Heidelberg/Mannheim: Datingportal - Auf der Suche nach der Traumfrau 2.0
Von Joseph Weisbrod
Heidelberg/Mannheim. Wo ist sie: Die Traumfrau für meine von Demografen sogenannte dritte Lebensphase und darüber hinaus? Da ich als 62-jähriger, geschiedener "Best Ager" mein ultimatives Liebesglück nicht Amors Zufallspfeil überlassen will, tue ich das, was ich auch bei der Mieter-, Hotel- oder Flugsuche bevorzuge: Ich nutze ein Internetportal. Warum soll, was beim Urlaub hilft, nicht auch bei der Liebe funktionieren?
Amor hört heute auf einen Algorithmus. Ich entscheide mich für eines der größten Dating-Portale im Land: Bei 5,4 Millionen Mitgliedern muss doch auch jemand für mich dabei sein. Außerdem hat der Anbieter - Kurpfalz first - in Heidelberg mit etwa 1400 und Mannheim (2800) die meisten weiblichen Mitglieder unter den konkurrierenden Singlebörsen. Auch wenn der zündende Funke sich nicht um das Gesetz der Wahrscheinlichkeit schert: Wieso sollte ich es nicht, wie einige meiner Bekannten via Internet in den verheißungsvollen Beziehungsstatus des Verliebtseins schaffen?
Das aus dem Marketing bekannte vierstufige AIDA-Prinzip gilt auch bei der Online-Partnersuche: Aufmerksamkeit (Attention) erwecken, Interesse erregen (Interest), Sehnsucht (Desire) auslösen und Handlung (Action), sprich: Dates mit Perspektive erwirken. Für die erste Stufe der Aufmerksamkeit ist die Profil-Einleitung zuständig. "Mein persönliches Zitat", wie das hier heißt, lautet: "Auch wenn ich zur Zeit allein lebe, bin ich nicht der Typ des einsamen Wolfs - und will es gar nicht sein. Dazu liebe ich die Menschen und das Leben zu sehr. Ich wünsche mir, dass ich meine Gefühle, Erfahrungen, Erlebnisse (z. B. einen spannenden Kinobesuch, eine Restaurant-Entdeckung, ein verlängertes Wochenende in Rom, ein Sonnenuntergang am Meer), meine Begeisterung, meine Lebenslust, aber auch (soll vorkommen!) meinen Kummer mit der neuen Frau meines Lebens teilen kann - und umgekehrt! Ich mag’s übrigens gerne italienisch: La vita è bella. Das Leben ist schön! Lasst es uns gemeinsam in vollen Zügen und gegenseitiger Achtsamkeit genießen!"
Nachdem ich den obligatorischen "Steckbrief", alle "Ich über mich" und "Freizeit & Sport"-Checkpunkte ausgefüllt und auch das Fotoalbum hochgeladen habe, kommt die 100-prozentige Bestätigung: "Glückwunsch! Mit einem Vorzeige-Profil wie Ihrem haben Sie gute Chancen darauf, den passenden Partner zu finden."
Und tatsächlich: Kurz darauf trudeln schon die ersten Interessentinnen ein. Bei jeder von ihnen zeigt der Anbieter in Matching-Punkten an, wie wir prozentual zueinander passen. Ich merke bald, dass das auf Basis einer 80 Fragen umfassenden Persönlichkeitsanalyse generierte Ergebnis wenig darüber aussagt, ob und wie wir in Persönlichkeit, Gewohnheiten und Interessen tatsächlich übereinstimmen. Gefühls- oder Verstandesmensch? Das riecht doch sehr nach Küchenpsychologie.
Das erste Aha-Erlebnis in meiner Datinglaufbahn beginnt mit der OP-Schwester Olga und endet im Narkoseraum einer Heidelberger Klinik. Wir haben uns zwei Wochen zuvor in einem Café zur ersten Sondierung unserer "Passt-Optionen" getroffen. Kurz darauf lädt Olga mich in ihre behagliche Wohnung ein. Appetit auf mehr bei köstlicher Pasta und Vino Rosso! Ein paar Tage später in aller Frühe der minimalinvasive Eingriff. Der Anästhesist grinst mich augenzwinkernd an, bevor er den betäubten Patienten ins Reich der Träume schickt: "Ihre Bekannte wird gleich zu Ihnen kommen!" Olgas OP-Team weiß also schon Bescheid. Leider zu früh: Operation gelungen, Kontakt gestorben!
Von vorneherein ist mir klar, dass ich nie auf einen Partnervorschlag ohne Profilfoto antworten werde. Wer nicht zu seinem Aussehen steht, kommt für mich nicht in Frage. Dass auch ein noch so gewinnendes Passbild-Lächeln nicht ausreicht, gehört zum Lehrgeld, das ich am Anfang meines Dating-Jahres zahle. Die Konzern-Chefsekretärin mit dem sympathischen Gesicht entpuppt sich beim Date als überaus stattliche Rubensfrau, die ihren im Album vorenthaltenen Resonanzkörper stimmorganisch derart fortissimo nutzt, dass die Restaurantgäste ihre Ohren gar nicht erst spitzen müssen. Am liebsten wäre ich im Laminatboden versunken.
Ich weiß nicht, wie Männer sich verhalten, wenn es um die Aktualität ihrer Fotos und ihr faktisches Alter geht. Bei Frauen habe ich mehrmals die Erfahrung gemacht, dass sowohl die Bilder als auch die Altersangaben auf einen deutlich früheren Aggregatzustand zeigen, als er sich bei der persönlichen Begegnung entpuppt. Dabei kommt die nicht gerade vertrauensbildende Wahrheit beim ersten realen Treffen doch ohnehin ans Licht. Das Argument, mit zeitnahen Fotos und der korrekten Altersnennung würde frau weniger oder gar keine Zuschriften bekommen, kann ich zwar nachvollziehen, aber kaum akzeptieren. Weil das biologische Alter für mich nebensächlich ist! Eine 40-jährige Frau kann altjüngferlich, eine 60-Jährige jugendlich wirken. Apropos Alter: Auch schnoddrige Nachrichten wie diese muss ein Ü 60 verdauen: "Ich stehe auf alte Männer wie Dich!"
Alle elf Minuten verliebt sich ein Single auf dieser Online-Börse - sagt die am häufigsten plakatierte Werbung. Doch was nützen die mehr als fünf Millionen Mitglieder, wenn man kein Interesse an einer Fernbeziehung hat, sondern einen Partner gerne in der Nähe hätte? Eine Partnerschaft, in der man nicht nur das poetische Liebesglück, sondern auch den prosaischen Alltag teilen möchte?
Also habe ich in der Eingabemaske unter der Rubrik "Entfernung" einen Umkreis von 50 Kilometer angekreuzt. Und siehe da: Es tauchen immer weniger neue, dafür oft dieselben Profile bei den Partnervorschlägen und Interessentinnen auf. Dabei kostet das Premium-Abo stolze 658,80 Euro im Jahr. Mir kommt das in etwa so vor, als zahle man das ICE-Ticket für das gesamtdeutsche Anbahnnetz, obwohl man nur mit dem Interregio im Dating-Nahverkehr unterwegs ist. Andererseits: Warum soll die Aussicht auf ein neues Lebensglück weniger kosten als - sagen wir mal - ein Smartphone oder ein Kaffeeautomat?
Manche Frauen setzen stur auf Standard-Likes, drücken auf die Buttons "Lächeln", ein "Kompliment für Ihr Profil" oder "Ich finde Sie attraktiv" und geben kommentarlos ihre Fotos frei. Als ich eine, mich trotz individueller Ansprache weiter stumm anlächelnde Ärztin frage, warum sie sich denn überhaupt für mich interessiere, outet sie sich endlich: "Meine Tochter hat mir empfohlen, mich auf diesem Portal anzumelden. Ich weiß gar nicht, was man da so schreibt." Meine Antwort: "Ein kluger Tipp von Deiner Tochter! Aber ich wollte eigentlich nicht von Dir wissen, ‚was man da so schreibt‘, sondern warum Du gerade mir schreibst." Auch dies eine Erkenntnis nach zwölf Monaten im Partnernetz: Wie im analogen Leben entstehen Beziehungen nur im Dialog. Darauf muss man sich einlassen wollen.
Vor vier Monaten habe ich mein Abo gekündigt. Fristgerecht. Sonst verlängert es sich automatisch um ein weiteres Jahr! Nach vielen spannenden, bereichernden, auch ernüchternden Begegnungen, Korrespondenzen, Telefonaten (wichtiger Seismograf: die Stimme!) und der dankbaren Erkenntnis: Diesen vielen so unterschiedlichen, eindrucksvollen Frauen wärst du ohne Datingportal im normalen Männeralltag nie über den Weg gelaufen! Sei es die alleinerziehende Opernsängerin (inklusive Nachtmusik mit Cembalo), die auf Rolling Stones stehende Veterinärmedizinerin, die gar nicht so taffe Personalleiterin, deren Privatleben im Laufe der wechselnden Karriereorte auf der Strecke blieb, die Tango tanzende Übersetzerin mit ihrem Haus in der Provence, die unkonventionelle Autorin und Schreibtherapeutin aus Berlin - leider nur online, weil zu weit weg.
Der letzte Posteingang in diesem lehrreichen Single-Jahr geht leider voll (mit zwei "l") daneben: "Vollkswirtin (34) findet Sie interessant und gibt Ihnen die Fotos frei." Der Text: "Hallo lieber Unbekannter, wie geht es dir? Meine Tochter hat mir das Account weiterverschenkt. Und jetzt probiere ich es aus."
Allen, die da im stillen Online-Meer von Parship, ElitePartner, LoveScout24, Silver Singles und wie die Portale alle heißen nach ihrem Traumpartner fischen, wünsche ich viel Glück! Ganz im Sinne von John Lennon, der schon lange vor seinem ersten Date verstanden hat, worauf es im Leben ankommt: "Als ich zur Schule ging, fragten sie mich, was ich werden will, wenn ich groß bin. Ich schrieb: Glücklich! Sie sagten mir, dass ich die Aufgabe nicht verstanden habe. Aber ich sagte ihnen, dass sie das Leben nicht verstanden haben."