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Nach den Sommerinterviews: Für Merz geht's jetzt um alles

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, früher war alles besser. Das predigten schon die Großeltern, als man selbst noch ein Dreikäsehoch war. Spätestens seit den ersten eigenen grauen Haaren ahnt man, was sie damit meinten. Das gilt auch für Sommerinterviews. Was waren das für Zeiten, als – die Älteren werden sich erinnern – Helmut Kohl vom Wolfgangsee aus in die Wohnzimmer kam, Gerhard Schröder im Hannoveraner Zoo saß oder Joschka Fischer in der Toskana. Ein Gefühl von Sommer und Leichtigkeit wehte in die heimische Stube. Der Politiker als Mensch im Kurzarmhemd und natürlich trotzdem immer ans Land denkend. Win-win heißt das heute neudeutsch: gut fürs Fernsehen und gut für den Politiker. Passierte ja kaum was im Sommer, damals. Weshalb es noch Nachrichtenlöcher gab, die ließen sich gut mit Politikern füllen, die ein bisschen menschelten und zugleich große Linien zeichneten. Funktioniert heute alles nicht mehr. Gestern Abend läutete der Kanzler das Ende des Sommers in der ARD ein, zum Anfang hatte er sich im Juli vom ZDF befragen lassen. In dem einen wie dem anderen Interview weit und breit keine Leichtigkeit, kein Gefühl von Sommer. Wie auch? Nachrichtenlöcher gibt es nicht mehr, es passiert einfach zu viel. Im Juli war es Jens Spahn. Offiziell hatte er die Leihmutterschaft stets abgelehnt, sie privat aber beansprucht, um mit seinem Mann Vater zu werden. Das und sein Rücktritt brachten den Kanzler schwer in die Bredouille. Und das ausgerechnet zum Sommerstart. Dünnhäutig reagierte Merz damals auf die kritischen Fragen der ZDF-Kollegin. Seitdem gab es eine holprige Kabinettsumbildung, einen Anschlagsversuch in Leipzig, eine Debatte über die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente und miserable Umfragewerte für den Kanzler und seine Partei in den wahlkämpfenden Ostbundesländern. Zunehmend dunkel schwebte die Gewitterwolke über Sachsen-Anhalt. Am kommenden Sonntag droht sie sich zu entladen. Der parlamentarische Sommer endet dann, so oder so. Ziemlich sicher wird die AfD dort stärkste Kraft. Der Mann, der einst antrat, sie zu halbieren, und seine Regierung haben daran ihren Anteil. Wenn die Gründe auch vielschichtig sind. Nicht umsonst wird Merz erst heute zum ersten Mal in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf auftreten. Und das vorsichtshalber nicht einmal öffentlich. Als Hilfe wird das dort nicht gerade gesehen. Auch das wurde in den Einspielern des Sommerinterviews gestern deutlich: Zu lange hat es gedauert, bis Schwarz und Rot einen Arbeitsmodus fanden, große Reformen wurden versprochen, aber nicht präsentiert. Der Frust aus den Ampeljahren wuchs unterdessen weiter an. Längst denken viele im Land: Die können's auch nicht. Oder: Merz kann's nicht. Das ist auch ungerecht. Denn inzwischen ist die Stimmung schlechter als die Lage. Tatsächlich hat Rot-Schwarz endlich eine solide Arbeitsbasis. Die Klausurtagungen der vergangenen Woche zeugen davon . Auf wichtige Reformpläne hat man sich vor der Sommerpause geeinigt. Nun gilt es, sie zügig umzusetzen. Dass dabei um einzelne Punkte im Parlament gerungen wird, sollte selbstverständlich sein. Das ist gelebte Demokratie. Nicht jede Kritik ist gleich ein Koalitionskrach. Entscheidend ist jetzt, dass die Regierung, allen voran Friedrich Merz, endlich die richtigen Worte findet. Er muss den eigenen Leuten, aber auch den Menschen im Land besser erklären, was notwendig ist. Auf Augenhöhe. Das ist bekanntermaßen nicht seine Stärke. Merz, das war immer klar, ist kein Kanzler der Herzen . Das wird er wohl auch nicht mehr. Doch es reicht schon, wenn er den Menschen mehr zuhört, ihre Ängste, ihre Sorgen ernst nimmt, ein Kanzler der Vernunft wird. Der erläutert, warum Einschnitte notwendig sind, und alte Gewissheiten nicht mehr gelten. Warum im Gesundheitswesen gespart werden muss, warum Deutschland aufrüsten und sich dafür so hoch verschulden muss. Das war gestern in der ARD schon ein guter Anfang. Da war ein kämpferischer Merz zu sehen, einer, der auf Erfolge verwies, auf die Stärken des Landes und der versuchte, Zuversicht zu verbreiten. Auch dass der Kanzler sich Ende vergangener Woche bei RTL den Fragen von vier Bürgern stellte, war der richtige Ansatz. Das mit der Augenhöhe gelang ihm zwar nicht ganz, aber er versuchte es zumindest. Doch wenn in solchen Runden Menschen sitzen wie jene Kinderärztin, die dem Kanzler vorwarf, seinen Amtseid zu verletzen, weil er "menschenverachtende Gesetze" erlasse , wird echter Austausch unmöglich. Warum, das fragte man sich da, sucht RTL solche Gäste aus? Empörungsfuror erstickt nicht nur in den sozialen Medien jede Debatte – scheint aber gut zu sein für die Quote, so offenbar das Kalkül des Senders. Vieles, was nun notwendig ist, wird wehtun. Verzicht tut immer weh. Die Aufgabe von Merz' Regierung ist es, jetzt dafür zu sorgen, dass dieser Verzicht gerecht verteilt wird. Auch das müsste sie dann besser erklären. Es gibt noch immer viel zu tun. Die AfD hat es da leichter. Sie predigt keinen Verzicht, sie verheißt die Rückkehr zu einem Früher, das es so nie gab und das auch nicht erstrebenswert ist: ohne Migranten, ohne EU und abhängig von Russland und dessen Billig-Gas. Das löst kein einziges strukturelles Problem des Landes und bringt keine Sicherheit, ganz im Gegenteil. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: Die Zukunft war früher auch besser. Drohnenangriff Wie hoch ist der Preis? Das Warten soll bald ein Ende haben. Schon in den nächsten Tagen will die Bundesregierung die Ergebnisse der Ermittlungen mitteilen, wer für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig verantwortlich war. Das kündigte Friedrich Merz im ARD-Sommerinterview an. Es werde eine angemessene Reaktion geben, die mit den Partnern der EU und der Nato abgestimmt sei. Was auch immer das heißen mag. Von einem umfangreichen Maßnahmenpaket gegen Moskau, das vorbereitet werde, hatten zuvor "Welt am Sonntag", "Politico" und "Bild" berichtet unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen. Dort hieß es, das gehe weit über die Ausweisung von Diplomaten hinaus. Bestätigen wollte das ein Regierungssprecher jedoch nicht. Merz selbst hatte die Spekulationen in der vergangenen Woche angeheizt, als er sagte: Die Urheber hybrider Angriffe würden für diese bezahlen. Unbeantwortet blieb auch da die Frage: Wie hoch ist der Preis? Referendum in Island Keine gute Werbung für Brüssel Die Isländer haben sich gegen die EU entschiede n, allerdings denkbar knapp : 52,8 Prozent der Menschen in dem Inselstaat im Nordatlantik stimmten in einem Referendum am Wochenende gegen die Wiederaufnahme von Beitrittsgesprächen , 47,2 dafür. Diese waren vor 13 Jahren gestoppt worden. Nicht nur für die EU-Befürworter in Island war der Ausgang nun eine Enttäuschung, auch für Brüssel. Hätte ein Ja doch gezeigt, wie attraktiv die Europäische Union für Länder ist, die wirtschaftlich und rechtsstaatlich bereits anschlussfähig sind. Zu viele Isländer tun sich offenbar schwer mit diesem Schritt – sie wollen die Landwirtschaft und den Fischfang der Insel schützen. Und weil Island bereits Teil des Europäischen Wirtschaftsraums und des Schengen-Raums ist, sehen sie offenbar keine Notwendigkeit für noch mehr. Termine des Tages Lars Klingbeil (SPD) reist zum G-20-Treffen der Finanzminister und Zentralbankchefs in die USA. Zentrales Thema in Asheville im Bundesstaat North Carolina: die US-Sanktionen gegen den Iran. Gastgeber Scott Bessent will Druck auf die Mitgliedsländer machen, diese einzuhalten. Schon Anfang vergangener Woche hatte der US-Finanzminister angekündigt, die Regierung von Donald Trump werde neue Strafmaßnahmen gegen alle Länder verhängen, die weiterhin mit Teheran Geschäfte machen. Mein Kollege Daniel Mützel, der Klingbeil auf seiner Reise begleitet, wird Sie auf dem Laufenden halten. Auch in Kirgistan findet ein wichtiges Treffen statt: Dort beginnt ein Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, zu dem unter anderem der russische Präsident Wladimir Putin, sein chinesischer Kollege Xi Jinping sowie der iranische Präsident Massud Peseschkian erwartet werden. Etwa ein Dutzend Staatenlenker wollen bei dem zweitägigen Treffen in der Hauptstadt Bischkek das 25-jährige Bestehen des Bündnisses begehen. Für Putin ist das die Chance, bilaterale Gasprojekte voranzutreiben. Deutsche Tennisprofis bei den US Open: Am zweiten Tag des Turniers spielt um 17 Uhr deutscher Zeit Tamara Korpatsch gegen die Österreicherin Lilli Tagger. Auch Yannick Hanfmann startet, er tritt gegen den Chilenen Alejandro Tabilo an. Lesetipps Rainer Langhans ist unheilbar an Krebs erkrankt. Im Interview mit meinem Kollegen Steven Sowa spricht der Alt-Kommunarde über geplatzte Träume, die Liebe und den Tod. Artikel lesen Der AfD-Jugendchef wollte neue Wege gehen: beim EU-Kurs und im Umgang mit der Presse. Auf dem Bundeskongress in Magdeburg scheiterte Jean-Pascal Hohm mit diesen Vorhaben, wie meine Kollegin Annika Leister schreibt. Artikel lesen K anada könnte zum Vorbild für andere Länder werden. Warum die selbstbewusste Haltung des Landes im Handelskrieg mit den USA für Trump zu Problem wird, hat die US-Ökonomin Wendy Edelberg unserem Washington-Korrespondenten Bastian Brauns erklärt. Artikel lesen Wie konnte die AfD in Deutschland so stark werden? Der international bekannte Faschismusforscher Jason Stanley erklärt im Gastbeitrag, wo Deutschland bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit versagt hat. Artikel lesen Ohrenschmaus Zum Einstimmen auf die letzten Tage des Sommers geht’s hier lang. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Start in diese Spätsommerwoche, mit ganz viel Zuversicht. Morgen schreibt Ihnen Florian Harms. Herzliche Grüße Ihre Heike Vowinkel Textchefin Mit Material von dpa.

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