Naturin-Viscofan Weinheim: Aus der Beinahe-Katastrophe eine Chance geschaffen
Weinheim. (keke) Die Außenmauern der mehrstöckigen Halle erstrahlen wieder in Weiß, die Fensterrahmen leuchten in Weinrot. Nichts deutet mehr auf den verheerenden Brand, der in der Nacht vom 3. auf den 4. November 2016 das rund 11.000 Quadratmeter große Werkstattgebäude des Wursthüllenherstellers Naturin-Viscofan zu mehr als 85 Prozent zerstörte.
Auf 14,5 Millionen Euro belief sich der Gesamtschaden, davon allein rund 6,5 Millionen Euro am Gebäude, durch den Großbrand im Lager zwei, der über Tage hinweg bis zu 220 Feuerwehrleute und Einsatzkräfte in Atem hielt. Ausgelöst hatte ihn ein technischer Defekt in der Elektroleitung.
Am Mittwoch erfolgte in Anwesenheit der gesamten spanischen Viscofan-Unternehmensleitung aus Pamplona mit José Antonio Canales an der Spitze die Wiedereinweihung. "Wir konnten von Glück sagen, dass damals dank der hervorragenden Arbeit der Feuerwehr unter der Leitung des damaligen Stadtbrandmeisters Reinhold Albrecht ein Überspringen des Feuers auf die Produktionsanlagen vermieden und die Sicherstellung der Logistik- und Lieferkette gewährleistet wurde", lobte Naturin-Geschäftsführer Bertram Trauth. Albrecht war 23 Stunden ununterbrochen vor Ort gewesen und hatte die Löscharbeiten der zahlreichen Wehren aus der Region koordiniert.
Hätte das Feuer die Produktionsanlagen erfasst, wäre das Schicksal des Unternehmens wohl besiegelt gewesen. So aber konnte bereits 36 Stunden nach Ausbruch des Großfeuers der Neustart der Produktion erfolgen. Der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit der Naturin als Tochter der Viscofan-Naturin GmbH liegt in der Herstellung und dem Vertrieb von Kunstdärmen für die Lebensmittelindustrie. Die Naturin in Weinheim mit etwa 530 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 140 Millionen Euro kann eine Produktionsleistung von fast zwei Milliarden Metern pro Jahr vorweisen.
Verschiedene Szenarien "vom kompletten Abriss des Gebäudes und Neubau bis hin zur Aufgabe des Standortes standen seinerzeit zur Debatte", blickte Trauth zurück. Dass die spanische Unternehmensleitung die Millioneninvestition in die "Zentrale Technik" (ZT) des Neubaus akzeptiert habe, werte die Naturin-Geschäftsleitung als Vertrauensbeweis in die Arbeit der Mitarbeiter. Vor allem aber dient die Entscheidung der langfristigen Standortsicherung des Werks, das in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert.
Max Hendler, Leiter des Projekts "Brand und Wiederaufbau", erläuterte die im September 2017 "in einem straffen Zeitplan" begonnenen Arbeiten. Im Juli waren die letzten Abrissbagger abgerückt. 260 Tonnen Stahl, 2000 Kubikmeter Beton und 3425 "Sandwich-Paneele" wurden in dem Gebäude verarbeitet.
85 Fenster und 13 Außentüren mussten erneuert und sieben Kilometer Kabel verlegt werden. Vier Sicherheitsabschnitte mit 46 Brandschutztüren sowie neun separate "Sektorentüren" sorgen für Sicherheit. "Nach komplett neuer Werkstattbestückung, Hardwareinstallation und abgeschlossener Lagerbefüllung präsentiert sich das Gebäude nach einem Jahr harter Arbeit auf dem modernsten Stand der Technik", so das Fazit von Hendler.
"Von der Mechanik über die Elektrik, den Einbau neuer IT-Systeme über das Ersatzteilmanagement bis hin zur Wiedervereinigung von zwei bisher getrennt arbeitenden Energie-Teams und der Ausstattung der Kontrollräume mit dem Ziel der Effizienzsteigerung wurden alle Bereiche optimiert", sagten ZT-Bereichsleiter Joaquin Mainar und Wilfried Schobel aus der Naturin-Geschäftsleitung.
"Wir haben aus einer kritischen Situation eine Chance geschaffen und aus der Not eine Tugend gemacht." Mit dem obligatorischen Scherenschnitt und der Pflanzung eines Amberbaumes als Symbol des Neuanfangs endete der offizielle Teil der Wiedereinweihungsfeier.