Nachtschicht – Cash & Carry: Ein Chef, der seine Pappenheimer kennt
Die Streifenpolizisten Harry (Benno Fürmann) und Milla (Friederike Becht) trauen ihren Augen kaum, als ein multikulturelles Gangsterduo mit dem Gabelstapler einen Geldautomaten verlädt. Harry bezahlt die Verfolgung der Gangster in der 16. "Nachtschicht"-Folge "Cash & Carry" (ZDF) mit dem Leben.
Die 16. Episode der Kultreihe "Nachtschicht", wie alle anderen zuvor von Lars Becker inszeniert und geschrieben, nimmt die gewohnten Motive auf: Die Grenzen zwischen Gesetz und Verbrechen, zwischen dem fünfköpfigen Team vom Hamburger Kriminaldauerdienst und den Ganoven an der Alster, sie sind fließend. Gar mancher und manche aus den Reihen der Polizei hätte auch gerne was vom großen Kuchen. Warum nicht auch mal was von der Beute abzweigen und in die eigene Tasche stecken? – In "Cash & Carry" (2020, nun erneut im ZDF zu sehen) sind es genau 150.000 Euro, welche die Ganoven Norman Melchior (Pit Bukowski, einer der wirklich Angst machen kann) und Balou Dieudonné (Lefaza Jovete Klinsmann, der Gute an seiner Seite) erbeuten. Erst sperren sie behördenmäßig die Straße ab, und dann holen sie den Geldautomaten mit dem Gabelstapler aus der Wand.
Und dann nimmt das Drama seinen Lauf: Dass sich Streifenpolizist Harry (Benno Fürmann) zu viel zutraut und den vielfach vorbestraften Harry stellen will, kostet ihm das Leben. Was wiederum seine Streifenpartnerin Milla (Friederike Becht) besonders unglücklich macht, erwartet sie doch von Harry gerade ein Kind. Ihr Mentor sei er gewesen, der ihr gezeigt habe, wo es lang geht, sie stehe eben auf solche Vaterfiguren, erklärt sie später. Dabei hatte sich Harry zuvor in einem slapstickhaften Teaser als wahrer Kotzbrocken und Rassist erwiesen. Ausgerechnet Elias aus dem Nachtschicht-Team will er auf seiner Streife auf Herz und Nieren prüfen. Elias wird übrigens vom Entertainer, Moderator und Schauspieler Tedros "Teddy" Teclebrhan gespielt, fraglos eine spannende Ergänzung an Armin Rohdes Seite.
Maximilian Brückner als Law-and-Order-Mann aus Bayern
Wie gut, dass Rohde als Dauerdienstler Erichsen seine Hamburger Pappenheimer kennt. Erichsen entgeht nichts, er ist sämtlichen Kollegen stets einen Schritt voraus. Er kennt die Gesetze und die Regeln der Polizei aus dem Effeff und achtet darauf, dass sich kein Polizist im Überschwang der Gefühle unglücklich macht. In diesem Fall muss er dafür sorgen, dass Milla, die ob des Todes ihres Gefährten hoch erzürnte Jungpolizistin, womöglich auf eigene Faust Rache übt. Erichsen geht immer wieder dazwischen, wenn Bullensprüche, die das Recht zum eigenen Nutzen beugen, auf dem Revier grassieren. Maximilian Brückner gibt einen Law-and-Order-Mann mit bayerischem Akzent – große Nummer, übrigens -, der eigentlich unter Hamburger Ordnungshütern Entsetzen hervorrufen müsste. Doch Erichsen kennt, will man es nicht als Drehbuchschwäche auslegen, dieses treudoofe Muskelspiel, zeigt Routine – nun ja, das Amt und seine Strapazen!
"Cash & Carry" ist eine Achterbahnfahrt, die über weite Strecken das Publikum auf die Seite der Panzerknacker zieht. Überhaupt scheint es, als hätte Lars Becker inzwischen eine Art Altersmilde ergriffen. Von der schwarzen Polizeiserie des Anfangs vor 18 Jahren ist nicht mehr viel geblieben. Armin Rohde und Co. machen trotzdem Spaß mit ihren meist aus der Hüfte geschossenen Allerweltssprüchen und Querelen. Merke: "Irgendwann redet jeder!" Und wenn es doch mal hakt im Handlungsgefüge bei diesem unterhaltsamen Run aufs Geld, dann ist die mit Augenzwinkern durchscheinende Zeigefinger-Moral: "Verachtet mir die Bullen nicht!" doch immer noch sehr sehenswert.
Unter dem Arbeitstitel "Nachtschicht – Sterben verboten" wurde Anfang des Jahres ein 20. Film der Krimireihe gedreht. Ein Ausstrahlungstermin ist noch nicht bekannt.
Nachtschicht – Cash & Carry – Di. 30.06. – ZDF: 20.15 Uhr