Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, die kommenden Monate dürften dramatisch verlaufen. Eigentlich kaum vorstellbar, dass Donald Trump noch mehr Chaos anrichtet, doch wer die Entwicklungen in den USA verfolgt, muss genau damit rechnen. Das Iran-Abenteuer entpuppt sich als kolossales Eigentor für den Präsidenten. Die Sprit- und Lebensmittelpreise sind diesseits wie jenseits des Atlantiks gestiegen, die gestern angekündigte Öffnung der Meerenge von Hormus wird frühestens in einigen Wochen Entlastung bringen. Noch haben die Öl- und Gastanker lange Seewege vor sich, und der Waffenstillstand erscheint brüchig. "Was auf den ersten Blick wie die herbeigesehnte Entspannung aussieht, ist bei genauerem Hinsehen ein höchst zerbrechlicher und chaotisch improvisierter Lösungsversuch einer selbst verschuldeten, vermeidbaren und extrem gefährlichen Krise", schreibt unser Washington-Korrespondent Bastian Brauns. "Das empfindlich kleine Nadelöhr der Weltwirtschaft mag zwar nicht mehr gänzlich blockiert sein, ist aber längst nicht verlässlich frei. Jederzeit kann die Falle wieder zuschnappen." Der Chef der Internationalen Energieagentur warnt vor drastischen Einschnitten: Er hält es für möglich, dass vielen Airlines bald das Kerosin ausgeht. Nicht nur Benzin und Diesel, auch viele Grundnahrungsmittel verteuern sich spürbar. In der jüngsten Umfrage der Quinnipiac University sind Trumps Zustimmungswerte auf den tiefsten Stand seit Beginn seiner zweiten Amtszeit gefallen; die Mehrheit der Bevölkerung lehnt ihn und seine Politik ab. Was tut Trump, wenn er unter Druck gerät? Er lenkt ab, so macht er es seit Jahren. Deshalb ist damit zu rechnen, dass aus Washington noch mehr Lügen, noch mehr Absurditäten und noch mehr Attacken kommen, auch gegen Verbündete. Im Weißen Haus wird nun wieder auffallend oft über Grönland gesprochen. Dass die Nato bei ihrem Gipfeltreffen Anfang Juli in Ankara noch als intaktes Bündnis auftritt, ist nur mehr eine Hoffnung. Die Lage ist unberechenbar – umso wichtiger, einen kühlen Kopf zu bewahren. Als Historiker hat Philipp Gassert qua Profession einen nüchternen Blick auf die Dinge, trotzdem merkt man ihm Leidenschaft an, wenn er über Amerika spricht. In seinem Buch "Die bipolare Nation" beschreibt er den Weg der USA von der Gründung bis zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum Unruheherd, von der Verheißung zur Gefahr. Und er fordert vehement, dass Europa nun unabhängig von den USA werden muss. Wie kann das gelingen, ist es überhaupt machbar? Darüber diskutieren Nicole Fuchs-Wiecha und ich im Podcast mit Professor Gassert. Ein Gespräch, das sich anzuhören lohnt, wie ich finde: Spotify | Apple Podcasts || Transkript lesen Ich bedanke mich für viele freundliche Leserzuschriften in den vergangenen Tagen und wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende. Der nächste Tagesanbruch kommt am Montag von Heike Vowinkel. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online