Der erste Wahlgang endet knapp: Ein politischer Neuling liegt vorn, sein Rivale aus dem linken Lager folgt dicht. Der amtierende Präsident zweifelt das Ergebnis an. Bei der Präsidentschaftswahl in Kolumbien zeichnet sich eine Stichwahl zwischen dem rechten Außenseiter Abelardo De La Espriella und dem linken Senator Ivan Cepeda ab. Nach Auszählung von mehr als 97 Prozent der Stimmen führte der Anwalt und Geschäftsmann De La Espriella am Sonntag (Ortszeit) mit 43,7 Prozent, wie die nationale Wahlbehörde mitteilte. Cepeda kam demnach auf knapp 41 Prozent. Die konservative Senatorin Paloma Valencia, die vor der Wahl ebenfalls zu den aussichtsreichsten Bewerbern gezählt hatte, landete mit knapp sieben Prozent der Stimmen deutlich hinter den beiden Spitzenkandidaten. Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erreichte, müssen die beiden Erstplatzierten am 21. Juni in einer zweiten Runde gegeneinander antreten. Dann entscheidet sich, wer auf den scheidenden Amtsinhaber Gustavo Petro folgt, dem ersten linken Präsidenten in der Geschichte des südamerikanischen Landes. Petro durfte laut Verfassung nicht erneut antreten. Petro erklärte am Sonntagabend jedoch, er erkenne das vorläufige Auszählungsergebnis nicht an und wolle das von Richtern geprüfte Endergebnis abwarten. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp über der Hälfte der rund 41 Millionen Wahlberechtigten. De La Espriella will hart gegen bewaffnete Banden vorgehen Der 47-jährige De La Espriella präsentiert sich als politischer Außenseiter, der noch nie ein politisches Amt bekleidet hat. Er bezeichnet sich selbst als "Der Tiger", US-Präsident Donald Trump ist für ihn ein Vorbild. Als Präsident wolle er mit Unterstützung der USA mit Luftangriffen gegen bewaffnete Banden vorgehen, kündigte de la Espriella während des Wahlkampfs an. Auch den Bau von zehn Großgefängnissen versprach er. Sein Stil wird oft mit dem des Präsidenten von El Salvador , Nayib Bukele, verglichen. De La Espriella warnte davor, dass sein Kontrahent die viel kritisierte Wirtschaftspolitik Petros fortsetzen werde, darunter ein Verbot neuer Ölprojekte. Der 63-jährige Cepeda, der in den Umfragen vor der Wahl noch geführt hatte und als Verbündeter Petros gilt, will dagegen die Friedensgespräche mit illegalen bewaffneten Gruppen fortsetzen. Zudem plant er weitreichende Sozialreformen, um Ungleichheit und Armut zu bekämpfen. Dazu gehören höhere Steuern für Besserverdienende und Landzuweisungen an Opfer des jahrzehntelangen internen Konflikts. Umfragen zufolge dürfte Cepeda in der Stichwahl jedoch einen schweren Stand haben, da sich die Wähler des rechten und der Mitte zuzuordnenden Lagers nun hinter De La Espriella vereinen könnten. Die relativ niedrige Wahlbeteiligung im ersten Durchgang könnte beiden Kandidaten jedoch noch Spielraum bieten, zusätzliche Wähler zu mobilisieren. Petro-Lager stellt Vorabergebnisse infrage Nach Bekanntgabe der vorläufigen Ergebnisse äußerten sowohl Petro als auch Cepeda Zweifel am Schnellzählungsergebnis. Petro schrieb in einem Post auf der Plattform X von angeblichen Unregelmäßigkeiten bei der Auszählungssoftware und dem Wählerregister. Belege legte er zunächst nicht vor. Auch Cepeda erklärte der Zeitung "El Tiempo" zufolge, seine Kampagne prüfe Hinweise auf eine bislang unbestimmte Zahl von Wahllokalen, in denen es nach ersten Berichten zu ungewöhnlichen Abstimmungsergebnissen gekommen sein soll. Zu den Ergebnissen des Wahlabends werde er sich erst äußern, wenn die offiziellen Auszählungskommissionen ihre Arbeit abgeschlossen hätten. Die am Wahlabend veröffentlichten Vorabergebnisse gelten in Kolumbien üblicherweise als sehr verlässlich und weichen meist nur geringfügig vom späteren amtlichen Endergebnis ab. Sicherheitslage prägte den Wahlkampf Der Wahlkampf war zuletzt von einer angespannten Sicherheitslage überschattet worden. Im Vorfeld der Abstimmung kam es zu mehreren Anschlägen, bei denen Zivilisten, Soldaten und Polizisten getötet oder verletzt wurden. Die Leiterin des Kolumbien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Kristin Wesemann, hatte zuletzt von "einer der schwersten Gewaltwellen der letzten Jahre" gesprochen. Petro war 2022 als erster linker Präsident in der Geschichte Kolumbiens gewählt worden. Während seine Anhänger auf sinkende Armutszahlen, höhere Sozialausgaben und Mindestlohnerhöhungen verweisen, werfen Kritiker ihm vor, mit seinem Vorhaben eines "totalen Friedens" keinen entscheidenden Durchbruch gegen bewaffnete Gruppen erreicht zu haben.