau vertilgt hat. Mumford macht das schon seit elf Jahren. Am Anfang stand eine Bekanntschaft mit einem der Teilnehmer. Irgendwann wurde er dann gefragt, ob er nicht die Aufsicht übernehmen könne. Warum er zugesagt habe? "Was ist schon amerikanischer als dieser Wettbewerb?", fragt Mumford zurück. Tatsächlich steckt schon im Veranstaltungsort viel amerikanische Folklore: Coney Island gilt seit mehr als hundert Jahren als ein Amüsierviertel von New York. Nur wenige Meter hinter dem Hotdogrestaurant tut sich eine Strandpromenade auf, inklusive Vergnügungspark mit Achterbahnen, Riesenrad und einem Baseballstadion. Wer und wo genau den Hotdog erfunden hat, ist historisch nicht verbürgt. Einer Geschichte zufolge soll der deutschstämmige Charles Feltman die Wurst im Brötchen an Menschen am Strand von Coney Island verkauft haben. Einer von Feltmans Mitarbeitern, Nathan Handwerker, eröffnete dann später sein eigenes Geschäft: die Marke "Nathan's Famous", die bis heute den Esswettbewerb ausrichtet. Eine der Straßen, an der sich das Schnellrestaurant heute befindet, wurde nach Handwerker benannt. Ursprung des Wettbewerbs ausgedacht Ähnlich unklar wie die Geschichte des Hotdogs ist auch der Ursprung des Wettbewerbs. "Nathan's Famous" selbst verbreitete einst die Legende, dass der Wettbewerb 1916 durch einen Streit mehrerer Einwanderer entstanden sei. Wer die meisten Hotdogs essen könne, sei der beste Amerikaner, hieß es in der Firmengeschichte. Es wäre eine Erklärung, warum der Wettbewerb am US-Nationalfeiertag ausgetragen wird. Allerdings hatte sich die Wurstfirma die Geschichte aus Marketinggründen nur ausgedacht: Tatsächlich begann der Wettbewerb in den Siebzigerjahren. Man hatte sich erhofft, so für mehr Bekanntheit zu sorgen, räumte die Firma irgendwann ein. 2026 sind in Coney Island noch immer Marketingprofis am Werk: Einer von ihnen ist George Shea, Anfang 60, graue Haare, schmale Figur. Shea ist Gründer des Wettessverbands MLE und führt durch die Veranstaltung. Auf der Bühne wird er zu einer Kombination aus Marktschreier und Jahrmarktpromoter. An diesem Vormittag ist das Thermometer in Coney Island schon früh über die 30-Grad-Marke geklettert. Shea lässt sich das in seiner "Uniform" nicht anmerken: Wie bei jedem Wettessen trägt er ein dunkles Jackett mit goldenen Knöpfen, dazu Krawatte und einen Strohhut. Über Shea heißt es, dass er seine Moderationen und das Programm von langer Hand vorbereitet. Es ist tatsächlich ein wilder Mix, den er den Zuschauern anbietet: Die beiden zehnminütigen Wettbewerbe werden auf ein mehrstündiges Programm gestreckt. Mal singt ein Gospelchor, mal eine Opersängerin, dann steht der Rapper Eric "Badlands" Booker auf der Bühne. Booker zeigt sich nicht nur wortgewandt, sondern entpuppt sich auch als Spezialist im Wetttrinken: Gegen zwei Herausforderer schüttet er kurzerhand eine ganze Gallone, umgerechnet fast 3,8 Liter, Limonade in sich hinein. Dafür benötigt Booker etwa 20 Sekunden, seine Gegner sind chancenlos, obwohl ihr Glas nur halb so groß wie das von Booker ist. Auch Shea selbst lässt allerlei mit sich machen: Mal rappt er zusammen mit Booker, dann wird er zu Klängen eines Gospelchors mit einer Hebebühne in die Luft gehoben und spricht von einer "Schlacht der Jahrhunderte", die man gleich erleben werde. Über den Köpfen des Publikums breitet er jesusgleich die Arme aus und blickt in den Himmel. Schiedsrichter Steve Mumford nennt Shea einen Meister der Vermarktung. Beide sind in dem Geschäft Profis: Wenn er keine Hotdogs zählt, arbeitet Mumford in der Marketingabteilung des Taxi-Konkurrenten Uber . George Shea betreibt neben Essenswettbewerben auch eine eigene PR-Firma in New York. Als die Wettesser schließlich auf die Bühne kommen, tritt Shea in den Hintergrund: Die 15 Teilnehmer stopfen sich mit hohem Tempo die Würstchen in den Mund und setzen höchstens ab, um zu trinken. Zehntausende Kalorien Jeder von ihnen verfolgt dabei eine unterschiedliche Technik: Manche springen während des Essens auf und ab oder legen ihren Kopf in den Nacken, damit die Würste schneller in den Magen rutschen. Champion Chestnut dagegen schiebt sich gleichzeitig zwei Würstchen in den Mund, danach erst die beiden Brötchen, die er zuvor in Wasser eingeweicht und zu einem Ball gepresst hat. Gekaut wird wenig, eher geschlungen und gestopft. Zuschauer fragen sich unweigerlich, ob all das noch gesund sein kann. Chestnut nimmt innerhalb von wenigen Minuten fast 18.000 Kalorien zu sich, der sechs- bis achtfache Tagesbedarf für einen Mann seines Alters. Gefahr zu ersticken In Interviews erzählt Chestnut oft, dass er sich regelmäßig ärztlich überprüfen lasse und lange trainiere. In Trainingsphasen isst er demnach einmal pro Woche auf Wettkampfniveau. Danach legt er eine Pause ein, inklusive Fasten und Entgiftungskur. Abseits von Wettbewerben esse er zudem ballaststoffreich, wenige Kohlenhydrate und keine Stärke, um sein Gewicht zu halten. Um in Form zu kommen, dehnen die Teilnehmer zudem ihre Mägen, indem sie viel Flüssigkeit zu sich nehmen. Manche kauen intensiv Kaugummi, um ihre Kiefermuskulatur zu stärken. Tatsächlich ist von den 30 Teilnehmern in Coney Island niemand stark übergewichtig. Bauchfett ist ohnehin wenig hilfreich: Dadurch werde verhindert, dass sich der Magen ausdehnen kann, heißt es unter den Teilnehmern. Ungefährlich ist der "Sport" trotzdem nicht. Das räumt auch Chestnut ein. "Wenn jemand zum ersten Mal versucht, 70 Hotdogs zu essen, wird er vielleicht sterben", sagte er einst dem Magazin "Wired". US-Medien berichten wiederholt von entsprechenden Fällen, bei denen unvorbereitete Menschen bei Esswettbewerben durch Hotdogs erstickten. Veranstalter rät vom Nachmachen ab Zu den Sicherheitsbestimmungen ihrer Wettbewerbe hat die MLE einen eigenen Eintrag auf ihrer Webseite. Besonders lang ist er nicht, in drei Absätzen werden sie abgehandelt: Alle Teilnehmer müssen 18 Jahre alt sein. Bei jedem Wettbewerb muss ein Rettungssanitäter anwesend sein. Der Veranstalter rät zudem "entschieden" davon ab, privat für Esswettbewerbe zu trainieren. Mehr noch: "MLE rät insbesondere jungen Menschen dringend davon ab, unter allen Umständen auf Geschwindigkeit oder Quantität zu essen." Oder anders gesagt: Selbst die MLE würde niemandem empfehlen, Wettesser zu werden. Dazu verliert allerdings niemand an diesem Tag in Coney Island ein Wort.

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