Besuch im Silicon Valley: Kretschmann grübelt beim Blick auf Kalifornien
Von Jens Schmitz, RNZ Stuttgart
Silicon Valley. Der Weg zu den Sternen führt über eine Bühne mit abgewetztem Orientteppich: Beim Risikokapitalgeber Plug and Play im kalifornischen Sunnyvale stellen pro Jahr tausende Jungunternehmer ihre Geschäftsidee vor. Die 25 bis 30 besten werden in ein Gratisprogramm aufgenommen, das Arbeitsplatz und Betreuung, vor allem aber Kontakt zu Investoren vermittelt. Plug and Play investiert selbst in die Start Ups - bei der erfolgreichsten Beteiligung Dropbox wurde aus Anteilen für 100.000 Dollar ein Verkaufspreis von 100 Millionen.
"Wirklich revolutionär" sei diese Form der Starthilfe, schwärmt Sangeeta Agarawal, die auf diese Weise eine Gesundheitsapp auf den Markt gebracht hat. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) klingt nicht immer so euphorisch. "Was nehmen wir da raus, damit wir uns nicht erschießen müssen, wenn wir nach Hause kommen?", grübelt er auf seiner Silicon-Valley-Tour zwischendurch vor Reportern.
Bei der aktuellen Nordamerikareise des Regierungschefs schwärmen fast 100 Baden-Württemberger zwei Tage lang im Silicon Valley aus und verteilen sich auf Technologietreiber wie Cisco, Intel oder NVIDIA. Sie diskutieren mit Hochschulen, Dienstleistern, Venture-Capital-Gebern und natürlich Start-Up-Betreibern, aber auch mit Vertretern etablierter Konzerne.
Zwei Themen sorgen immer wieder für Irritation: erstens die ungeheuren Summen, die im Silicon Valley für Investitionen bereit stehen. Zweitens das Tempo, mit dem die Künstliche Intelligenz sich unter diesen Bedingungen entwickelt. 50 bis 75 Milliarden Dollar an Risikokapital werden rund um Santa Barbara und San Francisco pro Jahr investiert, lernen die Baden-Württemberger, ein Viertel des Venture Capitals weltweit. In Deutschland seien es gerade mal 8 Milliarden.
Silicon-Valley-Experte Mario Herger sieht den Zug in manchen Branchen schon abgefahren: Seit 2013 seien 80 Milliarden Dollar in die Entwicklung autonomer Fahrzeuge gesteckt worden. Im Silicon Valley führen inzwischen 57 lizenzierte Unternehmen mit mehr als 1000 selbstfahrenden Testmobilen herum. Dieser Vorsprung sei kaum noch aufzuholen, erklärte Herger, der selbst für Konzerne wie Daimler und BMW möglicherweise nur noch eine Zukunft als Zulieferer oder Nischenhersteller sieht.
Selbstfahrende Autos müssen alles um sie herum in Sekundenschnelle verstehen können. Dabei geht es längst nicht mehr um Fahrbahnbegrenzungen, sondern um die Absicht anderer Verkehrsteilnehmer: Der Chipdesigner NVIDIA führte Geräte vor, die 16.000 Blumen in der Sekunde identifizieren können - oder Gesichter. Menschliche Profis im Lippenlesen interpretieren 52 Prozent des Gesagten richtig; Computer kommen inzwischen auf 93 Prozent. Durch den Nachbau neuronaler Strukturen lernt Künstliche Intelligenzen von selbst, und das immer schneller.
Extreme soziale Ungleichheit, Jobverluste, Datenschutz: Immer wieder werden in der Delegation Bedenken diskutiert, und nicht zuletzt der Ministerpräsident beharrt auf dem Standortvorteil, den die deutschen Sozialsysteme bei aller Bremskraft auch darstellten. "Nicht alle haben das Ziel, superreich zu werden."
Die Frage beim Blick auf Kalifornien sei allerdings: "Überrollt uns das? Unsere Sicherheit muss ja finanziert werden!" Das Geschäftsmodell Baden-Württembergs sei der Export, also der Freihandel, damit könne man sich dem Wettbewerb nicht entziehe. Über die Systemfrage entscheide zuletzt der ökonomische Erfolg. "Was nützt das, wenn Sie eine Demokratie haben und Sie werden wirtschaftlich überrollt von China?" Kretschmann bekräftigte: "Es ist unser Anspruch, dass auch die bahnbrechenden Erfindungen der Zukunft aus Baden-Württemberg kommen sollen."
Später ging es für Kretschmann noch weiter nach Kanada, wo er am Freitag Premierminister Justin Trudeau traf. Es sei ein "freundschaftliches Gespräch" gewesen, berichtete Kretschmann. Der zehnminütige Austausch habe die Themen Klimaschutz, Freihandel und Migration umfasst. Trudeau habe sich darüber gefreut, in der schwierigen Situation, in die Kanada gegenüber der Trump-Regierung in den USA geraten sei, aus Baden-Württemberg ungeteilte Unterstützung zu erfahren. Nämlich "dass wir gegen Protektionismus und für einen regelbasierten Freihandel sind".