Privater Luftkontrolleur in Haag: Feinstaub misst man nicht nur in Stuttgart
Von Felix Hüll
Haag. "Die hat richtig Angst bekommen und mich mit ganz großen Augen angeschaut", sagt Andreas Finger und erzählt, wie er mit einer schwarzen Gesichtsmaske abends in Eberbach einer Passantin unabsichtlich einen Schrecken eingejagt hat. Finger hat Atemwegsprobleme. Deswegen war er mit seinem Mundschutz unterwegs. Zu Hause in Haag kontrolliert er mit einem selbst montierten Messgerät die Feinstaubkonzentration, um vorbeugend entsprechend reagieren zu können.
Der Normalfall ist es nicht, dass Andreas Finger wie ein Vermummter in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Aber sein Atemwegsleiden bringt dies mit sich und auch, dass er zu vielen Dingen nicht mehr in der Lage ist, sobald in der Luft Störstoffe zunehmen - wie etwa auch Feinstaubpartikel, die man in der schönen Umgebung von Haag im Kleinen Odenwald in dieser Konzentration so gar nicht erwarten würde.
"Seit 2012 bin ich im Prinzip krank", erklärt der Frührentner, der als gelernter Mechatroniker mit Fachrichtung Automatisierungstechnik im Motorsport und als Servicemonteur im Vertrieb eines Reinigungssystemunternehmens gearbeitet hat. "Wenn bei uns bei Nebel eine hohe Luftfeuchtigkeit von 70 bis 80 Prozent ist, bin ich fix und fertig."
Finger berichtet von Atemnot, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich ohne Hustenanfälle zu bewegen, und selbst von einfachen Spaziergängen erschöpft ist. "Bei mir ist das wetterabhängig. Ich hatte die Vermutung, dass es mit der Umwelt zusammenhängt, weil das ganz stark ist, wenn wir Westwind - Wind von der Rheinebene her - haben."
Finger begab sich in ärztliche Behandlung, war in der Thoraxklinik in Heidelberg und bei einem Spezialisten in Sinsheim, machte mehrere Apparateuntersuchungen mit, erhielt die Diagnose COPD (chronic obstructive pulmonary disease, übersetzt: chronische Lungenerkrankung durch Atemwegsverengung) und Asthma. Medikamente sollen Andreas Finger helfen, damit umzugehen.
Finger war Zigarettenraucher und hatte im Motorsport mit Autoabgasen zu tun. Weil er den Verdacht hatte, dass seine Beschwerden immer dann stärker werden, wenn besonders viel Luftmassen aus dem Raum Heidelberg/Mannheim/ Ludwigshafen über die Odenwaldkante hochtransportiert werden und in der Naturlandschaft im Kleinen Odenwald niedergehen, wollte er für sich überprüfen, ob ähnlich der Luftverschmutzung im Talkessel der Landeshauptstadt Stuttgart auch in Haag ungewöhnlich hohe Feinstaub-Konzentrationen nachzuweisen sind.
Finger fertigte ein stationäres Messgerät im Garten sowie eine mobile Messstation für Innenräume oder wenn er auf Reisen geht. "Das Gerät ist halt nicht geeicht. Es ist ein Richtwert, aber man kann damit kein Gerichtsurteil erstreiten." Und seinen Messdaten zufolge werde der gesetzliche Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter in einzelnen Spitzenwerten überschritten. "Maßgeblich ist aber ein 24-Stunden-Durchschnittswert" erklärt Finger. Seine Daten kann jeder über eine Homepage mitverfolgen.
Weitere derartige private Messstationen gibt es in Neckargemünd, bei Dilsberg, Bammental, Gauangelloch, Nußloch oder Heidelberg. Im Raum Eberbach oder im Neckar-Odenwald-Kreis ist in näherer Umgebung kein Eintrag.
Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg erhebt landesweit mit geeichten Geräten an über 40 Standorten offiziell Feinstaub-Daten. Die Haag nächstgelegenen Messstationen sind in Heidelberg, Wiesloch, Mannheim und Heilbronn. LuBW-Sprecherin Dagmar Berberich: "Die Messungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die Immissionsgrenzwerte an allen genannten Messstationen sicher eingehalten werden. Detaillierte Informationen finden Sie im Internet."
Damit signalisiert die Fachanstalt, dass auch für den Kleinen Odenwald bzw. Schönbrunn und seine Ortsteile kein Handlungsbedarf bestehe; das muss ja nicht ausschließen, dass Einzelfallmessungen andere Werte aufweisen und Personen mit Atemwegsbeschwerden wie Andreas Finger Probleme haben.
Gezielte Langzeituntersuchungen der Luft im Kleinen Odenwald gibt es nicht; dass es westlich von Haag zahlreiche Privatmessstationen gibt, deutet aber darauf hin, dass Finger nicht der Einzige am Thema Interessierte ist. Er bietet an, mit seinem mobilen Gerät auf Anfrage Messungen vorzunehmen (über Details informiert er gern unter Telefon 0173/ 937 51 16).