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Flugangst, Agoraphobie und Co.: Was tun, wenn einem Ängste die Lust auf den Urlaub nehmen?

Stern 

Große Plätze, enge Flugzeuge, fremde Sprachen: Für Menschen mit Phobien können Reisen zur Belastung werden. Wie Ängste entstehen, was sie auslöst und was gegen sie hilft.

Wer Platzangst sagt, meint oft eine erdrückende Enge, aber das Wort meint eigentlich die Angst vor: Plätzen. Große, weite Flächen, auf denen man sich unangenehm verloren fühlt. Die alten Sowjetbaumeister waren sehr gut in dieser Kunst der architektonischen Einschüchterung. Zu erleben etwa in Minsk auf dem Oktoberplatz.

Aber auch das riesige Tempelhofer Feld in Berlin oder der manchmal überraschend leere Petersplatz in Rom sind keine guten Orte für Menschen mit Agoraphobie, wie das Fachwort für Platzangst lautet. Genau genommen geht die Angst noch weiter: Betroffene bekommen Herzrasen, Atemnot oder Schwindel immer dann, wenn sie sich in bestimmten Situationen hilflos fühlen, etwa in Menschenansammlungen oder beim Alleinunterwegssein.

Flugangst trübt die Vorfreude auf den Urlaub

Für Reisende ist diese Phobie noch einmal besonders belastend, weil sie bevorzugt an unbekannten Orten auftritt – also auch im Urlaub.

Von allen Ängsten, die die schönste Zeit des Jahres trüben, zählt die Flugangst zu den häufigsten. Rund 15 Prozent aller Menschen leiden sehr stark unter Aviophobie, bei rund 20 Prozent löst Fliegen immerhin ein Unwohlsein aus.

Besonders schlimm sind für die allermeisten Betroffenen der Start und die Landung. Hat die Maschine ihre Flughöhe erreicht, klingen die Beschwerden ab. Gründe und Auslöser für Flugangst gibt es viele: darunter Höhenangst, Angst vor dem Ausgeliefertsein, Angst vor technischem oder menschlichem Versagen sowie die Angst vor Panikattacken.

Gegen Aviophobie gibt es leider nicht das eine Hilfsmittel, sondern nur eine Vielzahl von Maßnahmen. Zum Beispiel Informationen über die Funktionsweise eines Flugzeugs, ein Sitzplatz in der Nähe der Tragflächen, ein Hinweis auf die Sorgen bei den Flugbegleiterinnen und generell der Versuch, jeden Stress zu reduzieren. Wer seine Flugangst so nachhaltig wie möglich eindämmen will, kann auch – nicht ganz günstige – Seminare belegen.

Weniger bekannt, aber genauso belastend sind auch Ängste, die den zwischenmenschlichen Umgang beeinträchtigen, wie die soziale Phobie. Dabei fürchten sich Betroffene etwa davor, in Alltagssituationen im Mittelpunkt zu stehen und sich dabei zu blamieren oder in anderer Form negativ aufzufallen. Auf Reisen werden solche Befürchtungen oft durch die fremde Sprache am Urlaubsort verstärkt.

Eine typische Situation ist der Restaurantbesuch, weswegen manche auch von der „Speisekarten-Angst“ sprechen. Während manche bereits bei der Bestellung Stresssymptome entwickeln, haben andere Schwierigkeiten damit, in der Öffentlichkeit zu essen oder die bestellte Mahlzeit auf die richtige Weise zu verzehren. Stichwort: Hähnchen mit den Händen essen oder nicht?

Wer den Urlaubsort nicht aussprechen kann, bucht erst gar nicht

Eine spezielle Angst, sich sprachlich zu blamieren, hat neulich eine Umfrage unter Reise-Interessierten ergeben: Danach sieht ein Viertel der Befragten der Buchungsplattform Omio von einem Reiseziel ab, wenn sie den Ortsnamen nicht aussprechen können oder sich zumindest unsicher sind. Davon wiederum ein Drittel will nicht unhöflich wirken, wenn ein Ortsname falsch ausgesprochen wird, und 40 Prozent fürchten sich vor Fehlern und peinlichen Situationen.

Die Angst, in persönlichen Gesprächen den Namen des Adressierten auszusprechen, heißt übrigens Alexinomie. Seit wenigen Jahren beschäftigen sich Wiener Psychologen mit dieser Phobie, die vermutlich auch eine Form der sozialen Angst ist.

Zoophobie und Entomophobie sind Ängste, die einem nicht nur den normalen Alltag und den Urlaub verderben können, sondern bestimmte Reiseziele von vornherein auf die schwarze Liste setzen. Denn wer zum Beispiel Angst vor Spinnen oder generell Insekten hat, also unter Entomophobie leidet, wird vermutlich nie nach Australien mit seinen riesigen Krabbeltieren fahren wollen.

Die allgemeinere Form davon, die Zoophobie, die Angst vor Tieren, kann sich auch in der Furcht vor Hunden oder Katzen äußern. Wer darunter leidet, kann zumindest bekannte Orte mit Tieren wie Zoos meiden. Oder die Safari in Tansania. Die Auslöser von Arachnophobie dagegen, also der Angst vor Spinnen, laufen den Menschen oft unangekündigt und unerwünscht über den Weg.

Woher solche Ängste kommen, ist manchmal Veranlagung, manchmal Erziehung, manchmal eine schlechte Erfahrung und oft eine Mischung aus allem. Kinder entwickeln eine soziale Phobie, wenn die Eltern ebenfalls eine Form von Angststörung haben oder die Bezugspersonen Verhaltensweisen wie nach außen gerichteten Perfektionismus vorleben. Auch Mobbing und häufige negative Rückmeldungen können die Grundlage für Ängste legen.

Was tun, um die Phobien loszuwerden oder zumindest einzuhegen? Ängste gleich welcher Art können Betroffene stark belasten und eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung sein. Der erste Schritt ist: keine falsche Scheu zeigen und sich Hilfe suchen.

Konfrontieren oder Desensibilisieren

Um Ängste zu behandeln, wird im Allgemeinen versucht, die Betroffenen mithilfe einer Psychotherapie zu desensibilisieren. Dazu gibt es zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie, deren Ziel die Hilfe zur Selbsthilfe ist. Denk- und Verhaltensmuster sollen erkannt und so verändert werden, dass es den Geplagten gelingt, die inneren emotionalen Hürden zu überwinden.

Eine andere Möglichkeit ist die Expositionstherapie, bei der ähnlich wie bei einer Allergie-Desensibilisierung die gezielte Konfrontation mit dem Angstauslöser gesucht wird. Nicht schlagartig und auf einmal, sondern nach und nach. Sie beginnt zum Beispiel mit Bildern der Phobie-Situation und wechselt danach erst in die virtuelle, später in die echte Realität.

Airlines bieten zum Beispiel gegen Flugangst unter anderem eintägige Intensivseminare an, bei denen die Angst in der Gruppe und unter psychologischer Betreuung angegangen wird. Wie ein solcher Kurs endet, versteht sich von selbst: mit einem gemeinsamen Flug.

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