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Kolumne: Es geht ums Geld: Die Rente mit 70 ist doch keine Zumutung!

Stern 

Nichts wirkt bei der Rentendebatte so bedrohlich wie die Rente mit 70. Dabei kann Arbeit erfüllend sein – auch wenn Gewerkschaften uns anderes weismachen wollen.

Man muss nur eines sagen, wenn man die Rentenreformdebatte gleich wieder abwürgen will: „Rente mit 70“. Das ist die Reizformel, bei der sofort die Gemüter hochkochen. Und die Fronten sich prompt so verhärten, dass man gar nicht daran zu denken wagt, dass sich die politischen Beteiligten jemals auf irgendetwas einigen könnten. Immer wenn die Diskussion auf den späteren Renteneintritt kommt, poltern die Gegner dieser Idee sofort los: Länger arbeiten? Um Himmels willen: eine Zumutung!  

Es regt mich auf. Nicht umsonst bringen Ökonomen und Wissenschaftler immer wieder den späteren Rentenbeginn ins Gespräch. Es ist eine der effektivsten Methoden, um das hiesige Rentensystem zu retten: Würden wir alle ein bisschen länger arbeiten, vielleicht bis wir 68,5 Jahre alt sind, könnten wir die gesetzliche Rente noch vor dem finanziellen Kollaps bewahren, der droht, wenn demnächst die Welle der Babyboomer aus dem Arbeitsleben in den Ruhestand schwappt.  

Konkret würde die Verlängerung der Arbeitszeit für die meisten gar nicht heißen, dass sie erst mit 70 Jahren in Rente gehen – zumindest nicht innerhalb der nächsten 23 Jahre. Es geht darum, den Renteneintritt für jeden Jahrgang um ein paar Monate nach hinten zu verschieben. Weil sich auch die Lebenserwartung für jeden Geburtsjahrgang um ein paar Monate erhöht. Es geht also um die Rente mit 68 für den Jahrgang 1970, um 68 Jahre und 10 Monate für alle 1975 Geborenen. Erst wer heute jünger als 44 ist, müsste sich mit der Rente mit 70 arrangieren. Und das auch nur, wenn die Lebenserwartung bis 2052 wirklich weiter so steigt wie zuletzt. Schwächt sich die zunehmende Langlebigkeit wieder ab, rückt der Rentenbeginn wieder näher. 

Die Begründung ist einigermaßen einleuchtend: Wer heute geboren wird, kann davon ausgehen, dass er 78 (Männer) beziehungsweise 83 Jahre (Frauen) alt wird. Vor 30 Jahren lag das durchschnittliche Alter noch bei 72 beziehungsweise 79 Jahren, wir haben also rund vier bis sechs Jahre hinzugewonnen. Größtenteils gesunde Lebensjahre übrigens, in denen wir den Ruhestand genießen können, sagen die Statistikportale des Bundes. Auch die Restlebenserwartung mit 65 Jahren steigt. Heutige Ruheständler verbringen im Schnitt noch 20 Jahre in Rente. Im Jahr 1970 waren es nur 12 bis 15 Jahre, die Renten müssen heute also deutlich länger von der Allgemeinheit finanziert werden.  

Ökonomisch ergibt es also enorm viel Sinn, diese längeren Auszahlzeiten auch irgendwie über eine längere Einzahldauer auszugleichen. Schließlich funktioniert auch die gesetzliche Rente nach dem Versicherungsprinzip: Für eingezahlte Beiträge während des Berufslebens fließen paritätische Auszahlungen. Wer weniger einzahlt, bekommt weniger, wer mehr einzahlt, erhält später mehr. Ein faires Prinzip. Und allemal besser, als stattdessen von den jüngeren Generationen zu verlangen, dass sie die fehlenden Einnahmen und längeren Auszahlungen dadurch ausgleichen, dass sie selbst tiefer in die Tasche greifen, um höhere Beiträge zu stemmen. Obwohl sie später weniger aus der Rentenkasse zu erwarten haben. 

Die Rente mit 70 wäre verkraftbar

Was mich aber wirklich aufregt, sind Sätze wie: „Die Rente mit 70 wäre ein harter Schlag“, eine völlig unbillige Härte für alle Arbeitenden, so wetterten kürzlich die Gewerkschaftsbosse. Was sie damit vermitteln: Arbeiten ist eine Last. Für alle. Die Arbeit dauert ohnehin schon zu lange im Leben, deshalb darf sie auch auf keinen Fall verlängert werden. Diese Aussage ist aber nicht nur grundfalsch, sie ist auch bevormundend und verbaut überdies wichtige Reformwege. Und ich habe keine Lust, mir von Gewerkschaftern erzählen zu lassen, wie furchtbar Arbeiten ist. 

Warum sonst sagt gut jeder dritte Befragte laut Wirtschaftsforschungsinstitut IW, er wolle im Rentenalter noch weiterarbeiten? Gerade Selbständige und Beschäftigte in Kleinbetrieben arbeiten oft noch deutlich über das übliche Rentenalter hinaus. Und selbst jene, die gesundheitliche Probleme haben, sehen das Weiterarbeiten im Rentenalter durchaus positiv. Je älter die Menschen übrigens werden, desto eher können sie sich das Weitermachen vorstellen, unter den 55-Jährigen ist die Zustimmung deutlich höher als bei den 30-Jährigen. Und eines gleich vorweg: Geldmangel ist nicht der Hauptanreiz, wegen dem viele länger arbeiten wollen. 

Natürlich findet auch nicht jeder die Aussicht verlockend. Dass nicht jeder Dachdecker oder Stahlkocher noch mit 70 malochen will, ist klar. Sondern es sind vor allem Beschäftigte mit Jobs, die körperlich weniger belastend sind. Die größere Freiheiten bei der Arbeitsgestaltung haben. Und die sich ihre Arbeitszeit recht flexibel einteilen können. Wer in seinem jetzigen Job zufrieden ist, so lautet das Fazit der Forscher, der übt ihn auch gern länger aus. Warum? Weil er Ergebnisse produziert und dadurch Wertschätzung erlebt. Weil er Kontakt mit Kollegen hat und sich eingebunden fühlt. Weil er eine sinnvolle Aufgabe und Tagesstruktur hat. Weil er noch Wissen weitergeben kann. All das antworteten die Weiterarbeitenden selbst auf die Frage nach dem Warum. Und diverse Studien von Arbeitsmarktforschern belegen das. Solche Gründe überwiegen oft die Geldaspekte des Weiterarbeitens. 

Wenn Chefs und Firmen es also schaffen, ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen – und nur dann – ist die Bereitschaft der Menschen, etwas länger im Job zu bleiben, enorm hoch. Dann ist es eben keine soziale Härte, sondern sogar ein Stück Erfüllung und Gebrauchtwerden. Wer jedoch umgekehrt den Menschen nur das Bild vom Arbeitsleid vermittelt, der macht eher andersherum einen Schuh draus: Die Längerarbeiter sagen nämlich auch, sie hätten ihre Entscheidung vom öffentlichen Diskurs mitprägen lassen. Wie wir über Arbeit reden, bestimmt also mit, wie viele von uns jenseits des üblichen Rentenalters noch arbeiten. 

Wäre es nicht besser, die Gewerkschaften würden sich darum bemühen, die Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten besser zu machen, statt die Arbeit als Elend und unsozial zu verteufeln? Das würde Ältere freiwillig länger im Beruf halten – und nebenbei noch der Rentenkasse helfen. Was Menschen vom Gerne-Arbeiten abhält, weiß die Forschung nämlich auch: Sinnentleerte Tätigkeiten verrichtet er nicht gern, oder Routinejobs ohne inneren Auftrag. Da sollten die Arbeitnehmervertreter ansetzen. Und jeden Beschäftigten selbst entscheiden lassen, wie lange er Lust aufs Arbeiten hat. 

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