Schon in den vergangenen Jahren war der ESC wegen der Teilnahme Israels stark polarisiert. Trotzdem sorgte er noch für Begeisterung bei den Fans. In diesem Jahr ist die Stimmung gedämpft. Tobias Schibilla berichtet aus Wien. Gar nicht so einfach, ein paar Menschen zum Tanzen zu bringen. Zumindest nicht an diesem Nachmittag im Eurovision Village, direkt unter dem mächtigen neugotischen Turm des Wiener Rathauses. Ein Moderator und einige Tänzer versuchen auf der Bühne nun schon seit einer halben Stunde dem Publikum die Choreografie des österreichischen ESC-Beitrags "Tanzschein" beizubringen. Aber die 70 bis 80 Menschen im Publikum folgen ihren Arm- und Beinbewegungen eher halbherzig. Die Stimmung im Village war schon mal besser. Nicht nur an diesem Nachmittag in Wien. Diese Beobachtung hat auch Daniele gemacht. Der 43-Jährige aus Neapel ist mit seinem Freund nach Wien gereist und schlürft im Eurovision Village an einem Aperol Spritz. "Man hat einfach weniger Lust auf Party und Verkleidungen, wenn an jeder Ecke bewaffnete Polizisten stehen", sagt er. In den letzten Jahren habe der ESC für ihn und seinen Freund an Faszination verloren. "Immer geht es nur um Politik, um Israel , um Boykotte." Der Spaß am Wettbewerb gehe so verloren, sagt Daniele. Interview mit Sarah Engels : "Das würde mir total viel Ruhe geben" Kurz vor Finale: Schwedische ESC-Kandidatin fällt in Ohnmacht Die fehlende Begeisterung des Publikums am Mittwochnachmittag ist symptomatisch für einen großen Teil dessen, was viele Fans des Eurovision Song Contest in diesem Jahr empfinden. In den vergangenen zwei Jahren war die Stimmung in den ESC-Gastgeberstädten Malmö (2024) und Basel (2025) trotz der Kontroverse um die Teilnahme Israels deutlich besser. Doch die zunehmende Polarisierung des Wettbewerbs sowie die hohen Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt drücken die Begeisterung um den ESC in der Donaumetropole. ESC-Fan: Spanischer Boykott ist richtig Das sieht auch Patxi so. Er ist aus San Sebastián im spanischen Baskenland angereist und trägt ein T-Shirt mit der palästinensischen Flagge. "Spanien hat sich genau richtig entschieden." Wegen der Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest nimmt der spanische öffentlich-rechtliche Sender RTVE in diesem Jahr nicht am Wettbewerb teil. "Ich bin stolzer Baske", sagt Patxi. "Mein Volk wurde selbst lange unterdrückt. Deshalb ist es unsere Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, wenn ein teilnehmendes Land ein anderes Volk unterdrückt und gegen dessen Teilnahme zu protestieren". Patxi spielt auf die Vorwürfe gegen Israel an, die Palästinenser im besetzten Westjordanland und dem Gazastreifen systematisch zu unterdrücken. Nach dem grausamen Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem die Terroristen mehr als 1.300 Menschen töteten und über 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppten, begann Israel eine Militäroperation in dem Palästinensergebiet und ging dabei mit großer Härte vor. Rundfunkunion wehrte sich gegen Ausschluss Israels Der Nahost-Konflikt überschattet seitdem den ESC. In diesem Jahr ist die Debatte allerdings noch größer als in den beiden Jahren zuvor. Schon im Dezember wollten ESC-Teilnehmer die israelische Rundfunkanstalt Kan ausschließen und darüber abstimmen lassen. Letztendlich entschied sich die Veranstalterin des ESC, die Europäische Rundfunkunion (EBU), gegen eine Abstimmung. Infolgedessen verkündeten die Rundfunkanstalten Spaniens, Irlands, Islands, Sloweniens und der Niederlande , dem ESC in diesem Jahr fernzubleiben. Einen derart massiven Boykott wichtiger Teilnehmerländer hat es in der Geschichte des ESC noch nicht gegeben. Er überschattet den Wettbewerb, der so politisiert ist wie nie zuvor. Die Sicherheitsvorkehrungen sind immens. Die Terrorwarnstufe liegt bei vier von fünf, überall in der der österreichischen Hauptstadt schützen teils schwer bewaffnete Polizisten die Fans des größten Musikwettbewerbs der Welt. All das drückt die Stimmung. Tourismusbehörde: ESC-Boom ist ausgeblieben Offenbar sind auch deutlich weniger Menschen in diesem Jahr nach Wien gereist, als erwartet wurde. Nur rund 70 Prozent der Betten seien derzeit belegt, heißt es in einer Mitteilung der Wiener Tourismusbehörde. Die Auslastung sei im "normalen Bereich." Und das angesichts eines verlängerten Wochenendes rund um Christi Himmelfahrt . "Der große ESC-Boom ist ausgeblieben", sagte Felix Neutatz, Obmann der Fachgruppe Hotellerie in der Wiener Wirtschaftskammer, im Gespräch mit der "Krone". In Basel und Malmö lag die Auslastung in der ESC-Woche bei rund 85 Prozent. Im australischen Pub feiern die ESC-Fans Doch die Stimmung ist nicht überall gedämpft. Am Donnerstagabend ist der australische Pub Crossfield's im mondänen 1. Wiener Stadtbezirk bis auf den letzten Platz gefüllt. Das zweite Halbfinale des ESC flimmert über die zahlreichen Fernsehbildschirme, in dem die australische Sängerin Delta Goodrem mit der Powerballade "Eclipse" um den Einzug ins große Finale am Samstag kämpft. Die Zuschauer sind voll dabei, im Crossfield's kommt echte Eurovision-Stimmung auf. Nach fast jedem Lied gibt es lauten Applaus, die internationalen Besucher des Pubs singen bei den Beiträgen ihrer Heimatländer teils lauthals mit. Als Delta Goodrem den Einzug ins Finale schafft, bricht tosender Jubel im Pub aus, das Personal trägt mehrere 3-Liter-Biersäulen an verschiedene Tische. Es ist nicht so, dass ESC-Fans in Wien überhaupt keine Lust auf Party haben. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Denn auch das erweiterte Programm in Wien, das nur indirekt mit dem Eurovision Song Contest zu tun hat, ist in diesem Jahr deutlich weniger frequentiert. In Basel war es noch nahezu unmöglich, einen der umkämpften Plätze für den Karaoke-Wettbewerb in einer historischen Straßenbahn zu bekommen. Zu groß war der Andrang der ESC-Fans auf das Angebot. In Wien sind in der Strandbar Herrmann am Donnerstag noch viele Plätze frei. Bei einem Bier erzählt der Finne Toivo, er habe sich die Entscheidung, zum ESC nach Wien zu fahren, nicht leicht gemacht. "Eigentlich will ich keine Veranstaltung unterstützen, an der Israel teilnehmen darf", sagt er. Dennoch habe bei ihm letzten Endes der Spaß am Eurovision Song Contest überwogen. "Aber so spaßig wie in vergangenen Jahren ist es nicht". Toivo plant, mindestens eine der zahlreichen Protestaktionen gegen die israelische Teilnahme am ESC zu besuchen. Selbst der Protest wirkt unmotiviert Zwei Demonstrationen fanden am Freitag, dem sogenannten Nakba-Tag, statt. Am 15. Mai gedenken Palästinenser auf der ganzen Welt ihrer Vertreibung im Zuge der Staatsgründung Israels im Jahr 1948. Mehr als 750.000 Menschen mussten damals laut Angaben der Vereinten Nationen ihren Wohnort verlassen, zwischen 400 und 600 palästinensische Dörfer wurden zerstört. Etwa 1.000 Menschen versammelten sich auf dem Wiener Maria-Theresien-Platz unter dem Motto "No Stage for Genocide", um einerseits der Nakba zu gedenken, und andererseits gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest zu protestieren. Am Abend findet eine weitere Protestveranstaltung der Organisation "Solidarity United" statt. Vergleichbare Proteste hatte es auch in den vergangenen Jahren in Basel und vor allem in Malmö gegeben. Doch dort waren sie noch deutlich stärker besucht und lauter. Die Wiener Polizei setzt auf Deeskalation, bislang gab es keine Berichte über Festnahmen. Das könnte sich am Samstagnachmittag allerdings ändern. Dann ist die größte Demonstration gegen den Eurovision Song Contest angekündigt, etwa 3.000 Menschen wollen in direkter Nähe der Wiener Stadthalle gegen die israelische Teilnahme am ESC demonstrieren. Die EBU wird einen Weg finden müssen, die Begeisterung für den Wettbewerb in den kommenden Jahren neu zu entfachen – sonst droht dem bunten und fröhlichen ESC der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.