Ehrgeiz gilt als Stärke – im Hochleistungssport wird er schnell zur Gefahr für den Körper. Cara Bösl spricht über Signale, Regeneration und den Druck im Profialltag. Kreuzbandriss, Achillessehnenriss, Syndesmosebandriss: Verletzte Spielerinnen sind in der Frauen-Bundesliga mittlerweile keine Seltenheit mehr. Regelmäßig kommt es auf dem Platz zu herzzerreißenden Szenen, bei denen oft auch Tränen fließen. Die deutschen Nationalspielerinnen Lena Oberdorf und Giovanna Hoffmann kurieren seit Monaten schwere Verletzungen aus – und wurden zu Symbolfiguren eines Problems, das über einzelne Schicksale hinausgeht. Die Rache auf dem Platz: Ist der Fußball zu schnell für den weiblichen Körper geworden? Auch Cara Bösl vom 1. FC Union Berlin hat sich im Laufe ihrer Karriere bereits Blessuren zugezogen, war dadurch zum Zuschauen verdammt. Im Interview mit t-online spricht die Torhüterin nun darüber, wie sie mit solch einer unfreiwilligen Auszeit umgeht und warum es wichtig ist, auf den eigenen Körper zu hören. t-online: Frau Bösl, Sie waren zuletzt mehrere Wochen verletzt. Gab es währenddessen einen Moment, in dem Sie dachten: Mein Körper zieht gerade die Notbremse? Cara Bösl: Im Profisport neigt man dazu, einfach weiterzumachen und durchzuziehen, aber genau dann darf man die Signale des eigenen Körpers nicht ignorieren. Auch wenn das Team weiter trainiert, muss man selbst manchmal einen Schritt zurückgehen. Ich hatte bisher zum Glück keine große Verletzung mit langen Rehaphasen. Aber? Ich bin inzwischen auch nicht mehr die jüngste Spielerin, und da beschäftigt man sich automatisch mehr mit dem Leben nach dem Profifußball. In solchen Phasen denke ich manchmal darüber nach. Inwiefern? Ich habe meinen Bachelor und Master neben der Karriere gemacht, um mich für die Zukunft abzusichern. Dazu gehört für mich auch eine Sportunfähigkeitsversicherung und andere Investitionen, damit man Rücklagen hat und langfristig gut aufgestellt ist. Das Vertrauen in den eigenen Körper und seine Fähigkeit, alles mitzumachen, ändert sich also? Absolut, ja. Gerade dann merkt man, was für ein Privileg es ist, gesund zu sein und wie viel Selbstverständlichkeit oft dahintersteckt. Gleichzeitig lernt man in solchen Phasen sehr deutlich, wie wichtig Regeneration wirklich ist und welchen Unterschied sie langfristig macht. Hinzu kommt für Sie als Torhüterin noch ein besonderer Druck: keine Fehler zu machen, stets konzentriert zu sein – über eine ganze Saison hinweg. Wie sehr zehrt das an den Nerven? Es kostet auf jeden Fall viel Energie. Gerade auf meiner Position als Torhüterin steht man permanent im Fokus und trägt eine enorme Verantwortung. Fehler werden sofort bestraft, und damit muss man erst einmal lernen, umzugehen. Genau deshalb trainieren wir die Abläufe im kleinsten Detail, damit in Drucksituationen alles automatisiert abläuft. Können Frauen im Profifußball besonders viel aushalten, weil sie um ihren Platz in diesem Sport so lange kämpfen mussten? Da ist schon etwas Wahres dran. Besonders in den Anfängen des Frauenfußballs wurde oft infrage gestellt, ob der weibliche Körper überhaupt für diesen Sport gemacht ist. Viele Spielerinnen haben damals sicher mehr ausgehalten, um diesen Kritikern nicht recht zu geben. Heute ist das zum Glück deutlich offener. Was ist anders? Die körperliche Leistungsfähigkeit von Frauen wird nicht mehr grundsätzlich angezweifelt, und solche Diskussionen stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Das gibt uns Spielerinnen mehr Raum, ehrlich mit Belastungen umzugehen und professionell auf unseren Körper zu achten. Im Leistungssport gilt Belastbarkeit fast als Auszeichnung. Gibt es aber einen Punkt, an dem es doch zu viel werden kann? Mentale Stärke ist im Profisport eine Grundvoraussetzung. Man beißt sich durch und möchte seinen Platz nicht hergeben. Ungesund wird es allerdings dann, wenn man Warnsignale ignoriert. Kurzfristig kann das vielleicht funktionieren, aber langfristig ist es definitiv der falsche Weg. Heute ist mir klar: Eine große Stärke ist es auch, ehrlich zu sagen, dass es gerade nicht geht. Der Körper begleitet einen schließlich das ganze Leben – und nicht nur die Jahre im Profifußball. Diese Verantwortung sich selbst gegenüber ist genauso wichtig wie der sportliche Ehrgeiz. Im Männerfußball wird Überbelastung inzwischen stark thematisiert. Im Frauenfußball hört man das deutlich seltener. Woran liegt das? Der Männerfußball ist schon deutlich länger professionalisiert. Im Frauenfußball lag der Fokus lange Zeit darauf, überhaupt Sichtbarkeit zu schaffen und die Sportart dorthin zu bringen, wo sie heute steht. Heute wird der Frauenfußball immer intensiver. Geht die Entwicklung zu schnell? Schwer zu sagen. Der Fußball wird definitiv schneller und athletischer, aber gleichzeitig steigt auch das athletische Niveau der Spielerinnen. Das ist genau die Entwicklung, die wir wollen. Umso wichtiger sind deshalb die Strukturen in der medizinischen Abteilung, die diese Belastungen auffangen und begleiten können. Was muss passieren? Jetzt geht es darum, diese Strukturen weiter auszubauen – insbesondere in Bereichen wie Belastungssteuerung, Regeneration und medizinischer Betreuung. Denn wir haben inzwischen ähnliche Wochenrhythmen wie die Männer, was Trainings- und Spielbetrieb angeht. Umso wichtiger ist eine professionelle Infrastruktur, die diese Belastungen auffängt und den Spielerinnen ermöglicht, dauerhaft auf Topniveau zu performen. Wie weit ist der Sport damit? Das lässt sich pauschal kaum beantworten, weil die Bedingungen von Verein zu Verein sehr unterschiedlich sind. Wenn eine Sportart so schnell wächst wie der Frauenfußball, müssen alle Abteilungen im gleichen Tempo mitwachsen. Genau das passiert aber nicht überall – und das macht es für Spielerinnen schwer, dauerhaft gesund zu bleiben.