Der Krieg im Nahen Osten löst Unsicherheit aus und treibt die Preise für fossile Energieträger hoch. Vor allem China könnte von der instabilen Weltlage profitieren. Der Iran-Krieg setzt die globale Energieversorgung unter Druck und lässt die Preise für Öl und Gas deutlich steigen. Teheran beansprucht weiterhin die Kontrolle über die strategisch wichtige Straße von Hormus , durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen transportiert wird. Die Unsicherheit und die stark gestiegenen Preise treiben zugleich strukturelle Veränderungen am Energiemarkt voran und beschleunigen den Umstieg einiger Länder auf erneuerbare Technologien. Davon dürfte derzeit vor allem China profitieren: Laut einer aktuellen Analyse des Londoner Thinktanks Ember exportiert das Land so viel "grüne" Technologie wie nie zuvor. Unter anderem durch massive staatliche Investitionen hat China in den vergangenen Jahren seine eigene Abhängigkeit von Öl reduziert und gleichzeitig seine Rolle als führender Anbieter erneuerbarer Technologien ausgebaut. "Eine energiehungrige Welt wird von Amerika in die Arme Chinas getrieben", schrieb der US-Ökonom Paul Krugman in einem Beitrag auf Substack am 14. April. "Der große geopolitische Gewinner von Trumps Feindseligkeit gegenüber der Energierevolution wird China sein, das die Produktion von Infrastruktur für erneuerbare Energien dominiert", so der Nobelpreisträger. "Darüber hinaus wird die von China angeführte Energiezukunft dank des Debakels im Iran früher als geplant Realität werden." Konflikt mit Iran löst Suche nach "verlässlicheren Energiequellen" aus Auch die aktuelle Analyse von Ember zeichnet dieses Bild: Dem Bericht zufolge haben die Exporte aus China von Solartechnologie, Batteriespeichern und Elektrofahrzeugen im März ein Rekordniveau erreicht. Die Auswertung zeigt, dass Solar-Exporte eine installierbare Kapazität von 68 Gigawatt erreichten – also die maximale Leistung, die die exportierten Module nach ihrer Installation liefern könnten. Das entspricht etwa einer Verdopplung gegenüber dem Vormonat und liegt rund 49 Prozent über dem bisherigen Höchststand. "Solarenergie ist bereits der Motor der globalen Wirtschaft, und die aktuellen Preisschocks bei fossilen Energien treiben die Entwicklung noch schneller voran", schrieb Ember-Analyst Euan Graham zu dem Report. Länder importierten Solartechnik auf Rekordniveau und bauten gleichzeitig eigene Produktionskapazitäten auf. Die australischen Forscher Peter Newman und Ray Wills schrieben in einem Beitrag in dem Wissenschaftsmagazin "The Conversation", die Staaten sicherten derzeit nicht nur Öl, sondern "verlässlichere Energiequellen", um künftige Krisen abzufedern. Die neuen Daten zeigten dabei das Gegenteil früherer Projektionen: Statt eines Einbruchs hätten sich die chinesischen Solarexporte binnen eines Monats sogar verdoppelt. Auch nach ihrer Einschätzung dürften steigende Ölpreise die Suche nach nicht fossilen Alternativen weiter beschleunigen – ähnlich wie bei den Ölkrisen vor über 50 Jahren. "Dieses Mal ereignet sich der Ölschock jedoch inmitten der rasantesten Energiewende, die die Menschheit je erlebt hat", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Analyse. Dutzende Länder stellen Import-Rekorde auf Dem Ember-Bericht zufolge haben 50 Länder neue Rekorde bei Importen chinesischer Solartechnik aufgestellt, weitere 60 zumindest Höchstwerte der vergangenen sechs Monate erreicht. Besonders stark sei das Wachstum in Schwellenländern in Asien und Afrika. So seien die Exporte nach Afrika um 176 Prozent auf 10 Gigawatt gestiegen, während sie sich in Asien auf 39 Gigawatt verdoppelt hätten. Besonders stark sei das Wachstum in Ländern wie Indien , Malaysia und Laos sowie in Nigeria , Kenia und Äthiopien ausgefallen, die teils erstmals mehr als ein Gigawatt in einem Monat importiert hätten. Andere stark von hohen Energiepreisen betroffene Märkte wie Japan, Australien und die EU hätten ebenfalls Rekordwerte erreicht, während der Nahe Osten als einzige Region keinen Anstieg verzeichnet habe. In allen drei Bereichen, Solar, Batterien und Elektrofahrzeuge, seien die Exporte im Jahresvergleich um 70 Prozent gestiegen. Bei Batteriespeichern hätten die Exporte im März einen Wert von 10 Milliarden US-Dollar erreicht, mit besonders starkem Wachstum in der EU, Australien und Indien. Krieg in Nahost befeuert auch Solarboom in Europa Auch für Hausbesitzer in Europa ist der Nahost-Konflikt zu einem Weckruf geworden. Um den explodierenden Kosten zu entkommen, setzen auch immer mehr von ihnen auf eine eigene Energiequelle auf dem Dach. In Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden hat sich die Nachfrage nach Solaranlagen seit Kriegsbeginn teils mehr als verdoppelt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Solarhandel24, ein Online-Shop für Photovoltaik-Komponenten, verdreifachte demnach seinen Nettoumsatz im März im Vergleich zum Vorjahr auf fast 70 Millionen Euro. Das Unternehmen rechne laut Reuters für April mit einer weiteren Verdreifachung. Das Unternehmen wolle deshalb rund ein Drittel mehr Personal einstellen. Der Energiekonzern E.ON berichtet von einer Verdopplung der Kundenanfragen. "Das lässt sich nicht allein mit saisonalen Faktoren erklären", sagte E.ON-Manager Filip Thon Reuters. Die Aktie des Wechselrichter-Herstellers SMA Solar ist seit Kriegsbeginn um 50 Prozent gestiegen. Jannik Schall, Mitgründer der deutschen Firma 1Komma5Grad, zog eine Parallele zur Energiekrise von 2022, als die Nachfrage noch höher gewesen sei: "Die wiederkehrenden Energiekrisen geben dem Sektor der Erneuerbaren recht." Die Nachfrage ist umso bemerkenswerter, als der europäische Solarmarkt im Jahr 2025 erstmals seit fast einem Jahrzehnt leicht geschrumpft war. Ein Grund dafür war die schwache Nachfrage von Privatkunden, nachdem staatliche Förderprogramme ausgelaufen waren. IEA rechnet mit geringerer Öl-Nachfrage Parallel dazu blickt die Internationale Energieagentur (IEA) auf die Nachfrageentwicklung. Durch die Auswirkungen des Iran-Kriegs geht die IEA für dieses Jahr von einer geringeren Öl-Nachfrage aus. Aufs Jahr gesehen erwartet die IEA einen Nachfragerückgang von 84.000 Barrel pro Tag, wie es in ihrem monatlichen Ölmarktbericht heißt. Damit senkt die in Paris ansässige Agentur ihre Prognose deutlich. Im März war sie noch davon ausgegangen, dass die Nachfrage dieses Jahr um etwa 644.000 Barrel (ein Barrel sind etwa 159 Liter) pro Tag steigen werde. Allerdings liegen beiden Monatsberichten leicht unterschiedliche Werte für die Nachfrage nach Öl im vergangenen Jahr zugrunde. Insgesamt geht die Organisation von einer täglichen Rohöl-Nachfrage von gut 100 Millionen Barrel aus. Für das zweite Quartal dieses Jahres dürfte es laut IEA einen Nachfragerückgang von 1,5 Millionen Barrel pro Tag im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geben. Einen solch rapiden Rückgang gab es dem Bericht zufolge seit der Corona-Pandemie nicht. Zunächst sei die Ölnutzung vor allem im Nahen und Mittleren Osten und im asiatisch-pazifischen Raum zurückgegangen. Doch bleibe das Öl knapp und die Preise hoch, werde die Nachfrage auch andernorts stärker zurückgehen. Durch den Krieg seien die Öllieferungen im März abrupt eingebrochen, im April habe sich der Negativtrend fortgesetzt. Die IEA geht allerdings davon aus, dass sich die Lieferketten ab Mai wieder normalisieren könnten und Ölpreise wieder sinken. Für die Quartale der zweiten Jahreshälfte sieht die Agentur daher wieder mehr Hunger auf Öl als noch in den Vorjahreszeiträumen.