Der Kampfjet FCAS sollte die deutsch-französische Freundschaft untermauern. Längst ist er zur Belastungsprobe für Paris und Berlin geworden – ohne Ende in Sicht. Von einer Entscheidung "im Herbst" sprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach dem EU-Treffen in Nikosia auf Zypern . Doch bei der Antwort ging es erst einmal nicht um die Zukunft des deutsch-französischen Luftkampfsystems FCAS, sondern um die Nachfolge des scheidenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im kommenden Jahr. Bei FCAS blieb der Bundeskanzler dafür einen konkreten Zeitpunkt für eine Entscheidung schuldig. Am Rande des informellen EU-Gipfels auf Zypern hatte Merz mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auch über das weitere Vorgehen im Fall FCAS beraten. "Wir schreiten weiter voran", sagte Macron danach. Merz ergänzte später: "Wir haben über die Zusammenarbeit insgesamt gesprochen. Dabei hat FCAS gar keine so große Rolle gespielt." Jetzt sollen sich die Verteidigungsminister der beiden Länder wieder mit dem Luftkampfsystem beschäftigen. Aber im größeren Rahmen der Sicherheitskooperation. Viele Fragen rund um das Projekt bleiben also offen. Rheingraben: Das sind die Differenzen zwischen Merz und Macron USA: Studie schlagt Alarm – Engpass an wichtigen Waffensystemen FCAS steht für "Future Combat Air System". Es war bereits 2017 von Macron und der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Weg gebracht worden und galt als Leuchtturm der deutsch-französischen Kooperation . Denn FCAS wäre das größte und teuerste europäische Rüstungsprojekt. Das Luftkampfsystem sieht einen Kampfjet vor, der im Verbund mit unbewaffneten und bewaffneten Drohnen fliegen soll und insofern mehr als ein klassisches Kampfflugzeug ist. Der Plan ist, dass es den von der Bundeswehr genutzten Eurofighter und auch die französische Rafale ab 2040 ablöst. Beim Militär wird inzwischen eher mit dem Jahr 2045 gerechnet. Und da liegt eines der Probleme. Rafale wird vom französischen Rüstungskonzern Dassault produziert, der Eurofighter von einem europäischen Konsortium rund um Airbus . Dassault-Chef Eric Trappier beansprucht die Führungsrolle bei dem Projekt. "Wenn sie es allein machen wollen, sollen sie es doch tun", sagte Trappier im Vorjahr ziemlich barsch. Da stand das Projekt mal wieder auf der Kippe. Derzeit deuten sich vier mögliche Szenarien an: Einigung: Deutschland und Frankreich verständigen sich industriepolitisch. Das System wird von Dassault und Airbus gemeinsam weiterbetrieben. Einziges Problem: Auch Spanien ist an dem Projekt beteiligt. So wird darum gerungen, mit welchen Mehrheiten in Streitfällen bei der Entwicklung entschieden werden soll. Von Governance sprechen Fachleute, kurzum: eine tragfähige Entscheidungsstruktur, die Airbus und Dassault einbindet. Daran müssen der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius und seine französische Kollegin Catherine Vautrin nun arbeiten. Ein Drohnensystem, zwei Jets: Sollte eine Einigung scheitern, wäre eine kleine Lösung möglich: Beide Seiten entwickeln gemeinsam das Drohnensystem für das Luftkampfsystem. Im Zentrum stünde je ein Kampfjet, den beide Länder getrennt entwickeln. Eine solche Variante hatte zuletzt Merz vorgeschlagen. Sie wird auch in der deutschen Industrie favorisiert. Neue Allianz I: Auch ein kompletter Ausstieg scheint möglich. Deutschland und Airbus könnten beim Projekt "Global Combat Air Programme" einsteigen, das Großbritannien und Italien gemeinsam mit Japan vorantreiben. Problem: Das Projekt ist bereits in der Entwicklung, deutsche Wünsche und Industriebelange wären schwer durchzusetzen. Neue Allianz II: Zu Debatte steht auch eine nordische Lösung mit dem schwedischen Rüstungskonzern Saab, der unter anderem den Kampfjet Gripen produziert. "Wir stehen bereit für einen gemeinsamen Kampfjet mit den Deutschen – wenn es ein klares politisches Bekenntnis beider Regierungen gibt“, sagte Saab-Chef Micael Johansson schon im Dezember der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Auch Madrid als dritter Projektpartner machte beim Gipfel-Treffen in Nikosia Druck. Regierungschef Pedro Sánchez mahnte, sein Land wolle, dass das Projekt endlich vorankomme. Es gebe wohl Schwierigkeiten beim Start dieser Zusammenarbeit, aber "Spanien ist jedenfalls nicht das Problem". In Frankreich bremst Dassault. In Deutschland aber schauen viele auf die Wahl in Frankreich im kommenden Jahr. Folgt auf Macron im Elysée-Palast die Rechtspopulistin Marine Le Pen oder ihr Schützling Jordan Bardella , stünde auch FCAS unter ungünstigen Vorzeichen. Auf Berliner Polit-Fluren wird eine Absicherung gegen dieses Szenario schon mal als Argument für einen möglichen Abschied aus dem FCAS-Projekt angeführt. Erst einmal sind aber die Verteidigungsminister Pistorius und Vautrin am Zug. Pistorius genießt in Frankreich gewisses Vertrauen. Auch, weil er seit einem Studienaufenthalt im Partnerland die französische Sprache beherrscht. Das kommt an im Nachbarland. Jenseits aller industriepolitischen Aspekte besitzt das Projekt aber auch eine strategische Dimension. Und da klaffen zwischen Deutschland und Frankreich Welten. Strategische Differenzen zwischen Paris und Berlin Sicherheitsexpertin Celia Burgdorff hatte das Grundsatzproblem zuletzt mit einem Aufsatz für das Institut Montaigne in Paris mit zwei Worten umschreiben: Autonomie steht gegen Verantwortung. Burgdorffs These: Frankreich strebt nach einem System, das ihm weitgehende Autonomie sichert und auch militärische Alleingänge ermöglicht, etwa in Afrika. Deutschland setzt auf Verantwortung und Verteidigung in Europa. Sehr vereinfacht und übertragen auf den FCAS bedeutet das: Frankreich wünscht einen Kampfjet, der auch auf einem Flugzeugträger landen kann. Deutschland reicht ein Militärflieger, der die Nato-Ostgrenze erreicht. Burgdorff notierte zu den unterschiedlichen Perspektiven: "Während Frankreich Europa eher als Multiplikator der Souveränität oder gar als Erweiterung seiner nationalen Macht betrachtet, unterhält Deutschland ein pragmatischeres Verhältnis zur Europäischen Union." Mit dem Beschluss von Zypern und dem Auftrag an ihre Verteidigungsminister haben sich Merz und Macron erst einmal ein wenig Zeit verschafft. Die grundsätzliche strategische Differenz aber bleibt. Zeit für eine europäische Lösung. Wie sagte Merz in Zypern: "Es bleibt richtig, dass wir für unsere eigene Sicherheit sehr viel mehr tun müssen.