Kolumne: Gefühl der Woche: Über eine Hexe im E-Rollstuhl und die Kunst der Selbstbehauptung
Sie fressen kleine Kinder und haben Sex mit Ziegenböcken? Unsinn! Unsere Autorin ist einer echten Hexe begegnet – und hat jetzt ein neues Vorbild.
Ich bin einer Hexe begegnet. Ja, wirklich! Ich stand in einem Handyladen, um eine absurd hohe Rechnung aufzuklären, wobei sich herausstellte, dass ich Opfer einer Betrugsmasche von Drittanbietern geworden bin und lauter unfreiwillige Abos für irgendwelchen Kram abgeschlossen habe, ich Idiotin … egal. Auf einmal öffnen sich die gläsernen Automatiktüren, herein rollt eine winzige Dame in einem Elektrorollstuhl, behängt mit Einkaufstaschen, Jutebeuteln, Regenschirmen. „Verzeihung!“, ruft sie, „wie komme ich denn, um Himmels willen, zu dieser Adresse hier?“
Das Gefühl der Woche: Hexen gibt’s wirklich!
Sie wedelt mit einem Briefumschlag. Ihre Hände sind krumm, einige Finger fehlen. Ich schaue auf den Straßennamen, schaue auf Google Maps. Ich fange an, die Route zu erklären, es ist kompliziert – ich erkläre es schlecht, sie hört schlecht – dann sage ich: „Ich bringe Sie hin.“ Da wendet sie zackig den Rollstuhl, drückt aufs Gas, sodass ich rennen muss. Sie fetzt bei Rot über eine Ampel, Autofahrer bremsen, Radfahrer fluchen. „Das können die ruhig für mich machen“, grinst sie. Wir irren ein wenig durchs Viertel, dann habe ich den Hörgeräteladen gefunden, den sie sucht. Eigentlich schließt er jetzt, doch sie rollt rein, greift mit beiden Händen nach meiner Hand. „Danke! Machen Sie weiter so!“ Zwinker, zwinker. Hellblaue Augen hinter dicken Brillengläsern.
Womit soll ich weitermachen, frage ich mich, doch meine Gedanken sind bei dieser schwerbehinderten Alten, deren Körper kaputt, deren Witz aber mopsfidel ist. Was für eine fröhliche Unverschämtheit! Sie nimmt sich, was sie braucht, auch wenn alle Ampeln auf Rot stehen. Auch wenn alle motzen. Schwach und stark zugleich. Sie erinnert mich an Circe, die den alten Griechen als gefährliche Zauberin galt, aber einfach nur in Ruhe auf ihrer mythischen Insel leben wollte; an Hermine Granger aus „Harry Potter“ oder an John Updikes „Hexen von Eastwick“ – gute Schurkinnen, die ihre Macht einsetzen, um unabhängig, solidarisch und mutig zu sein. Manchmal auch brutal und rachsüchtig, wenn der Gegner es erfordert.
Die gute Hexe, überlege ich, würde sich in der Verhaltenspsychologie doch bestens als Vorbild eignen. Denn worum geht es in ganz vielen Therapiesitzungen? Um Selbstbehauptung und Selbstwirksamkeit. Patienten üben mit Rollenspielen, Kommunikationstechniken, Stimme und Körperhaltung, wie sie ihre eigenen Interessen vertreten können, ohne dabei andere zu verletzen. Grenzen setzen, sich gegen Vereinnahmung schützen, den Mut haben, anders zu sein – das ist das Ziel. Wen könnte man da besser vor Augen haben als eine Hexe? Am besten eine mit Humor.
So eine will ich mal werden. Keine, die kleine Kinder frisst oder Sex mit Ziegenböcken hat, wie es seit Jahrtausenden von solchen Frauen behauptet wird. Sondern so eine Art postmoderne Komplizin des Guten im Menschen. Ob meine Hexe im E-Rollstuhl das meinte, als sie sagte, „Machen Sie weiter so!“? Ich versuch’s, versprochen.