Deutschlands größter Backwarenhersteller steckt 200 Millionen Euro in ein neues Werk im Süden. Viele andere Bäcker kämpfen derweil ums Überleben. Der Traditionsbäcker Harry kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Das Unternehmen aus Schenefeld bei Hamburg hat angekündigt, im hessischen Ort Erlensee eine Großbäckerei mit rund 300 Arbeitsplätzen zu errichten, der Bau soll im Spätsommer 2026 beginnen. Der Erfolg des Marktführers und die Krise der Bäcker haben dieselbe Ursache: Immer mehr Menschen kaufen ihr Brot im Supermarkt statt beim Bäcker. Und dort kommt es häufig von Harry. Im ersten Halbjahr 2026 haben bundesweit 63 Bäckereien Insolvenz angemeldet, 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Zuletzt traf es auch mittelständische Ketten wie den Thüringer Bäcker Lampe mit 44 Filialen und die Bäckerei Wahl mit mehr als 50 Standorten in Berlin und Brandenburg. Den Hauptgrund sieht Creditreform in veränderten Gewohnheiten: Viele Kunden kauften Backwaren beim Wocheneinkauf im Supermarkt oder Discounter, sagte Sprecher Patrik-Ludwig Hantzsch der "Bild"-Zeitung. Kik schließt 150 Filialen : Diese Standorte sind betroffen "Eine massive Umwälzung" : Der nächste China-Schock rollt an Sieben von zehn Broten aus dem Supermarkt Im ersten Quartal entfielen 70 Prozent der verkauften Mengen an Brot und Backwaren auf Supermärkte und Discounter, wie aus Daten von YouGov hervorgeht. Brot aus der Backstation ist nur gut halb so teuer wie beim Bäcker: Ein Kilo kostete dort 2025 im Schnitt 2,77 Euro, beim Bäcker 5,03 Euro. Die Ware für die Backstationen liefern Industriebetriebe wie Harry oder der Mitbewerber Lieken, teils backen die Händler auch selbst. Die Schwarz-Tochter Bonback stellt nach eigenen Angaben bis zu zehn Millionen Brötchen pro Woche für Lidl und Kaufland her. Harry belieferte nach Unternehmensangaben täglich rund 13.500 Geschäfte und 10.000 Backstationen. Früh auf den Handel gesetzt Die Geschichte von Harry beginnt 1688 in Altona, und zwar unter anderem Namen: Der aus Bremerhaven stammende Bäcker Johan Hinrich Harie eröffnete dort eine kleine Backstube. Erst seine Söhne schrieben den Familiennamen Harry. 1963 fiel eine Entscheidung, die sich heute auszahlt: Harry gab seine eigenen Filialen auf und belieferte fortan nur noch Geschäfte. Ab 1997 kamen vorgebackene, tiefgekühlte Brote und Brötchen für die Backstationen des Handels hinzu. "Prebake ist in den vergangenen Jahren eingeschlagen wie eine Bombe", sagte der damalige Chef Hans-Jochen Holthausen 2012 dem "Hamburger Abendblatt". Heute macht das Segment laut Geschäftsführer Frank Kleiner ein Drittel des Geschäfts aus. Mit dem Boom kam der Aufstieg an die Spitze: 2011 lag Harry mit 738 Millionen Euro Umsatz noch hinter Lieken auf Platz zwei, 2025 waren es knapp 1,4 Milliarden Euro. Das Unternehmen befindet sich in der zehnten Generation im Familienbesitz und beschäftigt mehr als 5.000 Menschen. Drei Backlinien für den Süden Mit dem neuen Werk greift Harry nun den Süden an, wo das Unternehmen bislang kaum vertreten ist. Seine Werke stehen vor allem im Norden, Westen und Osten: in Schenefeld, an drei Standorten in Niedersachsen, drei in Nordrhein-Westfalen sowie in Berlin, Magdeburg und bei Leipzig . Kleiner spricht von einer "logischen Expansion". Der Zeitpunkt hängt auch mit Rewe zusammen: Der Handelskonzern gibt seine Glockenbrot-Bäckereien auf, Harry übernimmt das Werk in Bergkirchen bei München . Den Frankfurter Glockenbrot-Standort in Fechenheim betreibt Rewe noch bis 2028, für Harry kam er nicht infrage – das Unternehmen brauchte mehr Fläche. Die fand es in Erlensee: Dort wollte Rewe eigentlich eine Großmetzgerei bauen, stoppte das Projekt aber wegen sinkender Umsätze mit Fleisch und Wurst und bot Harry das Grundstück an. Erlensee wird Harrys zwölfte Bäckerei, die Halle soll 390 Meter lang und 80 Meter breit werden. Vorbild ist das Werk in Troisdorf bei Köln mit drei Backlinien, von denen jede pro Stunde bis zu 7.000 Brote und 40.000 Brötchen herstellen kann. Ab dem zweiten Quartal 2028 will Harry von dort aus auch Baden-Württemberg beliefern. Nicht der einzige Grund Das Supermarkt-Brötchen allein erklärt das Bäckersterben aber nicht. Die Betriebe leiden auch unter hohen Energie- und Lohnkosten, teureren Rohstoffen und Fachkräftemangel. Diese Kosten können sie laut Creditreform nur begrenzt an ihre Kunden weitergeben. Auch im Süden haben zuletzt Betriebe aufgegeben, etwa die Bäckerei Maier in der Oberpfalz, die Insolvenz angemeldet hat. Mit Harry kommt dort ab 2028 ein weiterer großer Lieferant für das Supermarktregal hinzu. Das könnte den Druck auf die Handwerksbäcker weiter erhöhen.