Mannheim: Wenn Abfall mollig warm macht
Von Harald Berlinghof
Mannheim. "Fernwärme hatte in der jüngeren Vergangenheit oft den Ruf eines Langweilers in der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei können wir unsere Klimaziele ohne die Fernwärme sicher nicht erreichen. Immerhin ein Drittel der Kohlendioxid-Emissionen in Deutschland entfallen auf die Wärmeerzeugung", betonte MVV-Vorstandschef Georg Müller beim symbolischen Spatenstich für den Düker am Mittwoch. Dabei handelt es sich um eine Druckleitung, die den Altrhein unterqueren soll.
So soll die im Müllheizkraftwerk auf der Friesenheimer Insel im Nordwesten Mannheims erzeugte Wärme in Form von Fernwärme das Mannheimer Festland erreichen. Mit der Anbindung des Müllheizkraftwerks der MVV an das bestehende Fernwärmenetz werde die Fernwärme grüner, so Müller. "Abfälle sind für uns kein Abfall, sondern ein wertvoller Rohstoff, den es zu nutzen gilt."
Joachim Manns, Geschäftsführer der MVV-Tochter Umwelt, rechnete vor, dass die Eigentümer eines Einfamilienhauses circa 20.000 Euro an Investitionen sparen können, wenn sie Fernwärme der MVV als Heizquelle nutzen. Denn durch die Anbindung des Müllheizkraftwerks an das Netz falle der sogenannte Primärenergiefaktor von 0,65 auf 0,42. Das wiederum bedeutet, dass ein Eigentümer allein durch die Nutzung der Fernwärme die gesetzlichen Anforderungen für den Klimaschutz erfüllt. Zusätzliche Investitionen in Dämmung oder Wärmerückführung können so entfallen.
Das Fernwärmenetz der MVV Energie ist das größte in Westeuropa. Es reicht bis Heidelberg und Speyer. In Mannheim sind gegenwärtig über 60 Prozent aller Gebäude an die Fernwärme angeschlossen. Versorgt wird das Netz bislang ausschließlich vom Mannheimer Großkraftwerk, das zwar in ökologisch günstiger Kraftwärme-Kopplung den Strom und die Heizwärme gleichzeitig erzeugt, dessen Energieerzeugung aber trotz allem auf der in die Kritik geratenen Steinkohle basiert.
"Fernwärme wird zukunftsfähig und ist kein Auslaufmodell", war sich der Vorstandschef sicher. Etwa 100 Millionen Euro will die MVV Energie in den Kraftwerksstandort auf der Friesenheimer Insel investieren. In einer zweijährigen Bauzeit soll die 2,7 Kilometer lange Fernwärmeleitung mit einem Düker von 415 Metern Länge unter dem Flussbett des Altrheins hindurch geführt werden. Der Düker soll einen Durchmesser von 3,40 Meter haben und damit für Wartungsarbeiten begehbar sein. Er liegt elf Meter unter der Flusssohle und ruht auf 100 Betonpfählen. "Die Friesenheimer Insel ist dann eigentlich keine Insel mehr", erklärte Müller.
Die Anbindung der neuen Leitung an das bestehende Fernwärmenetz erfolgt am Mercedes-Benz-Parkplatz-Süd. Als positiven Nebeneffekt sah Müller die gleichzeitige Anbindung der Firma Roche an eine zusätzliche Prozessdampfleitung des Abfall-Kraftwerks. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz, gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der MVV Energie, sah in der Millionen-Investition des Energieunternehmens einen Ausdruck der Zukunftsfähigkeit des Energieträgers Fernwärme. Die angestrebte Energiewende sei nicht ausschließlich eine Stromwende, sondern auch eine Wärmewende. "Klimaambitionen dürfen keine Ambitionen bleiben, sondern müssen Realität werden", forderte Kurz.