Verbot wäre schwerer Schlag: "Glyphosat wurde missbräuchlich eingesetzt"
Von Sören S. Sgries
Heidelberg/Zeutern. Werner Kunz bewirtschaftet zusammen mit seinem Sohn in Zeutern im Landkreis Karlsruhe rund 200 Hektar an Ackerflächen. Ohne Hilfsmittel wie Glyphosat geht es im Kraichgau kaum, sagt der 61-Jährige.
Herr Kunz, fühlen Sie sich eigentlich unwohl, wenn Sie selbst mit Glyphosat arbeiten?
Man ist schon vorsichtig und trägt die entsprechende Schutzkleidung. Wenn man mit Chemikalien arbeitet, muss man sich schützen. Insbesondere, wenn man mit dem hochkonzentrierten Mittel arbeitet. Auf einen Hektar bringe ich rund zwei Liter Glyphosat aus - das wird verdünnt mit 200 Litern Wasser.
Das heißt, der Respekt vor der Chemie ist da. Warum brauchen Sie denn diese Unterstützung überhaupt?
Glyphosat ist in den Verruf gekommen, weil es missbräuchlich eingesetzt wurde. Auch in Deutschland wurde es zur Steuerung der Getreideernte eingesetzt. Laut Zulassungsbehörden darf man es etwa 10 bis 14 Tage vor der Getreideernte einsetzen. Ab dem Moment stirbt alles Grüne ab, die Fotosynthese wird eingestellt. Das Getreide reift. Doch so war es ja nicht gedacht! Die Grenzwerte im Erntegut werden zwar unterschritten, weil sich Glyphosat gut abbaut. Aber es kommen trotzdem Rückstände in die Nahrungskette. Das wurde bis vor drei, vier Jahren auf den Getreideflächen in Ostdeutschland so gemacht. Inzwischen ist es in Deutschland quasi erledigt - aber nicht in angrenzenden europäischen Ländern.
Im Kraichgau machen Sie das aber nicht?
Nein. Wir sind aus einem anderen Grund auf Glyphosat angewiesen: Die Flächen, die wir bewirtschaften, wurden in den letzten Jahrzehnten immer größer, viele kleinere Betriebe haben aufgehört. Die Felder werden jetzt auch einheitlich bewirtschaftet, bis vor etwa 20 Jahren im Pflugeinsatz. Das hat in den hängigen Lagen zu sehr starker Erosion geführt, die Erde wurde abgeschwemmt. Wenn man da Glyphosat einsetzt, muss man den Boden nicht mehr so intensiv bearbeiten und die Gefahr des Wasserabflusses ist geringer.
Konkret heißt das?
Wir setzen Glyphosat nur vor der Aussaat ein. Jetzt, nach der Ernte, beginnen wir mit der Aussaat von Zwischenfrüchten wie Senf, Phacelia und anderes. Die lassen wir bis zum ersten Frost stehen. Dann mulchen wir die Flächen ab und arbeiten die Rückstände ein paar Wochen später in den Boden ein. So das Ideal. Wenn im Frühjahr doch noch ein paar Pflanzen stehen, dann bringen wir Glyphosat auf. Nach wenigen Tagen ist der Grünbewuchs dann abgestorben und wir können in einem Arbeitsgang unsere Flächen einsäen. Das ist entscheidend: Die größten Erdkrümel haben dann noch einen Durchmesser von fünf Zentimetern. Muss man öfter über den Acker fahren, schrumpfen sie und werden bei schweren Gewittern weggespült.
Früher ging es doch aber auch ohne - und die Hänge wurden nicht komplett weggespült.
Vor 30, 40 Jahren wurden auf vier Hektar vielleicht zehn unterschiedliche Kulturen angelegt, weil es viele Betriebe gab. Da wechselten sich kleinere Weizenfelder, Kartoffeln, Rüben ab. Das waren natürliche Erosionsbremsen. Dieses Rad wird man aber nur schwer zurückdrehen können. Die Politik fordert von uns ja effizientes Wirtschaften, um international konkurrenzfähig zu sein. Ich habe aber auch schon Kollegen empfohlen, in kritischen Bereichen mal einen Schutzstreifen anzulegen.
Kleine Parzellen sind unwirtschaftlich?
Ja. Dann können wir ganz aufhören. Kollegen als Ostdeutschland bezeichnen uns in Baden-Württemberg schon jetzt als "Schrebergärtner".
Gesellschaftlich wird Glyphosat verteufelt. Belastet das Sie?
Ja, schon. Gerade junge Landwirte sind etwas mutlos, weil sie eine Anti-Landwirtschafts-Stimmung fürchten. Es wird mit vielen Halb- und Unwahrheiten gearbeitet. Es wurde zum Beispiel nie gesagt, das die Rückstände in den Nahrungsmitteln vor allem aus dem Vor-Ernte-Einsatz kommen. In unserem Getreide liegt das unter der Nachweisgrenze. Wir haben darunter zu leiden, dass das in anderen Ländern noch üblich ist.
Was ist mit der Forderung nach mehr "Bio"?
Wer da seine Nische sieht, soll es machen. Wenn wir aber alle bio machen, haben wir nur noch den halben Ertrag, vielleicht 25 Millionen Tonnen Getreide in Deutschland. Dann sind wir auf Importe aus Gegenden angewiesen, die weniger genau auf die Richtlinien schauen. Aufgrund der Dürre ist der Ertrag in diesem Jahr schon auf 37 Millionen Tonnen gesunken. Erstmals seit 1986 wird Deutschland wieder auf Weizenimporte angewiesen sein.
Was ist realistisch?
Die Botschaft von Agrarministerin Julia Klöckner ist bei uns angekommen: So wenig Glyphosat wie möglich. Wir hoffen auch auf die Digitalisierung und eine präzisere mechanische Unkrautbeseitigung. Auf ebenen Flächen, etwa in der Rheinebene, habe ich gute Hoffnung, dass das geht.
Und bei einem Glyphosat-Verbot?
Das wäre ein herber Schlag. Wir hätten keine Wahl, als allein auf mechanische Mittel zu setzen mit allen Risiken. Da müssten wir die Bürgermeister im Kraichgau warnen, dass es zu stärkeren Erosionen kommen würde.
Und finanziell? Lohnt es sich nicht, Glyphosat einzusparen?
Nein. Mitteleinsatz und Ausbringung kosten mich rund 40 Euro pro Hektar. Wenn ich mehrere Arbeitsgänge mechanisch habe, reichen 100 Euro dafür sicherlich nicht aus.