Schwetzingen: Elefantenmann mit Musik im Blut
Von Stefan Kern
Schwetzingen. Man hat ihn in Schwetzingen vor allem mit Bongos und Tamburin auf der Bühne erlebt. Sein Ruf als Percussionist von "The News" in der Alten Wollfabrik ist beinahe legendär. Und doch beschreibt die Musik nur einen Aspekt im Leben von Ingo Schmiedinger. Um ihm nahezukommen, muss man sich dem größten Landtier nähern, das auf der Erde lebt. So wichtig die Musik für Schmiedinger ist: Es sind neben seiner Familie vor allem die Elefanten, die ihn ausmachen.
Geboren in Waiblingen im Sommer 1977, zeigte sich früh, dass Schmiedinger keinen geradlinigen Lebensweg einschlagen würde. Er mochte es "eher wild", erzählt er heute. Bereits mit 17 verließ er das Elternhaus und hatte überraschend schnell eine Idee für sein Leben gefunden: Im Stuttgarter Zoo "Wilhelma" absolvierte er eine Ausbildung zum Tierpfleger und nahm sich schon bald der Pflege von Elefanten an. Die Tiere wurden seine Freunde, beinahe Familienmitglieder.
Das Verhältnis war vertraulich. Aus heutiger Sicht, das verhehlt er nicht, fast zu vertraulich. Elefanten seien, genau wie der Mensch, Säugetiere. Aber zu viel Nähe führe zu Fehleinschätzungen, weil Leute dazu neigten, zu viel Menschliches in ein Tier hineinzuinterpretieren. Gerade bei Elefanten sei diese Gefahr nicht zu unterschätzen. "Es sind sehr schlaue Tiere, mit Verhaltensweisen, die uns Menschen sehr nah kommen."
Man denke nur an das stoische Stehenbleiben und Kopfschütteln über verstorbene Herdenmitglieder. Oder an die Fähigkeit, Tränen zu vergießen. Trotzdem wäre es ein Fehler, von der Gefühlswelt des Menschen auf die des Elefanten zu schließen. "Dem Tier und seinen Bedürfnissen wird man so nicht gerecht." In Stuttgart ereilte ihn dann der Ruf nach Spanien, genauer gesagt, nach Altea, in der Provinz Alicante. Gewohnt hat er in dieser Zeit in einem kleinen Dorf in den Bergen, keine 20 Minuten vom Meer entfernt. Es war sein persönliches Paradies. Er, seine Hunde, eine Finca, und das alles inmitten eines Olivenhains. Als paradiesisch bewertet Schmiedinger den Ort und diese Zeit aber auch, weil er dort seine Frau Nuria kennengelernt hat.
Sie sollte Elefantenpflegerin im Zoo von Altea werden. Zur Folge hatte die Begegnung mit Nuria vor allem, dass Schmiedinger seine Pläne über Bord warf. Denn plötzlich ging es rasend schnell. Ende 2006 hatte er Nuria kennengelernt und Anfang 2007 geheiratet. Seine erste Tochter Nora kam gleich in jenem Jahr zur Welt, seine zweite, Laura, im Jahr 2010.
Geplant war davon nichts, aber das sei ja das schöne im Leben. Nur finanziell war es etwas knapp. Etwas über 700 Euro im Monat waren für die Familie zu wenig. Deshalb entschieden die beiden, nach Schönbronn zu ziehen. Weit weg von der spanischen Sonne und dem Meer, verwirklichte sich die Familie mit einem kleinen Haus und einem "Traum von einem Garten" wieder ein kleines Paradies.
Vor allem, weil seine Kinder in der Natur aufwuchsen. Von Ameisen bis zu Elefanten - Tiere gehören heute auch für sie selbstverständlich zu einem Leben ohne Berührungsängste. "Es ist wichtig, zu wissen, dass wir Teil der Natur sind."
In die Zeit in Deutschland fällt auch seine Musikerperiode mit "The News" in Schwetzingen. "Die Konzerte in der Alten Wollfabrik gehören zu den schönsten in meinem Leben", sagt er glücklich. Doch der nächste Sprung folgte sogleich.
Er und seine Frau kamen mit dem Tierschutzverein "Vier Pfoten" in Kontakt, der ihnen eine grandiose Perspektive ermöglichte. Am Anfang sei das Pflege- und Auswilderungsprogramm für Arbeitselefanten in Myanmar nur eine Idee gewesen. Doch aus dieser Idee ist mittlerweile Realität geworden, und Schmiedinger ist Projektverantwortlicher für rund 5000 Elefanten in Myanmar.
Die Regierung des südostasiatischen Landes stellte weite Teile des Urwalds unter Schutz, sodass es für die Elefanten, die das Tropenholz aus dem Urwald schleppten, keinen Bedarf mehr gab. Auf rund 170 Quadratkilometern soll nun ein Elefantenparadies samt Ökotourismuskonzept entstehen. Eine durchaus gewaltige Aufgabe, die Schmiedinger nicht abschreckt.
Im Gegenteil, er freut sich auf die Herausforderung. Die Freude könnte noch wachsen, wenn seine Frau mit an Bord des Projekts gelangen würde. Nuria Schmiedinger soll, wenn alles klappt, eine Ökobilanz verfassen. Ziel ist es, zu verstehen, was es mit einem Wald macht, wenn Elefanten in ihm leben.
Dank Internet und günstiger Telefoninfrastruktur zieht die Familie aber nicht nach Myanmar, sondern nach Valencia, in die Geburtsstadt von Nuria. Dort können sie Beruf und Familie vereinbaren. Die Kinder sind heute elf und acht Jahre alt und freuen sich. "Spanisch beherrschen sie perfekt", ist Schmiedinger stolz.
Die Familienküche und der kleine Pool vorm Haus waren wohl überzeugende Argumente. Dem kleinen Haus in Schönbronn und den Musiknächten in Schwetzingen wird er aber trotzdem einige Tränen nachweinen. "Es waren wunderbare Jahre."