Nur noch 10 statt 90 Krankenkassen? Ein unsinniger Vorschlag, findet der Chef des GKV-Spitzenverbands, Oliver Blatt. Die aktuellen Reformen aber lobt er – und macht der Bundesregierung im Interview mit t-online ein Angebot. Das deutsche Gesundheitssystem ist teuer: Mehr als eine Milliarde Euro kostet es pro Tag. Oliver Blatt, seit Sommer 2025 Chef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, mahnt seit Monaten, man müsse die Ausgaben endlich in den Griff bekommen. Nun ist ein entsprechendes Gesetz unterwegs. Bringt das die große Wende? Blatt empfängt am Dienstagmittag in seinem Berliner Büro zum Gespräch. Obwohl die geplante Reform auch einige Härten für Versicherte und Kassen enthält, lobt er sie. "Wir jammern nicht", sagt der Gesundheitsökonom und ruft andere Interessenverbände dazu auf, erst einmal tief Luft zu holen. Im Interview sagt er dann allerdings auch, was ihm an der Reform missfällt – und macht der Bundesregierung ein Angebot. t-online: Herr Blatt, sind Sie gesetzlich versichert? Oliver Blatt: Ja, schon seit meinen Studententagen. Wie sehr ärgert es Sie, dass in den vergangenen Jahren die steigenden Beiträge immer mehr von Ihrem Netto aufgefressen haben? Wenn die Beiträge nur gelegentlich und moderat und vor allem für eine bessere Versorgung gestiegen wären, dann wäre das für sich genommen erst einmal nichts Schlimmes. An vielen anderen Stellen im Alltag steigen die Preise ja auch. Allerdings ärgert es mich, dass die Beiträge zuletzt überproportional und ohne spürbar bessere Versorgungsqualität gestiegen sind und dass man sich um die Ursachen dafür nie gekümmert hat. Die Politik hat immer versucht, die strukturellen Probleme im Gesundheitssystem mit Geld zuzuschütten. Es ging uns lange sehr gut in diesem Land, wir hatten wirtschaftlich unbeschwerte Zeiten. Und nun sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir sehr, sehr viel Geld für die Gesundheit ausgeben. Können Sie uns einmal in wenigen Sätzen erklären, warum die Kosten fürs Gesundheitssystem so extrem gestiegen sind? Es gibt Kostentreiber wie den demografischen Wandel, den medizinischen Fortschritt. Wir leben alle länger. Das ist erfreulich, aber es kostet eben auch etwas. Dann hatten wir die Corona-Krise, die ohne Zweifel auch viel Geld gekostet hat. Ein gewisser Anstieg der Kosten ist darum nachvollziehbar. Davon abgesehen aber sind in den letzten Jahren die Ausgaben der Kassen für Medikamente, die ambulante Versorgung und die Krankenhäuser, um nur die drei größten Ausgabenblöcke zu nennen, immer stärker gestiegen als die Einnahmen. Das ist unser Grundproblem. Und wenn sich das nicht ändert, werden die Beiträge immer weiter steigen. Das müssen wir verhindern. Gesundheitsministerin Nina Warken nimmt sich genau das jetzt vor, sie hat ein umfassendes Gesetz mit Einsparungen vorgelegt. Kann das die Beiträge stabilisieren oder sogar senken? Ja, das Gesetz von Frau Warken hat das Potenzial, die Beiträge zu stabilisieren. Wenn ihr Entwurf eins zu eins umgesetzt wird, könnten die Beiträge im Schnitt über alle Kassen hinweg – man traut sich das ja kaum auszusprechen – sogar sinken. Wie groß könnte diese Senkung ausfallen? Pauschal lässt sich das nicht sagen – und es wäre sicher auch nicht bei jeder Kasse gleich. Viele Krankenkassen müssen nun ihre Rücklagen, die sie über die vergangenen Jahre aufbrauchen mussten, erst einmal wieder aufbauen. Dazu sind sie schließlich auch per Gesetz verpflichtet. Zuletzt haben Sie gewarnt, dass die Vorschläge der Ministerin durch die Interessen einzelner Gruppen und Verbände nicht verwässert werden sollen. Wen haben Sie da besonders im Blick? Alle, die der Gesetzesentwurf adressiert. Natürlich schauen jetzt alle kritisch drauf, das verstehe ich. Was ich aber nicht verstehe, ist die Tonalität. Mein Rat lautet: Alle sollten sich einmal hinsetzen, tief Luft holen und dann gemeinsam überlegen, was realistisch passieren muss, um die GKV-Finanzen zu stabilisieren. Nichtstun ist keine Alternative, denn es geht um die gute und wirtschaftliche Versorgung von 75 Millionen gesetzlich Versicherten. Wenn wir jetzt allen Bedenken folgen würden, die die Verbände Anfang der Woche im Ministerium vorgetragen haben, wäre Letzteres die Konsequenz. Und dann sind am Ende wieder die Beitragszahler die Gelackmeierten. Auch die Leistungserbringer sollten ein Interesse an einer stabilen Finanzierung haben, schließlich sorgt die GKV für einen Großteil ihrer Vergütung. Die Krankenhausgesellschaft warnt in drastischen Worten davor, dass Kliniken reihenweise pleitegehen, das Deutsche Rote Kreuz sieht die Versorgungssicherheit in Gefahr. Diese Sorgen teilen Sie also nicht? Ich teile sie in diesem Ausmaß nicht und ich kritisiere diese Art der Kommunikation ganz entschieden. Das ist ein bewusstes Spiel mit der Angst der Menschen – und vielleicht auch einer der Gründe, warum die Politik sich so lange nicht an die nötigen Reformen herangetraut hat. Das Gesundheitswesen ist ein System, das sehr stark von Interessenvertretungen dominiert ist. Natürlich wollen auch wir als GKV-Spitzenverband, dass die Gesundheitsversorgung weiterhin gut ist. Und das ist auch möglich, denn meines Erachtens wird sie durch die Sparvorschläge nicht gefährdet. Eine Idee von Frau Warken ist der Wegfall der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Allerdings sollen dabei zahlreiche Ausnahmen gelten. Entstünde so nicht ein neues Bürokratiemonster für die Kassen, die dann Hunderttausende Einzelfälle prüfen müssten? Das ist in der Tat nicht so einfach, wie die Politik sich das vorstellt. Die Kassen müssten dann diese ganzen Ausnahmeregelungen überprüfen. Das mag bei der Frage der Kindererziehung einfach sein. Wenn es aber darum geht, ob etwa ein bislang kostenlos Mitversicherter einen Verwandten pflegt, ist das schwierig und aufwendig nachzuvollziehen. Da müssten womöglich, etwa in Sachen Datenschutz, noch weitere Gesetze angepasst werden. Im Endeffekt aber ist es eine gesellschaftliche Frage: Die Politikerinnen und Politiker im Bundestag müssen klären, welche Rolle sie der Familie zugestehen möchten. Für uns als Krankenkassen ist dabei zentral, dass die kostenfreie Mitversicherung der Kinder nicht angetastet wird, was aber zum Glück auch nicht diskutiert wird. Neben dem Wegfall der kostenlosen Mitversicherung soll auch die Beitragsbemessungsgrenze angehoben werden: Wie groß ist die Gefahr, dass Besserverdienende aufgrund dieser Mehrbelastungen in die private Krankenversicherung abwandern? Wenn durch die Reform ein Großteil dieser Menschen in die Privatversicherung abwandern würde, dann wäre natürlich für die finanzielle Lage unserer Kassen nicht viel gewonnen. Meine Einschätzung ist aber, dass die gesetzliche Krankenversicherung so attraktiv ist, dass da keine ernsthafte Gefahr droht. Auch die Privaten kämpfen mit den Kosten, und die Gesundheitsprüfungen der privaten Krankenversicherung schrecken viele ab. Also: Ja, es gibt diese theoretische Gefahr, aber ich sehe das ziemlich gelassen. Für die Versicherten soll es nach den Plänen noch weitere Änderungen geben: weniger Zuschuss für Zahnersatz, weniger Krankengeld. Ist es eine gute Idee, an dieser Stelle Geld zu sparen? Die Kürzung des Krankengeldes ist eine der Maßnahmen, die man als allerletztes angehen sollte. Sie greift tief in den sozialen Frieden ein. Insofern rate ich der Bundesregierung: Macht das nur, wenn es nicht anders geht, prüft erst mal andere Optionen. Vor allem: Kümmert euch darum, dass die Versicherten nicht länger die Kosten für die Bürgergeldempfänger mittragen müssen. Da ließen sich insgesamt bis zu 12 Milliarden Euro im System einsparen. Dann müsst ihr vielleicht nicht so tief in die Sozialpartnerschaft eingreifen. Sie fordern wie viele andere, dass die Gesundheitskosten von Bürgergeldempfängern vollständig aus Steuergeldern beglichen werden sollen. Derzeit überweist der Bund nur einen kleinen Teil an die Kassen, der größere wird aus den Beiträgen der Versicherten finanziert. Außer der Bundesregierung findet das niemand wirklich gerecht. Finanzminister Klingbeil argumentiert mit Sätzen wie "linke Tasche, rechte Tasche". Als sei es egal, ob die gesetzlich Versicherten diese 12 Milliarden Euro aufbringen oder sämtliche Steuerzahler. Aber das stimmt nicht. Denn die Beamten, die Privatversicherten leisten an dieser Stelle eben keinen Beitrag. Das wäre anders, wenn die Gesundheitskosten der Bürgergeldbezieher aus Steuergeldern finanziert würden. Sie haben die Bundesregierung deswegen auch verklagt. Im Gesetz heißt es, dass der Staat für die gesundheitliche Versorgung der Bürgergeldbezieher zuständig ist. Deswegen klagen wir. Wir haben aber auch Verständnis für die finanziellen Nöte des Finanzministers und sind bereit, Kompromisse einzugehen. Wie könnte ein solcher Kompromiss aussehen? Wir schlagen bei der Übernahme der Gesundheitskosten der Bürgergeldbezieher durch den Bund ein Stufenmodell vor. Ich verstehe ja, dass die Bundesregierung nicht sofort die in Rede stehenden 12 Milliarden Euro dafür aufbringen kann. Aber ein schrittweiser Aufbau der korrekten Finanzierung müsste machbar sein. Zunächst könnte der Bund vier Milliarden Euro zahlen, 2028 dann acht Milliarden und ab 2029 dann die vollständige Kostendeckung durch alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Das wäre auch in der aktuell schwierigen Haushaltslage ein verträgliches Vorgehen. Das würde die Finanzlage der Kassen – zusätzlich zu den jetzigen Reformen – deutlich verbessern. Um es klar zu sagen: Diese Zusatzeinnahmen müssten dann vollständig der Entlastung der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler dienen. Nicht, dass jemand auf die Idee kommt, mit diesen zusätzlichen Einnahmen Ärzte, Kliniken oder die Pharmaindustrie zu entlasten! Diese Reform jetzt stellt ja nur den Auftakt dar, es sollen weitere folgen. Unter anderem ist ein Primärarztsystem geplant, in dem der Hausarzt die zentrale Anlaufstelle ist. Wie sinnvoll ist das, wo doch die Wartezimmer bereits jetzt oft viel zu voll sind? Um das erst einmal einzuordnen: Die aktuelle Reform ist nur das Pflaster auf einer Wunde. Aber sie ist keine richtige Ursachenbekämpfung. Im nächsten Schritt müssen wir also an wirklich strukturelle Veränderungen ran, wie eben die Primärversorgung oder die Notfallreform, die Frau Warken jetzt ja auch vorgestellt hat. Und weil viele Fachärzte überlastet sind, ist es wichtig, zu schauen: Wie steuern wir diesen Patientenstrom? Was sind die Symptome? Muss diese Person wirklich zum Arzt oder reicht auch ein nicht verschreibungspflichtiges Medikament von der Apotheke? Da könnte eine Telefonhotline oder eine digitale Lösung helfen. Schlagzeilen wie "Jetzt darf man nicht mehr zum Facharzt" helfen uns nicht weiter. Aber genau darum ginge es doch. Nein, es geht vielmehr darum, dass Menschen, die dringend einen Facharzttermin brauchen, diesen dann schneller bekommen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass auf nicht dringende Termine dann länger gewartet werden muss. Es ist doch besser, die Menschen bekommen über einen Umweg einen Termin bei einem Facharzt als gar nicht, weil auch diese Praxen überlastet sind. In dem Zuge gibt es auch immer wieder die Überlegung, dass das Pflegepersonal in Kliniken oder Praxen mehr Aufgaben von den Ärzten übernehmen sollte … Das ist eine sehr gute Idee! Bei der Kritiker einwenden, das führe zu Qualitätsverlusten in der Versorgung. Diesen Einwand halte ich für falsch. Wir sind in Deutschland wahnsinnig arztzentriert. Dabei muss der Arzt ja gar nicht alles machen, vieles kann ein Pfleger oder auch die Arzthelferin genauso gut, vielleicht sogar besser. Wir haben nun viel darüber gesprochen, wo alles gespart werden soll – nur noch nicht über Ihr ganz eigenes Feld, die Krankenkassen. Hier will Nina Warken die Gehaltsanstiege der Kassenchefs begrenzen, die Verwaltungskosten sollen gesenkt werden. Klingt, als kämen Sie ganz glimpflich weg bei der Reform, oder? Wir haben schon für dieses Jahr einen Verwaltungskostendeckel bekommen und bereits seit Jahren muss jedes einzelne Vorstandsgehalt vorab von der Aufsicht genehmigt werden. Und auch in den kommenden Jahren soll eine strenge Deckelung der Verwaltungskosten kommen. Aber: Wir jammern nicht darüber, auch die Kassen leisten ihren Beitrag und das ist richtig. Ein Vorschlag, der nicht im Gesetz steht, aber immer wieder kursiert, ist, die Zahl der Krankenkassen deutlich zu reduzieren, von jetzt rund 90 auf vielleicht zehn, wie es unlängst CDU-General Carsten Linnemann sagte. Eine sinnvolle Idee? Ökonomisch ist das der größte Quatsch: Wir haben doch einen Wettbewerb zwischen den Krankenkassen. Im Jahr 2000 gab es noch 420 Krankenkassen, jetzt sind wir bei 93. Und die Zahl wird weiter sinken, weil die Kassen – wo es wirtschaftlich sinnvoll ist – fusionieren. Ich wundere mich ehrlich gesagt sehr darüber, dass sich die Politik für Marktwirtschaft und Vielfalt einsetzt, jetzt aber die Krankenkassen vereinheitlichen und zentralisieren will. Lasst das doch den Wettbewerb richten. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Blatt.