Die Eskalationsspirale im Nahen Osten dreht sich weiter, doch Donald Trump kreist um sich selbst. Sein Verhalten lässt unbequeme Fragen lauter werden. Inzwischen wird in amerikanischen Medien mit einiger Besorgnis gefragt, ob Donald Trump mental krank sei. Darauf folgt dann der Zusatz, die Frage, ob sein Geisteszustand problematisch geworden sei, sei nicht im klinischen Sinne gemeint. Damit sorgen die Autoren vor, falls sie mit Millionenprozessen überzogen werden. Nun kann man einwenden, Trump war immer Trump, also sprunghaft und widersprüchlich, mit Vorliebe für Selbstbeweihräucherung, beleidigend in seinen Äußerungen und unstet in seinen Handlungen. Zu seinen Grundsätzen gehört es, immer einfach weiterzumachen, ohne sich umzudrehen, ohne sich je zu erklären, geschweige denn zu entschuldigen. Damit beherrscht er den Medienzirkus und dafür liebt ihn der unersättliche, inkonsistente Nachrichtenzyklus. Und weshalb sollte ein Mensch, der demnächst 80 wird, seinen speziellen Charakter ändern wollen, mit dem er zweimal Präsident der Supermacht USA geworden ist? Von einem Reporter auf die umlaufenden Andeutungen über seinen geistigen Zustand angesprochen, antwortete Trump auf typische Weise. Er empörte sich nicht, er machte nicht einmal Witze, sondern deutete die Gerüchte einfach zu seinen Gunsten um: "Davon habe ich nichts gehört. Wenn es aber so ist, sollte es mehr Leute wie mich geben, denn bis ich kam, war unser Land ausgebeutet worden, im Handelsverkehr, überhaupt in allem, und deshalb braucht es mehr Leute von meinem Kaliber." Der Normalfall auf dem Planeten Trump ist der Ausnahmezustand. Es ist nach wie vor ebenso faszinierend wie erschreckend, seinen Worten und Taten zu folgen. Seit dem Krieg gegen den Iran aber hat sich der Ausnahmezustand in einen Alarmzustand versetzt. Nichts hat sich an Trumps Verhalten und Rhetorik verändert, aber der Kontext ist neu. Der Welterklärer: Alle Kolumnen von Gerhard Spörl Iran ist nicht Venezuela Ein Krieg unterscheidet sich vom gelegentlichen Versenken angeblicher Schmugglerboote, in denen Menschen sterben. Die Wirklichkeit in einem Krieg lässt sich eben nicht beliebig umdeuten. Sie lässt sich auch nicht bagatellisieren, wenn US-Soldaten sterben (13 bisher) oder verletzt in Hospitälern liegen (200 bisher). Die Eile, die bei Trump immer vor Gründlichkeit geht, wirkt in diesen Tagen anders. Wie Flucht. Die hastig aufgezählten und dann wieder anders benannten Gründe für den Krieg sind Reaktionen darauf, dass auch dieser Konflikt ein Eigenleben entwickelt, weil etwa das überfallene Land nicht einfach klein beigibt wie Venezuela , sondern Mittel und Wege zum Zurückschlagen findet. Die üblichen Ablenkungsmanöver verfangen diesmal nicht. So ist Unflätigkeit ein zuverlässiges Mittel in Trumps Arsenal, das Thema zu wechseln. Diesmal traf es den Papst. Zum Hohn für den Amerikaner im Vatikan stellte sich Trump dank Künstlicher Intelligenz als Lieblingsmensch von Jesus Christus dar. Beim ersten Mal redete er sich noch heraus, wie er es immer tut, wenn das Echo lau ausfällt. Dann aber wiederholte er die innige Vertrautheit mit Gottes Sohn erneut. Wieder löste er Betretenheit unter seinen frommen Anhängern aus. Ein Triumph der Selbstbehauptung Es war diese Folge von bigotten Ausfällen, die in den vergangenen Tagen die politisch durchaus explosive Frage nach seinem Geisteszustand auslöste. In der Kombination mit der wüsten Drohung, die iranische Zivilisation auszulöschen, blieb der erhoffte Themenwechsel aus. Zu viel Irrsinn im Stakkato. Hinterher relativierte Trump in einem Interview mit der "New York Post" nicht etwa die Vernichtungsabsicht, sondern bestätigte sie stattdessen: "Ich war entschlossen, es zu tun ." Aber wie geht es in der Sache weiter, im Krieg gegen den Iran, den ja auch Israel führt – Benjamin Netanjahu soll seinen Buddy Trump sogar dazu überredet haben –, wobei ab jetzt der 47. US-Präsident alles im Alleingang regeln will? Heute sollte das ergebene Trio Vance/Kushner/Witkoff mit der iranischen Delegation wieder Verhandlungen führen. Die bloße Tatsache, dass die Iraner den Termin absagten, ist ein Triumph der Selbstbehauptung. Trump liegt wohl wirklich an einem Deal, den er immer mal fast für abgeschlossen erklärt. Dass die US-Marine aber kurz vor dem Islamabad-Treffen ein iranisches Handelsschiff kaperte, ist ein Beispiel für die Selbstsabotage dieses Präsidenten, für das Chaos in seinem Kopf. Auch der Umstand, dass die iranische Marine die Meerenge bei Hormus nur kurz öffnete und dann wieder schließen konnte, spricht Bände. Die Revolutionsgarden, die offensichtlich eine Militärdiktatur in Teheran errichtet haben, kennen nun ihre Stärke, die in der Strangulierung der Weltwirtschaft besteht. Dem Präsidenten läuft die Zeit davon Nichts hasst Trump mehr als das Eingeständnis, dass er ebenso wie seine Vorgänger in Vietnam , Afghanistan oder im Irak daran gescheitert ist, die Welt nach seinem Willen neu zu ordnen. Er wird viele Worte und noch mehr Tweets darauf verwenden, die Lüge vom umfassenden Erfolg für die MAGA-Jünger in Wahrheit umzudeuten. Damit hat er schon begonnen. Gestern kursierte ein KI-Video, das zeigt, wie ein Vermummter an eine Wand sprayt: "Präsident Trump, bitte helfen Sie mir". Darauf folgen Bilder verzweifelter, weinender Demonstranten. Und dann jagen Kampfflugzeuge über Teheran. Dazu dieser Text: Ich bin mit Euch. Ich werde für Euch kämpfen. Ich werde für Euch gewinnen. Nachzuschauen auf "Truth Social", Trumps Kanal. Jesus ist Trumps Freund. Trump ist der Freund der Iraner. Was kann in dieser so beschaffenen Welt schiefgehen? In der Wirklichkeit läuft dem Präsidenten die Zeit davon. Am 4. Juli wird Amerika 250 Jahre alt. Ein Triumphbogen, der den Pariser weit übertreffen würde, soll dann von der historischen Größe Donald J. Trumps künden. Dafür muss er diesen Krieg und berechtigte Fragen nach seiner Geistesverfassung vergessen machen, was es auch immer es die Wahrheit kosten mag.