Am letzten Spieltag der Premier League kämpfen noch zwei Klubs mit großen Namen um den Klassenerhalt. Es kommt zu einem Fernduell – für ein Team könnte eine Serie von fast einem halben Jahrhundert enden. Ausgerechnet ein Londoner Stadtrivale hat den Abstiegskampf in der Premier League vor dem letzten Spieltag offen gehalten, lässt einen Nachbarklub noch hoffen – und den anderen zittern. An diesem Sonntag kann es nun dramatisch werden in der höchsten englischen Spielklasse. Denn durch den 2:1-Heimsieg des FC Chelsea vergangene Woche gegen Tottenham Hotspur stecken die "Spurs" weiter voll drin im Ringen um den Klassenerhalt – und West Ham United hat trotz der Niederlage bei Newcastle United weiter Chancen, die Relegation in die Championship zu verhindern. Die Situation vor dem Saisonfinale: Tottenham liegt mit 38 Punkten aus 37 Spielen auf dem rettenden Nichtabstiegsplatz 17, nur zwei Zähler vor den "Hammers" auf Rang 18. Schon ein Unentschieden würde den Spurs dank eines deutlich besseren Torverhältnisses reichen. Eine kuriose Fügung des Schicksals will es so, dass beide Klubs am Sonntag (ab 17 Uhr im Liveticker bei t-online) ein Heimspiel haben, nur wenige Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Tottenham empfängt im eigenen Stadion den FC Everton , West Ham hat im London Stadium Leeds United zu Gast. "Nicht in einer Million Jahren" Für beide Klubs, besonders aber für die eigentlich so ambitionierten "Spurs" wäre ein Abstieg ein Desaster – zum ersten Mal seit 49 Jahren müsste der Klub den Gang in die zweite Liga antreten. Über 265 Millionen Euro wurden in Sommer- und Winterpause in die Mannschaft investiert, die Saison wurde aber überschattet durch langfristige Ausfälle von Leistungsträgern wie Dejan Kulusevski und James Maddison, auch Offensivspieler Mohammed Kudus, für 63,8 Millionen Euro ironischerweise aus West Ham gekommen, fehlte über weite Strecken der Spielzeit verletzt. Abschied nach fünf Jahren: Alaba verlässt Real Madrid ablösefrei "Würden unseren Job nicht machen": Bayern-Vorstand bestätigt Interesse an Hertha-Talent Zweitliga-Relegation: Essen reist dank Traumtor mit Vorteil zum Fürth-Rückspiel Top-Einkauf Xavi Simons, der den "Spurs" sogar 65 Millionen Euro wert war, konnte nie an seine Glanzleistungen aus Zeiten bei RB Leipzig anknüpfen. Auch Ex-Bayern-Angreifer Mathys Tel und der frühere Frankfurter Torjäger Randal Kolo Muani floppten. Die ansonsten namhaft besetzte Mannschaft sollte zumindest auf dem Papier eigentlich nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Es kam ganz anders. "Nicht in einer Million Jahren" hätte er geglaubt, dass sein Verein in dieser Saison in den Abstiegskampf geraten könnte, sagte Daniel Levy erst vor wenigen Wochen. Levy war von 2001 bis 2025 Eigentümer des Klubs, dabei wegen seiner Personalpolitik nicht immer unumstritten, erst im Herbst 2025 hatte sich der 64-Jährige als Klubpräsident zurückgezogen. Ein Szenario wie aktuell sei während seiner Amtszeit nie einkalkuliert gewesen, ergänzte er. "Der Abstieg war etwas, das wir nie in Betracht gezogen haben." De Zerbi ist Tottenhams dritter Trainer der Saison Erst im vergangenen Sommer hatte Tottenham die Europa League gewonnen – ein Erfolg, der aber darüber hinwegtäuschte, dass auch 2024/25 schon der Abstieg nur knapp verhindert werden konnte, damals belegten die "Spurs" nur Rang 17. In der nun endenden Folgesaison wurde es nicht besser – sondern noch turbulenter: Erst Ende März wurde der Italiener Roberto De Zerbi als bereits dritter Teammanager in dieser Saison eingestellt. Sein Vorgänger Igor Tudor war nach nur sieben Spielen entlassen worden. Die Londoner waren eigentlich mit dem letztlich glücklosen Thomas Frank in die Saison gegangen. "Diesen Sonntag geht es für uns um Alles", brachte De Zerbi den Ernst der Lage auf den Punkt. "Für uns, für unsere Zukunft, für unsere Fans, für unseren Klub, und wir müssen zusammen alles geben." West-Ham-Abstieg könnte Steuerzahler Geld kosten Ein Abstieg West Hams könnte indes noch Folgen haben, die weit über den Fußballkosmos hinaus gehen und den Steuerzahler treffen. Grund dafür ist der Mietvertrag für das London Stadium, in dem die "Hammers" seit 2016 seine Heimspiele austrägt. Denn West Ham hat eine für 99 Jahre gültige Vereinbarung mit der Stadt London. Darin ist festgelegt, dass der Klub im Falle eines Abstiegs nur die Hälfte der Jahresmiete von umgerechnet rund fünf Millionen Euro bezahlen muss. Weitere kommerzielle Einnahmen des Stadions könnten sinken. Wie kam die Vereinbarung zustande? 2012 bot die Stadt London unter dem damaligen Bürgermeister Boris Johnson West Ham einen lukrativen Deal an, künftig im London Stadium zu spielen – um einen Leerstand des für die Olympischen Spiele gebauten Stadions zu verhindern. Die Klub-Eigentümer verkauften daraufhin trotz massiver Proteste die altehrwürdige Spielstätte Boleyn Ground, auch Upton Park genannt. Das traditionsreiche Stadion, in dem die "Hammers" über 100 Jahre gespielt hatten, wurde seitdem abgerissen, um Platz für Wohnraum zu schaffen. Johnson habe damals "den denkbar schlechtesten Deal" abgeschlossen, kritisiert der aktuelle Bürgermeister Sadiq Khan. Die nun drohende Finanzierungslücke im Londoner Haushalt müsste laut des Labour-Politikers gezwungenermaßen durch die Steuerzahler ausgeglichen werden, um die ohnehin schon hohen Betriebskosten des Stadions zu finanzieren. Demnach würden zusätzliche 2,8 Millionen Euro an Kosten anfallen. "Hammers" drohen Zwangsverkäufe "Deshalb sage ich den Londonern, die keine Spurs-Fans sind: Ihr solltet wahrscheinlich West Ham die Daumen drücken", sagte Khan der BBC. "Denn die Steuerzahler würden verlieren, wenn West Ham absteigt." Nuno Espirito Santo wird sich über die zusätzliche Unterstützung freuen. Der Portugiese, seit vergangenem September "Hammers"-Trainer, gab im Vorfeld des letzten Spieltags die Richtung vor: volle Konzentration auf das eigene Spiel – ohne Seitenblick auf das Parallelspiel in Tottenham. "Ich hoffe, unsere Spieler ignorieren, was anderswo passiert, und erfüllen voll fokussiert ihre Aufgaben auf dem Platz. Das ist wichtiger als alles andere." Auch für West Ham geht es um die langfristige Zukunft. Der "Guardian" berichtete bereits, bei einem Abstieg wären Spielerverkäufe in Höhe von umgerechnet mindestens 115 Millionen Euro notwendig, um die finanziellen Auflagen zu erfüllen. In einem Stadion in London wird an diesem Sonntag gejubelt – in einem anderen dagegen getrauert.