Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich fundamentale Änderungen bei den Sozialversicherungen. Vor allem die Bürgerversicherung genießt hohe Beliebtheit, selbst unter Privatversicherten. Ob Rente , Gesundheit oder Pflege: Die Menschen in Deutschland haben einer Umfrage zufolge hohe Erwartungen an den Sozialstaat und sind auch bereit, dafür zu zahlen. Die am Mittwoch vorgestellte Erhebung "Sozialstaatsradar 2026" zeige, "dass die Menschen nach wie vor solidarische Sicherungssysteme wollen und dass die Privatisierung sozialer Risiken als Alternative von großen Teilen abgelehnt wird", sagte Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), in Berlin . Auch Privatversicherte fordern Bürgerversicherung Vor allem in den Bereichen Gesundheit und Pflege empfinden viele Menschen die bestehenden Unterschiede als ungerecht, heißt es in der Studie. Weit verbreitet sei das Gefühl einer Zweiklassenmedizin. Eine große Mehrheit der Befragten (77 Prozent) plädiert deshalb für ein Ende des dualen Systems aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Dieses soll durch eine Bürgerversicherung abgelöst werden, in die alle Erwerbstätigen einzahlen. Selbst unter den Privatversicherten votierte eine knappe Mehrheit (53 Prozent) für die Einführung einer Bürgerversicherung. Auch bei der Pflegeversicherung ist der Wunsch nach einer Neujustierung groß. Die Hälfte der Befragten (50 Prozent) wünscht sich angesichts der stark steigenden Eigenanteile den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch. hierfür wären sie auch bereit, höhere Beiträge für die Pflegeversicherung zu zahlen. Pflegeheimkosten: "Eigenanteile steigen – so teuer ist ein Platz im Pflegeheim" Leitfaden: "Pflegefall in der Familie: Diese Fragen sollten sie jetzt klären" Der Sockel-Spitze-Tausch ist ein Reformmodell, um die finanziellen Belastungen für Pflegebedürftige abzusichern. Dabei wird der Eigenanteil der Versicherten auf einen festen Betrag begrenzt, den Sockel. Alle Kosten, die darüber hinausgehen, die Spitze, zahlt die gesetzliche Pflegeversicherung. Derzeit ist es andersherum, sodass die Mehrkosten im Pflegesystem von den Versicherten zu tragen sind. Weitere zwölf Prozent wünschen sich hingegen eine Pflegevollversicherung, die sämtliche Kosten abdeckt. Hierfür wären sie auch bereit, deutlich höhere Beiträge zu bezahlen. 13 Prozent votierten derweil für eine verpflichtende private Pflegeversicherung, weitere zwölf Prozent wollen an den bestehenden Beiträgen trotz steigender Eigenanteile nichts ändern. "Gute Leistungen gibt es nicht umsonst" "Der Sozialstaat ist den Menschen etwas wert", resümierte Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen . Diese hatte die Umfrage zusammen mit der Arbeitskammer des Saarlands und dem DGB in Auftrag gegeben. "Sie wissen aber auch: Gute Leistungen gibt es nicht umsonst", so Rosenthal. Die große Mehrheit der Versicherten sei folglich auch bereit, für einen stabilen Sozialstaat höhere Beiträge zu zahlen. Das gilt laut Sozialstaatsradar auch im Hinblick auf die Rente. 74 Prozent der Befragten zeigten sich offen für höhere Beiträge im Gegenzug für bessere Rentenleistungen. Knapp jeder Achte würde sogar deutlich höhere Beiträge zahlen, wenn dadurch das Rentenniveau angehoben wird. Die Gesamtlage bei der Alterssicherung bewertete die Hälfte der Befragten (50 Prozent) als schlecht oder gar sehr schlecht. Mehr als 25 Prozent glauben zudem, persönlich schlecht oder sehr schlecht für das Alter abgesichert zu sein. Um den Lebensstandard im Alter halten zu können, wünschen sich die Menschen im Durchschnitt, dass die Rente (inklusive betrieblicher und privater Altersvorsorge) 71,1 Prozent des letzten Nettoeinkommens beträgt. Laut DGB ist das eine klare Absage an die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz , der die gesetzliche Rente jüngst als bloße "Basisabsicherung" bezeichnete und mehr Eigenverantwortung in Form von betrieblicher und privater Altersvorsorge forderte. Kein Generationenkonflikt bei der Rente Ein Generationenkonflikt bei der Rente ist den Urhebern der Studie zufolge nicht erkennbar: 71 Prozent der 18- bis 29-jährigen Befragten seien bereit, höhere Beiträge zu zahlen, wenn die Rente stabil bleibt oder höher ausfällt. 74 Prozent lehnten eine weitere Anhebung des gesetzlichen Rentenalters ab. Mehr als die Hälfte äußerte die Erwartung, den Beruf nicht bis zur früheren Regelaltersgrenze von 65 Jahren ausüben zu können. Der DGB und die Arbeitnehmerkammern leiteten aus den Ergebnissen eine Reihe von politischen Forderungen ab. "Der Sozialstaat scheitert nicht am Geld, sondern am fehlenden politischen Mut zu verlässlich guten Leistungen", schreiben sie. "Wer Sicherheit will, muss sie gerecht finanzieren – etwa durch einen größeren Versichertenkreis. Auch Unternehmen stehen hier in der Verantwortung." In der öffentlichen Debatte werde der Sozialstaat "häufig als überholt dargestellt, als ineffizient und zu teuer", kritisieren die Autorinnen und Autoren. "Dieser Diskurs über mehr Eigenvorsorge spiegelt jedoch nicht die Präferenzen der Bevölkerung wider."