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US-Experte Jeff Jarvis zu Trumps Presse-Krieg: "Die Massenmedien sind tot"

Als Vordenker des Journalismus kennt Jeff Jarvis die US-Medienwelt seit Jahrzehnten. Im Interview beschreibt er, warum Trump die Presse als Feind braucht – und warum die Journalisten selbst ein großer Teil des Problems sind. Bastian Brauns berichtet aus Washington Der amerikanische Medienwissenschaftler und Journalistikprofessor Jeff Jarvis gehört seit vielen Jahren zu den schärfsten Kritikern von Donald Trumps Umgang mit den Medien. Dabei verteidigt der Jarvis die etablierten Medien keineswegs. Im Gegenteil: Er hält das System, in dem Reporter um Zugang zum Weißen Haus kämpfen, für grundlegend fehlerhaft. Trump nutze die Presse als Feindbild, sagt er – und die Journalisten ließen sich auf dieses Spiel ein. Im Interview erklärt Jarvis, warum die Medien seiner Ansicht nach viel mutiger werden müssten, weshalb gerade der umkämpfte Presseraum des Weißen Hauses überschätzt wird und warum sich die klassischen Massenmedien für ihn längst im Niedergang befinden. t-online: Herr Jarvis, was steht auf dem Spiel, wenn Donald Trump Medien wie CNN , "Politico" und MS Now den Zugang zum Weißen Haus verweigert? Jeff Jarvis: Das ist höchst ungewöhnlich. Es ist eindeutig ein Verstoß gegen den ersten Zusatzartikel unserer Verfassung , der die Freiheit der Presse garantiert. Trump schließt die Medien aus, weil ihm nicht gefällt, was sie schreiben oder berichten. Genau das darf nicht passieren. Aber ich habe einen Einwand. Und der wäre? Diese Art des amerikanischen Journalismus ist grundlegend korrumpiert. Ich nenne es das System des "Zugangsjournalismus". Journalisten bauen sich dabei gute Beziehungen zu Quellen auf, um Zugang zu bekommen. Manchmal fühlen sie sich diesen Quellen aber deutlich näher als der Öffentlichkeit, der sie eigentlich dienen sollen. Das System ist also auf beiden Seiten ziemlich kaputt. Medienkrieg des US-Präsidenten: Trump bringt sogar Fox News gegen sich auf Aber die Öffent lichkeit benötigt doch Zugang zu dem, was im Weißen Haus passiert. Die Frage ist doch: Welchen Wert hat der Presseraum des Weißen Hauses überhaupt für die Bürger? Was man dort bekommt, sind PR und Propaganda. Natürlich sollte jemand dort sein. Aber schon während Trumps erster Amtszeit haben mein Freund Jay Rosen von der New York University und ich vorgeschlagen, dass Medienorganisationen besser ihre Praktikanten dorthin schicken. Die können aufzeichnen, was dort passiert. Es gibt ohnehin einen Videostream, den alle bekommen. Nichts Wertvolles kommt dabei heraus. Es geht doch aber nicht ums Stenografieren, sondern darum, Fragen zu stellen. Es geht um Kontakte und um Hintergrundinformationen. Auch diese Kontakte zu Regierungsvertretern sind problematisch, weil diese den Zugang kontrollieren und entscheiden, was sie einem Journalisten zuspielen. Wieder geht es um PR und Propaganda. Journalisten wären viel besser damit beschäftigt, unter den Bürgern zu sein und über deren Bedürfnisse und Sorgen zu berichten, statt über die Talking Points der Trump-Regierung – oder überhaupt irgendeiner Regierung. Aber offenbar ärgert es Trump doch, dass die Journalisten kritisch über ihn berichten. Trump liebt die Medien. Er liebt es, sich selbst in den Medien zu sehen. Ich glaube nicht einmal, dass es stimmt, dass er die Medien hasst. Aber jeder Sektenführer, jeder autoritäre Faschist braucht einen Feind – und Medien und Journalisten sind ein sehr bequemer Feind. Wenn die Medien komplett aufhören würden, über ihn zu berichten, würde Trump ersticken. Ihm würde einfach die Luft ausgehen. Er ist auf ihre Aufmerksamkeit angewiesen. Es geht also nicht wirklich darum, sie loszuwerden. Er will sie bestrafen, weil ihn das stark aussehen lässt. Zuletzt haben sich die großen Fernsehsender, darunter auch Fox News, zeitweise aus der Berichterstattung aus dem Weißen Haus zurückgezogen. War das die richtige Reaktion? Ich war am vergangenen Freitag bei CNN und habe in die Kamera geschaut und alle Journalisten aufgefordert, den Presseraum des Weißen Hauses zu verlassen. Ich war positiv überrascht, dass zumindest die Fernsehsender zeitweise ihre Berichterstattung eingestellt haben . Das war gut und wichtig. Das Ungewöhnliche war natürlich, dass beim Besuch von Xi Jinping die Quellen für unsere Bilder und Nachrichten dann vielfach aus China kamen . Das war nicht ideal. Aber in jedem Fall halte ich es für richtig, dass das gemacht wurde. Jetzt bröckelt dieser Boykott gegen Trump aber offensichtlich schon wieder. Ja, als das Gericht dann entschied, dass die Sender wieder Zugang bekommen müssen , sorgte das Weiße Haus dafür, dass Trump CNN erneut aus einem Pressepool ausschloss. Aber diesmal haben die Sender gekniffen und entschieden, dass sie trotzdem aus einer Art Pflichtgefühl heraus weiter berichten müssten. Ich finde das sehr bedauerlich. Es zeigt, wie sehr es ihnen an Mut und Standhaftigkeit fehlt. Sie kritisieren die amerikanischen Medien derzeit ungewöhnlich scharf. Warum? Ich bin sehr kritisch bezüglich unserer politischen Berichterstattung. Das ist eine schwierige Position, weil ich nicht anfangen möchte, Trump nachzuplappern, wenn er von "Fake News" spricht. Meine Perspektive ist aber die: Die Medien machen ihre Arbeit einfach nicht gut genug. Sie müssen besser werden. Gegen die eigene Zunft zu schießen, beschert einem nicht unbedingt nur Freunde. Ich kritisiere vor allem die "New York Times" und die "Washington Post" und nenne sie die "Broken Times" und die "Broken Post". Es gibt eine enorme Wut von links darüber, wie die Medien uns im Stich lassen. Sie versagen in diesem Moment des Faschismus. Wir müssen es besser machen. Es gibt nach wie vor gute Journalisten. Bei der "New York Times" und sogar bei der "Washington Post" arbeiten weiterhin investigative Reporter, die hervorragende Arbeit leisten. Aber sie sitzen nicht im Presseraum. Sie machen ihre investigative Arbeit außerhalb des Weißen Hauses. Genau das ist wichtig. Worin konkret sehen Sie das Versagen? Viele Journalisten sind vorsichtiger geworden. Dabei könnten sie so viel tun. Sie könnten Trump sagen: "Wie können Sie es wagen, so mit meinem Kollegen zu sprechen?" Sie könnten dieselbe Frage stellen, die ein Kollege gerade nicht beantwortet bekommen hat. Sie könnten weitergehende Nachfragen zum gleichen brisanten Thema stellen, um Druck aufzubauen. Aber sie tun es nicht, weil sie weiterhin nach dem Prinzip arbeiten, dass sie ihren eigenen Scoop wollen. Sie wollen Exklusivgeschichten und ihre ganz eigene Aufmerksamkeit. Gleichzeitig gibt es immer mehr sogenannte neue Medien, Influencer und MAGA-Kanäle. Wer sollte überhaupt Zugang zum Weißen Haus bekommen? Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Wir haben derzeit einen Mangel an Urteilsvermögen – in den Medien und im Umgang mit Medien. Früher hätte ich gesagt, Fox News und andere Medien des Murdoch-Konzerns sollte man meiden, weil sie keinen legitimen Journalismus betreiben. Und ein rechter Influencer wie Tim Pool ist sicherlich noch weniger legitim. Aber die Frage ist ja eine grundsätzliche: Wer sollte überhaupt Zugang zum Weißen Haus bekommen – wer darf im sogenannten Pressepool sitzen oder in der Air Force One mitfliegen? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Klar ist aber: Bei Trumps Niederlage vor Gericht ging es darum, dass das Gericht zwei Dinge festgestellt hat: Es fehlten von der Regierung erlassene Standards, und es fehlte eine angemessene Benachrichtigung der betroffenen Medien. Es gab keine Möglichkeit, Einspruch einzulegen, kein ordnungsgemäßes Verfahren. Nichts, wogegen man hätte Berufung einlegen können. Das heißt aber, die Regierung könnte formal ein bestimmtes Verfahren entwickeln, um den Zugang rechtmäßig zu beschränken? Tatsächlich ist Trump hierbei sein eigener schlimmster Feind. Denn er hat sinngemäß offen ausgesprochen: Ich mag nicht, was sie tun, also werde ich sie los. Das entspricht eindeutig nicht einem verfassungsgemäß erforderlichen Standard. Aber das spielt letztlich auch gar keine Rolle, weil das alles Schauspiel ist. Es geht nur um die Show. Und damit sind wir wieder bei meinem ersten Punkt: Trump braucht die Presse als Feind. Wie sollten die Medien damit denn umgehen? Irgendwann muss der Journalismus als Institution selbst entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Das ist total schwierig. Und es fehlt der Mut dazu. Schauen Sie sich etwa die White House Correspondents' Association an. Diese Vertretung von Reportern im Weißen Haus hat Trump, den Mann, der sie hasst, zum eigenen Dinner eingeladen und ihn dort geehrt. Diese Leute haben überhaupt keinen Mut. Deshalb wird das, was ich vorschlage, wahrscheinlich auch nie passieren. Sie haben Angst davor, solche Entscheidungen zu treffen. Aber letzten Endes geht es darum, sich als Gesellschaft darauf zu einigen, welche journalistischen Standards notwendig sind, um die Anliegen der Bevölkerung abzubilden? Ja, aber die Medien folgen hier dem Grundgedanken, dass sie keine Urteile fällen wollen, aus Furcht, selbst verurteilt zu werden. Wir lizenzieren Journalismus in diesem Land nicht staatlich und das wollen wir auch nicht. Trotzdem müssten die sogenannten Mainstream-Medien sehr viel klarer entscheiden, was Journalismus ausmacht und was kein Journalismus ist. Das würde kontroverse Diskussionen auslösen. Aber wenn man nicht zumindest einige Grundprinzipien des Journalismus verteidigt, bleibt am Ende nichts übrig. Welche Bedeutung haben die klassischen Massenmedien überhaupt noch? Die Massenmedien sind meiner Ansicht nach tot oder liegen im Sterben. Sie sind längst nicht mehr so wichtig, wie sie selbst glauben. Das ist übrigens ein weiteres Paradox bei Trump: Seine Verbündeten kaufen gerade im großen Stil jene Medien auf, die eigentlich im Sterben liegen. David Ellison und sein Vater Larry Ellison haben Paramount und CBS gekauft und wollen Warner Bros. kaufen, einschließlich CNN. Das sind übrigens inzwischen fast Zustände wie in Ungarn unter Viktor Orbán. Trump und seine Verbündeten streben also die Kontrolle dieser sterbenden Medien an? Ja, Trump und seine Verbündeten kaufen diese Medien aus Machthunger auf, greifen sie aber zugleich hart an, indem sie ihnen täglich vorführen, wie unwichtig sie in Wahrheit sind. Aber in beiden Fällen verwenden sie ihre Zeit darauf, Institutionen zu bekämpfen, die immer unwichtiger werden. Wie könnte eine neue Medienordnung für unsere Zeit aussehen? Unsere Vorstellung von Journalismus und Massenmedien war stets dem historischen Wandel unterworfen. Das beschreibe ich auch in meinem neuen Buch "Hot Type". Vor der Mechanisierung und Industrialisierung der Presse hatte eine Tageszeitung in den USA im Durchschnitt nur etwa 4.000 Exemplare. Um 1900 hatten größere Zeitungen bereits Auflagen von Hunderttausenden. Allein in New York gab es einmal 46 Tageszeitungen. Was heute undenkbar erscheint. Ja, denn dann kam es zu einer enormen Konzentration: Große Zeitungen kauften kleinere, Zeitungsketten entstanden. Danach kamen Radio und Fernsehen. So entstand diese Medienlandschaft aus Konglomeraten mit nur wenigen großen Akteuren. Ich glaube, das ist in Wahrheit ein ziemlich unnatürlicher Zustand der Medien. Warum glauben Sie das? Wir haben den Menschen eingeredet, dass wir alle Menschen auf dieselbe Weise bedienen können. Dabei können wir das nicht. Im 19. Jahrhundert gab es eine Zeitung für Arbeiter, eine für deutsche Einwanderer, eine für finnische Einwanderer und so weiter. Vielleicht kehren wir mit der aktuellen digitalen Fragmentierung zu einem natürlicheren Zustand der Medien zurück. Wir sind nur nicht daran gewöhnt, weil wir die Vorstellung verinnerlicht haben, dass einzelne große Medien alle erreichen können. Was erwartet uns in den kommenden Wochen und Monaten in Trumps Krieg gegen die Medien? Ich fürchte, dieser Krieg wird genauso lange weitergehen wie der Krieg im Iran . Er wird einfach immer weitergehen. Als Trump 2016 zum ersten Mal gewählt wurde, habe ich eine Journalistin in Argentinien angerufen. Ich fragte sie damals, was wir nun zu erwarten hätten. Sie sagte: "Man wird euch belügen. Man wird euch den Zugang abschneiden. Und die einzige Antwort darauf ist: Recherchieren, recherchieren, recherchieren." Was, wie ich eingangs sagte, die grundlegende Arbeit von Journalisten sein müsste. Welche Rolle sollte der Presseraum des Weißen Hauses also künftig spielen? Wir müssen den Stellenwert dieses Presseraums wieder heruntersetzen. Früher wurde das alles nicht im Fernsehen übertragen. Er war für langweilige Hintergrundgespräche da, damit Journalisten grundlegende Fakten bekamen und grundlegende Fragen stellen konnten. Das war alles. Das 24-Stunden-Kabelfernsehen, sein ständiger Hunger nach Bildern und erst recht das Internet haben den Presseraum zu einer Bühne und das ganze Handeln zu einer Fernsehshow gemacht. Herr Jarvis, vielen Dank für das Gespräch.

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