Ihre Kampfkandidatur war die Überraschung des FDP-Parteitags. Wie sie jetzt mit dem neuen Parteichef Kubicki zusammenarbeiten will, erklärt Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Interview. Durch die FDP geht nach ihrem Bundesparteitag ein Riss. Und seit der Kampfkandidatur von Marie-Agnes Strack-Zimmermann , die am Samstag überraschend gegen Wolfgang Kubicki antrat, ist klar, wie groß die Gruppen ungefähr sind: Knapp 60 Prozent der Delegierten stimmten für Kubicki, machten ihn zum neuen Parteichef. Strack-Zimmermann aber versammelte ihrerseits rund 40 Prozent der Delegierten hinter sich. Sie steht für einen anderen Kurs als Kubicki. Während er gerne schon mal poltert, zuspitzt, polarisiert und damit auch gezielt jene Wähler ansprechen will, die auch weiter rechts der Mitte an der FDP interessiert sein könnten, wirbt sie für eine klare Abgrenzung zur AfD . Können diese beiden Lager wieder zueinander finden? Und wenn ja, wie? Im ersten großen Interview nach dem Parteitag erklärt die streitbare Europapolitikerin, wieso Kubicki den Kurs der Partei nicht alleine wird bestimmen können – und wann genau sie sich zu ihrer Kandidatur entschlossen hat. t-online: Frau Strack-Zimmermann, wie sehr haben Sie mit Ihrer Kampfkandidatur die FDP gespalten? Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Das Gegenteil ist geschehen. Unsere Partei lebt und hat gezeigt, dass wir im besten Sinne mit Verve und Temperament diskutieren können. Die Stimmung auf dem Parteitag war bezeichnend dafür, dass es einen Bedarf danach gibt, bei einer wichtigen Wahl auch eine echte Wahl zu haben. Viele in der Partei sagen, Sie hätten mit der überraschenden Kandidatur Foul gespielt, einen unfairen Wettbewerb forciert, der der Partei mehr geschadet als genutzt habe. Was entgegen Sie dem? Sich einer Wahl zu stellen und seine Meinung zu äußern, ist nicht nur Ausdruck einer funktionierenden Demokratie, es ist das Salz in der Suppe. Es ist wichtig, auch darüber im besten Sinne zu diskutieren, wo wir als Liberale in herausfordernden Zeiten stehen und welches Angebot wir den Bürgerinnen und Bürgern machen wollen. Ihre ausgefeilte Rede wirkte allerdings kaum so, als sei sie erst kurzfristig in den letzten zwei Stunden vor dem Parteitag entstanden. Ich habe in der Woche vor dem Parteitag angesichts der Lage der Partei natürlich an einer grundsätzlichen Rede für die Aussprache in der Generaldebatte gearbeitet und mir als Chefin der FDP in Europa mehr Redezeit vorab erbeten. Als dann zum Ende der Woche die Entscheidung zur Kandidatur fiel, habe ich den ganzen Tag vor dem Parteitag genutzt, um sie anzupassen, schließlich hatte ich mich bereits auf die allgemeine Aussprache vorbereitet. Nach einer Mütze Schlaf habe ich den Text dann deutlich erweitert und geschärft. Es musste, wenn Sie so wollen, ja "nur" das aufs Papier gebracht werden, was der Grund dafür ist, warum ich in die FDP vor 36 Jahren eingetreten bin und was ich nach wie vor als essenziell erachte. Wie soll eine Partei in der außerparlamentarischen Opposition, die mit sich ringt, streitet, uneins ist, beim Wähler überzeugen? Wenn ich sehe, wie unfassbare viele positive Reaktionen ich für meine Kandidatur bekommen habe – aus der Bürgerschaft, aber auch von anderen politischen Partnern und auch Parteien, die mir sagten, solch einen offenen Schlagabtausch wünschten auch sie sich mal bei ihren Parteitagen –, kann ich nur sagen: Die meisten Menschen haben das als sehr wohltuend empfunden, als zutiefst demokratisch. Entscheidend wird jetzt sein, gemeinsam zu arbeiten und in den nächsten Wochen und Monaten die anstehenden Wahlen zu bestreiten. Allesamt eine große Herausforderung, bis hin zur NRW-Wahl im April kommenden Jahres. Sie reichen Wolfgang Kubicki ausdrücklich die Hand. Der wiederum scheint nicht interessiert zu sein, hat angekündigt, "gar nicht" auf Sie und die 40 Prozent hinter Ihnen einzugehen, Sie wüssten jetzt ja, "wo der Hammer hängt". Werden Sie beide je wieder Freunde? Ja, klar. Aus dem Hammer machen wir jetzt Nägel mit Köpfen und knöpfen uns die Regierung vor, die, milde ausgedrückt, wirklich gar nichts mehr auf die Kette kriegt. Ich habe Wolfgang Kubicki im Dezember 2013 persönlich kennengelernt, als er beim Wahlparteitag – nach verlorener Bundestagswahl – als stellvertretender Parteivorsitzender antrat. Von dem Moment an waren wir beide Stellvertreter von Christian Lindner und haben uns an den Wiederaufstieg der Partei gemacht. Wir rütteln und schütteln uns jetzt alle mal und starten dann durch, uns bleibt nämlich nicht viel Zeit. Bei der Zusammenarbeit an der Parteispitze wollen Sie ihn regelmäßig an die 40 Prozent erinnern, die für Sie gestimmt haben. Werden Sie zum Stachel im Fleische der Partei? Ich sitze ja auch nach wie vor im Präsidium der FDP nicht als Stachel im Fleisch, sondern um gemeinsam endlich wieder bei dem Bürger anzukommen. Die Menschen überlegen sich, wen sie wählen wollen, auf Basis eines Angebots an Ideen und Lösungsvorschlägen. Ich halte es für wichtig, dass wir als Partei nicht nur den Finger in die Luft legen und uns danach ausrichten, welche Themen möglicherweise angesagt sein könnten. Wir müssen das anbieten, was uns als Liberale ausmacht. Ich bin sehr optimistisch, dass wir dann auch wieder erfolgreich sein werden. Und da können und werden Wolfgang und ich durchaus unterschiedliche Gruppen erfolgreich ansprechen. Das klingt dann aber doch so, als würden Sie Herrn Kubicki in den internen Sitzungen immer wieder unter Beschuss nehmen. In der FDP wird immer diskutiert. Liberale sind keine Lemminge, die hinter einer Figur herlaufen, egal auf welchen Abgrund diese zusteuert, wie derzeit die Mitglieder der Regierungsparteien, die Herrn Merz und Herrn Klingbeil sowie Frau Bas blind folgen, wissend, dass deren Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit keine sind. Wir wollen, dass die FDP wieder eine Rolle spielt in der Parteienlandschaft und dass sie spätestens 2029 mit neuen Gesichtern wieder in den Bundestag einzieht. Sie könnten aber doch auch sagen: Wahl verloren, jetzt reihe ich mich ein, ich erspare mir und der Partei jeden weiteren Konflikt. Warum wollen Sie das nicht tun? Der Parteitag hatte die Wahl. Dort wurde abgestimmt, und jetzt konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit und wirken vor allem nach außen. Da spielt nämlich die Musik, wenn man erfolgreich sein will, und das wollen wir alle, egal, ob jemand das alte "Schlachtross" Strack-Zimmermann oder Kubicki angekreuzt hat. Der inhaltliche Riss in der Partei zeigt sich entlang der Frage: Soll die FDP nicht nur enttäuschte Anhänger der Merz-CDU umwerben, sondern auch solche Wähler, die inzwischen ihr Kreuz bei der AfD machen? Kann es in dieser Frage, die vor allem ja auch eine des Tonfalls und des Auftretens ist, überhaupt einen Kompromiss geben in der FDP? Wir reden bitte von Bürgerinnen und Bürgern, die ihrem Wahlrecht nachkommen dürfen und eine Wahl haben. Jeder ist willkommen, uns zu wählen, losgelöst davon, was er und sie auf lokaler, Landes- oder Bundesebene schon einmal gewählt hat. Aber das Argument der Wählerwanderung, weg von der FDP, hin zu CDU/CSU und AfD, ist doch trotzdem sehr einleuchtend. Wählerwanderung ist kein neues Phänomen. Das gab es schon immer. In den letzten Jahren ist die Fluktuation aber insgesamt viel höher geworden, und zwar in unterschiedliche Richtungen. Sonst wäre ja auch kaum vorstellbar, dass bürgerliche Wähler plötzlich auch hart links wählen. Wir müssen konsequent ein liberales Programm anbieten. Dann werden wir die Menschen auch wieder von uns begeistern, woher auch immer sie kommen und unabhängig davon, was sie vorher gewählt haben. Ich glaube nicht, dass wir mit schrillen Tönen überzeugte AfD-Wähler wieder zurückgewinnen. Die unappetitliche Tonlage der AfD sind wir nicht und wollen wir niemals sein. Sie löst Empörung, Angst und Unmut aus. Wir haben eine vollständig andere Lebenseinstellung: positiv und bejahend, an den Mut und den Fleiß der Menschen und an die Freiheit glaubend. Wenn man den Worten Herrn Kubickis nach seiner Wahl lauscht, bekommt man nicht den Eindruck, dass ihn solche Ansagen von Ihnen interessieren. Was passiert, wenn er ungeachtet Ihrer Mahnungen wie angekündigt sein Ding durchzieht? Droht der FDP dann die Spaltung? Jeder Chef braucht motivierte Mitstreiter. Kein Parteivorsitzender kann einfach seinen Stiefel durchziehen, er braucht Partner, Kolleginnen und Kollegen, Verbündete im besten Sinne, die ihren Kopf hinhalten und kämpfen. Im Präsidium, im Bundesvorstand, vor allem an der Basis. Wahlkämpfer, die sich für die Partei an den Stand stellen und an Haustüren klingeln. Keiner ist allein unterwegs, und ich bin fest davon überzeugt, dass uns das zusammen gelingt. Dazu müssen wir beide selbstverständlich konstruktiv sein. Ich erwarte das von Wolfgang Kubicki, und er kann das auch von mir erwarten. Das schließt selbstverständlich nicht aus, dass wir nicht auch inhaltlich diskutieren werden, wenn erforderlich. Ich bin kein Stachel im Fleische eines Kollegen, ganz sicher aber im Fleische anderer Parteien und werde meinen Teil dazu beitragen, dass wir wieder erfolgreich sein werden. Frau Strack-Zimmermann, vielen Dank für dieses Gespräch.