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Musikfestival: Plauderei mit Kuh Käthe und eine Sinfonie für Landmaschinen

Stern 

Kuh Käthe antwortet auf Fragen zu Gott und Außerirdischen. Später wird Ravels „Bolero“ unter Mitwirkung von Landmaschinen neu interpretiert. Die Stelzenfestspiele sprühen weiter vor Erfindergeist.

Die Stelzenfestspiele bei Reuth eröffnen ihrem Publikum eine neue Dimension. Bei der 33. Ausgabe des Kultfestivals im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Thüringen kann der Gast mit einer Kuh plaudern. Sie steht in einem Stall im benachbarten Rothenacker und ist per Echtzeit-Installation mit dem Festival verbunden. Käthe hat eine Kappe mit Messpunkten auf den Kopf, mit deren Hilfe ihre Hirnströme gemessen werden. Zuvor wurde eine Künstliche Intelligenz mit allem Wissenswerten über Kühe im Allgemeinen und Käthe im Speziellen gefüttert.

Kuh Käthe erweist sich als Philosophin

Monika Scheibe, die früher im Stall von Rothenacker arbeitete, hat Käthe ihre Stimme geliehen. Vor laufender Kamera mampft die Kuh ihr Heu und erweist sich im Gespräch als wahre Philosophin. Auf die Frage, ob sie an Gott glaube, lautet die Antwort so: „Gott, das ist ein hohes Wort, hoch und trocken wie Heu ohne Duft. Ich kenne eher das, was drückt und trägt: Herde, Kalbsmilch, Hitze im Fell, Wasser im Maul, ein Körper neben mir. Wenn ihr Menschen Gott sagt, meint ihr oft etwas über euch? Ich frage anders: Woran hält dein Körper sich fest, wenn es eng wird, Mensch?“

Käthe entschlossen: „Jetzt reicht es mir im Maul“

Auch bei der Frage nach Außerirdischen ist Käthe nicht verlegen. „Ich kenne eher nahe Körper: Fell, Fliegen, Metall, Stallatem (...) Ob da draußen noch andere Wesen gehen, weiß ich nicht, aber ihr Menschen seid mir schon fremd genug.“ Ob sie denn Käse essen würde, fragt eine Frau: „Ich fresse Pflanzen, Mensch! Gras, Heu, Wasser, Salz. Milch ist für mich erst Körper und Kalb, Druck und Entlastung, nicht ein Menschenstück für den Mund. So, jetzt reicht es mir im Maul.“ Nach vier Minuten beendet Käthe den poetischen Small Talk. Möglichst viele Gäste sollen die Gelegenheit zum Gespräch haben.

„Stall-Geflüster“ ist ein künstlerisches KI-Projekt

Das Projekt „Stall-Geflüster“ wurde von einem Team um Michel Schneider und Martin Jehnichen konzipiert. Michel Schneider, Sohn von Festspielintendant Henry Schneider, kommt aus der freien Kunstszene und hat sich auf digitale Kunst spezialisiert. Seit einigen Jahren ist er in puncto KI unterwegs. Er habe seinem Vater viel davon erzählt und der sei neugierig geworden. Irgendwann sei die Idee mit der Kuh entstanden, schließlich hätten die Stelzenfestspiele schon zuvor eine Verbindung zum Stall in Rothenacker gehabt.

Martin Jehnichen hat nach eigenem Bekunden unterdessen auch ohne die Sprachübersetzung eine Verbindung zu Käthe aufgebaut. „Mir ist sie inzwischen wirklich ans Herz gewachsen. Ich habe das Gefühl, ich verstehe sie.“ Er versuche, ihre Denkweise aufzunehmen und einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, erklärte Jehnichen. „Das macht mir Freude. Manchmal unterhalte ich mich einfach zwischendurch mit ihr.“

Kuh bedauert den im Alltag gehetzten Menschen

Schneider erinnert daran, dass es sich abseits der klassischen KI-Konstellation mit Frage und Antwort um ein Kunstprojekt handelt. Deshalb kommt Käthe mit ihrer Ausdrucksweise auch so poetisch daher. Sie hat eine Prägung erhalten, bedauert im Grunde den Menschen als gehetztes Wesen, das immer auf die Uhr schaut und von Termin zu Termin hastet. „Warum sucht ihr immer in der Weite, wenn der eigene Körper so schwer am Boden steht?“, sagt die Kuh.

Festspiele mit epochaler Version von Ravels „Bolero“

Am Freitagabend wurden die Stelzenfestspiele mit der Klangperformance „Landmaschinensinfonie“ eröffnet, bei der erneut zahlreiches Gerät aus der Landwirtschaft zum Einsatz kam - darunter eine Melkmaschine, ein Traktor und eine mit Gülleschläuchen angeblasene Orgel. Zum Finale erklang eine Version von Ravels „Bolero“, die sämtliche bisherige Aufführungspraxis sprengte - neben Schalmeien und Traktortuckern sorgten unter anderem eine Rüttelplatte und Gesangsstimmen für unverwechselbaren Sound. Das Publikum in der voll besetzten Festspielscheune auf dem Stelzenberg war begeistert. 

Festival genießt Kultstatus - Gäste aus allen Teilen Deutschlands

Das Festival genießt Kultstatus und ist überregional bekannt. Selbst Medien aus Ausland berichteten darüber. Der frühere Gewandhaus-Bratscher Henry Schneider hatte es 1993 in seinem Heimatdorf gegründet. Der Name der „Stelzenfestspiele bei Reuth“ spielt auf die Festspiele in Bayreuth an. Das dortige Festspielhaus heißt hier Festspielscheune. Musiziert wird auch in Stelzen auf einem Hügel mit einem eigenen Festspielorchester. Noch bis Sonntag kann das Publikum diverse Aufführungen erleben.

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