Gegen die Elfenbeinküste liegt Deutschland lange hinten. Dann kommt Deniz Undav ins Spiel – und beweist, dass er für das DFB-Team bei der WM in eine Schlüsselrolle geschlüpft ist. Aus Toronto berichtet William Laing Julian Nagelsmann nannte Deniz Undavs Ballannahme einen "Sensationskontakt". Der Stürmer selbst wiederum hatte das Gefühl, die Kugel wenige Minuten vor Abpfiff des zweiten WM-Gruppenspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste nicht sonderlich gut verarbeitet zu haben. "Aber solange der Ball am Körper ist, weiß ich, dass ich treffen kann", sagte Undav nach der Partie in den Katakomben des Stadions im kanadischen Toronto. Und dann? "Einfach nur raufballern." Genau das war es, was Undav in der Nachspielzeit getan hatte. Von Felix Nmecha in Szene gesetzt, tauchte der Angreifer vom VfB Stuttgart allein vor dem gegnerischen Tor auf und beförderte den Ball eiskalt zum umjubelten 2:1-Siegtreffer in die Maschen. Schon den Ausgleich hatte Undav zuvor nach seiner Einwechslung erzielt. Der Doppelpack bescherte Deutschland dank fremder Mithilfe nun den vorzeitigen Einzug in die K.-o.-Runde der Weltmeisterschaft – und Undav den Status des Schlüsselspielers für den weiteren Turnierverlauf. "Nicht ausgeschlossen": Rückt Undav nun in der Startelf? Fünf Torbeteiligungen hat Deniz Undav in den ersten beiden WM-Spielen seiner Karriere bereits gesammelt. Schon beim 7:1 gegen Curaçao hatte er nach seiner Einwechslung einen Treffer beigesteuert und zusätzlich die Tore von Nathaniel Brown und Kai Havertz aufgelegt. Der Angreifer befindet sich – wie schon die gesamte Bundesligasaison über – in bestechender Form. Für einen Platz in der deutschen Startelf reichte es bisher aber noch nicht. Argumente, ihn künftig nicht von Beginn an wirbeln zu lassen, gibt es mittlerweile aber kaum noch. Schon im abschließenden Gruppenspiel gegen Ecuador könnte es so weit sein. Dass Undav in East Rutherford in die Anfangsformation rücke, sei "nicht ausgeschlossen", sagte Julian Nagelsmann nach dem Duell mit der Elfenbeinküste bei MagentaTV. Dabei war die Beziehung des Bundestrainers und seines Torjägers nicht immer frei von Störgeräuschen gewesen. Noch im März hatte Nagelsmann die Rolle Undavs als Einwechselspieler bei der WM als festgezurrt deklariert. Nach dessen Siegtor im Test gegen Ghana kritisierte er den bei den Fans äußerst beliebten Offensivakteur dann auf der anschließenden Pressekonferenz ungewohnt scharf und erhielt dafür aus der deutschen Öffentlichkeit kräftig Gegenwind. Später bedauerte Nagelsmann dann in einem Interview bei MagentaTV seine Worte, bezeichnete diese als "unnötig". Bei Undav habe er sich nach der Partie gegen Ghana entschuldigt, betonte der Bundestrainer. "Das hat er Gott sei Dank angenommen, und es ist auch alles in bester Ordnung zwischen uns", sagte Nagelsmann – und dürfte mittlerweile noch deutlich glücklicher darüber sein als er es damals vermutlich schon gewesen war. "Deniz ist Wahnsinn": Auf Undavs Treffsicherheit ist Verlass Der Abend in Toronto gegen die Elfenbeinküste hat dem Bundestrainer zumindest eines endgültig gezeigt: Undav ist auf dem Weg zum Erreichen des großen Ziels der DFB-Elf keine Nebenfigur mehr, sondern längst einer der Hauptcharaktere. Schon unmittelbar nach dem EM-Aus vor zwei Jahren hatte Nagelsmann öffentlich den deutschen Angriff auf den WM-Titel ausgerufen. Nach zwischenzeitlich schwankenden Leistungen der DFB-Elf schien ein fünfter Triumph bei einer Weltmeisterschaft jedoch reines Wunschdenken. Die zwei Siege zum Turnierauftakt haben Deutschland plötzlich aber wieder in den Favoritenkreis auf den Gesamtsieg gespült. Insbesondere, weil das Team mit Undav nun einen Spieler in seinen Reihen weiß, auf dessen Treffsicherheit es sich aktuell komplett verlassen kann. Nadiem Amiri , der den Ausgleich gegen die Elfenbeinküste per Flanke vorbereitet hatte, adelte seinen Mitspieler als einen "Killer vor dem Tor" und schwärmte: "Deniz ist einfach Wahnsinn." Undav brauche nicht viele Chancen, erklärte der Mainzer, der Deutschlands Nummer 26 zudem als "Phänomen" bezeichnete. "So einen in der Mannschaft zu haben, tut einfach gut." Womöglich ist es für einen Titelgewinn am Ende sogar essenziell. Denn die Kaltschnäuzigkeit, die Undav bisher an den Tag legt, wird die deutsche Mannschaft gegen die Top-Gegner wie Frankreich oder England dringend benötigen. Nagelsmann will Undavs "Flow" nicht brechen Julian Nagelsmann scheint die Zeichen der Zeit hinsichtlich Undav jedenfalls erkannt zu haben. Die Aussicht auf einen Startelfeinsatz gegen Ecuador unterstreicht, dass sich auch der Bundestrainer der sportlichen Bedeutung des gebürtigen Niedersachsen für die Mannschaft mehr als bewusst ist – und dass er ihm weitere entscheidende Momente bei der WM zutraut. Gleichwohl offenbarte Nagelsmann nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste diesbezüglich auch eine kleine Zwickmühle. Als Einwechselspieler hatte Undav nämlich nachweislich hervorragend funktioniert. Man müsse daher überlegen, ob man "seinen Flow jetzt brechen" wolle, gab Nagelsmann auf der Pressekonferenz zu bedenken. "Im tiefen Herzen, glaube ich, ist er auch ganz zufrieden, wie es gerade läuft, weil er schon eine sehr tragende Rolle hat." Klar dürfte aber auch dem Bundestrainer sein: Bei Einsätzen von Beginn an könnte sich Undavs Wert für das Team noch einmal deutlich steigern. Vor allem, wenn er Deutschland in der K.-o.-Phase Runde für Runde weiterschießen sollte.