Muslimisches Gräberfeld in Sinsheim: Mit Blick in Richtung Mekka
Von Tim Kegel
Sinsheim. Ein muslimisches Gräberfeld wird nun definitiv auf dem Stadtfriedhof eingerichtet. So hat es der Gemeinderat am Dienstag mit knapper Mehrheit beschlossen. Das Thema polarisiert, was allein schon daran zu erkennen war, dass im Vorfeld ein Antrag auf eine geheime Abstimmung gestellt worden war. Die Besucherreihen im Sitzungssaal waren an jenem Abend auffallend gut gefüllt, zahlreiche Vertreter aus dem Vorstand der Ditib-Moschee verfolgten die Diskussion, wie auch Mitglieder des Integrationsbeirats der Stadt und des "Bündnisses für Toleranz".
Geheim über den Sachverhalt abstimmen wollten 17 Räte, 20 sprachen sich für ein öffentliches Votum aus. Schließlich waren es 22 Bürgervertreter, die ein muslimisches Gräberfeld am Friedhof wollen; neun wollen es nicht; sechs enthielten sich der Stimme. Geschlossenheit sieht anders aus, und so wurde das Votum auch kontrovers diskutiert.
Freie-Wähler-Sprecher Harald Gmelin sah in dem Wunsch nach einem solchen Gräberfeld auch die Tendenz einer "gewissen Abgrenzung". Die Frage müsse daher erlaubt sein, so Gmelin, ob "die Integration womöglich noch nicht einmal im Tod" gelinge. Er selbst hätte "nichts dagegen, direkt neben einem muslimischen Einwohner bestattet zu werden"; muslimische Bestattungen folgen jedoch einem Jahrhunderte alten Ritus, wie auch das Friedhofsamt es beschreibt, etwa der Ausrichtung des Leichnams mit Blick in Richtung Mekka und in Abstimmung mit einem muslimischen Imam.
Auch wird ohne Sarg beigesetzt und in einem Bereich, "in dem bisher noch nicht bestattet wurde"; von "ewigen Gräbern" war die Rede, beziehungsweise von einer Wiederbelegung erst ab einem Zeitpunkt, an dem bei einer Öffnung des Grabes, "nicht mehr mit dem Auffinden menschlicher Überreste zu rechnen" sei. Hauptamtsleiter Marco Fulgner sprach von einen Zeitraum von 60 Jahren.
Auch eine rituelle Waschung soll künftig gebührenpflichtig angeboten werden. Das Gesundheitsamt gebe grünes Licht, wenn diese in einem abschließbaren Raum stattfinde, der gut zu lüften und kühl sei und nicht anderweitig genutzt werde. Bei der Waschung sei einfache Schutzkleidung Vorschrift, verwendetes Wasser müsse einfach aufzufangen und zu entsorgen sein.
"All diese kleinen Hürden" seien im Vorfeld bei gemeinsamen Terminen mit muslimischen Vertretern, Gesundheitsamt und Friedhofsverwaltung beseitigt werden, wie in der Vorlage steht. Und auch die Dekane Christine Glöckner-Lang und Thomas Hafner stünden der Thematik "sehr aufgeschlossen" gegenüber "und begrüßen die Absicht der Stadt Sinsheim". Für die Herstellung des ersten Teilabschnitts von 16 muslimischen Gräbern sind 15.000 Euro an Kosten eingeplant.
"Als Zeichen der Toleranz" wertete CDU-Sprecher Friedhelm Zoller die Zustimmung, seine Fraktion komme jedoch "zu keiner einheitlichen Meinung"; es gebe Stimmen, die das Vorhaben als "für eine Integration nicht förderlich" befänden. Für die SPD-Fraktion äußerte sich Jürgen Schön: "Wir vergeben uns nichts. Wir stimmen zu." Alexander Hertel von "Aktiv für Sinsheim" wertet es "als Zeichen der Integration, dass man sein Grab hier wählt."
Es gebe Grabfelder "für Schmetterlingskinder, für Urnen, für die Toten der Kreispflege - wo ist das Problem?", fragte Hertel. Grünen-Sprecher Alexander Riederer leitet sein Votum aus dem schlichten Wunsch von Muslimen ab, "ihre Angehörigen auch hier betrauern zu wollen".
Als Gegner der Benennung, weniger der Sache an sich, bekannte sich CDU-Rat Georg Trunk. Es gehe ihm nicht darum, den Blick nach Mekka oder den Ritus zu maßregeln. Trunk gab jedoch zu bedenken, dass der Stadtfriedhof bislang auf keine Religion konkret ausgerichtet ist, nicht einmal auf die christliche. Nun konkret von einem muslimischen Gräberfeld zu sprechen, sei, so Trunk, "der falsche Schritt".