Angelbachtal: "Und das soll ein Schutzgebiet sein?"
Von Günther Keller
Angelbachtal. Was macht einen Wald, speziell einen Waldmeister-Buchenwald, zu einem schützenswerten Flora-Fauna-Habitat? Wohl kaum die gut ausgebauten Fahrwege oder das Netz der tief gefurchten Rückegassen. Ebenso wenig die nordamerikanischen Douglasien und die Fichten, die einstige Buchenbestände ersetzen.
Und das Baumdach, das normalerweise für Kühle und Feuchte sorgen sollte und jetzt stellenweise stark ausgedünnt ist, wohl auch nicht. "Es ist ein Drama", sagt Wolfgang Thiemann. Der Wald im Michelfelder Osten, auf den viele Angelbachtaler so stolz sind, sei einem "schleichenden Niedergang" unterworfen und werde zugunsten der wirtschaftlichen Nutzung mehr und mehr ruiniert.
Wolfgang Thiemann hat beim Regierungspräsidium Karlsruhe Widerspruch gegen die Aufnahme des Waldmeister-Buchenwalds in das FFH-Register eingelegt. Damit gehört er zu etwa 220 Privatleuten, die Einwände gegen die Schutzverordnung vorgebracht haben.
Aber während die allermeisten Widersprüche sich gegen eine vermeintlich eingeschränkte Nutzung richten, verfolgt der Angelbachtaler im Grunde eine gegensätzliche Stoßrichtung: Die Verordnung sei zu lasch, bringe dem Wald nichts. Wenn man einen Forst wie jenen im Röhrigwald retten wolle, dürfe man die Bewirtschaftung nicht mehr so weiter laufen lassen wie bisher.
Thiemann und seine Frau Ute kennen den Waldmeister-Buchenwald wie ihre Westentasche. Sie ist schon als Kind zwischen den Bäumen umher gestreift und erinnert sich: "Damals gab es nur ganz wenige Wege."
Aber vor allem in den letzten 20 Jahren habe sich das völlig geändert. Die heutigen Fahrbahnen sind geschottert und so stark verdichtet, dass Regenwasser die Hänge hinab schießt und Erde mitreißt, statt in die angrenzenden Waldflächen abzufließen. Immer wieder zweigen von Hauptwegen Rückegassen in einem 90-Grad-Winkel ab und ziehen sich quer zur Topografie die Hügel hoch, ihre Furchen reichen teilweise bis auf den Gesteinsgrund.
Die Forstwirtschaft hat sich entlang der Fahrwege für geschlagene Holzstämme Platz geschaffen, und auch Schotterreste lagern an der Seite. "Und das soll ein Schutzgebiet sein?", fragt sich Wolfgang Thiemann. Über Jahre hinweg hat er die Entwicklung dokumentiert - und ist nach eigener Ausgabe immer wieder aufgelaufen, wenn er bei der Forstbehörde beispielsweise die Pläne für die Rückegassen einsehen wollte.
Längst, so beklagt der 72-jährige frühere Vermessungsingenieur, gelte der Wald nur noch als Wirtschaftsfaktor, hätten allein die Förster das Sagen - und zwar mit Rückendeckung der Gemeinde. Zwar werde von der Kommunalpolitik regelmäßig die ökologische Bedeutung und der Freizeitwert des Waldes beschworen, aber bei den Bewirtschaftungszielen werde die "weiterhin vorrangige Priorität der Nutzfunktion", wie es zur aktuellen Forsterneuerung heißt, festgeschrieben.
Gleichzeitig zeige der Gemeinderat faktisch Desinteresse an der Bewahrung des Gemeindeeigentums. Allerdings war nicht nur in Angelbachtal die FFH-Richtlinie kein großes Thema, auch andernorts wurde die Thematik oft nur gestreift und dann abgenickt, die Bürgerschaft erst gar nicht informiert oder gar in die Entscheidungsfindung eingebunden worden. Damit seien die "unsägliche betriebswirtschaftliche orientierte" Nutzung festgeschrieben und der eigentliche Schutzgedanke ad absurdum geführt worden, meint er.
Dem Michelfelder schwebt als Gegenentwurf zum Wirtschaftswald unter der Ägide der Forstämter ein Bürgerwald in genossenschaftlicher Regie vor. Dann könne sich einbringen, wer Verantwortungsgefühl für den Wald als Kulturgut, den "Reichtum des Kraichgaus", empfinde.
Unter dem Titel "Kraichgauer Modellwald" hat er ein Leitbild für ein großflächiges Forstareal von Michelfeld bis Sinsheim entworfen, das einerseits Schutzgebiet sein könnte, andererseits fundierte Daten zu Klimaveränderung, Luftverschmutzung, Grundwasserabsenkung und Tierpopulationen liefern könnte.
Allerdings ist Wolfgang Thiemann Einzelkämpfer, selbst von Umweltschutzverbänden kam bislang keine Reaktion.