Klavierabend in Mannheim: Reife Leistung eines jungen Pianisten
Von Simon Scherer
Mannheim. Schon oft musste er bei namhaften Klavierwettbewerben auf den ersten Platz verzichten. Zum Beispiel beim legendären Chopin-Wettbewerb, als die Jury schlicht zu gespalten war. Evgeni Bozhanovs Interpretationen gehen tatsächlich ungewohnte Wege, aber sie können einen gefangennehmen. Besonders bei Beethoven, wie er im Mannheimer Rosengarten eindrucksvoll bewies.
In dessen Es-Dur-Sonate op. 31/3 ließ er sich wie aus einem traumversunkenen Trance-Zustand hineingleiten. Erst nach und nach entwickelte sich das Allegro, bevor der Bulgare in den anfänglichen Zustand zurückfiel, um gleich erneut ins Geschehen zu schweben. Seine außergewöhnliche Fingerfertigkeit glich sich dabei selbst in Hochgeschwindigkeit exakt an die Agogik an. Ein sonniges Gemüt transportierte er im Scherzo. Zu Herzen ging das Menuetto, wo er den Hörer eng bei der Hand nahm, sodass sämtliche Aufgipfelungen hautnah mitzuverfolgen waren.
Zur Sternstunde wurde das Andante der sogenannten "Mondscheinsonate" (op. 27/2): Aus der Stille erwachend, wie eine Hintergrundmusik, nahm sie immer deutlichere Konturen an, aber immer noch umhüllt vom Zauber der Nacht, was Bozhanov mit großartigem Pedalgebrauch wunderbar nebulös-atmosphärisch gestaltete. Ein faszinierender Prozess der Konkretisierung. Diese höchst inspirierende Meditation wirkte selbst im Allegretto noch nach, während das Presto umso energischer und herausfordernder ausfiel.
Großartig war ebenso Ravels "La valse" in der Fassung für Soloklavier. Eine famose Mixtur aus Wiener Walzer, grotesker Verzerrung und Militärrhythmik, die Bozhanov stets auf andere Fährten aufspringen ließ. Gleichzeitig vermochte er die äußerst unterschiedlichen Facetten in einen großen Zusammenhang zu bringen und gleiche Elemente in konträrsten Erscheinungsformen zu präsentieren.
Etwas schwer tat er sich mit Schuberts vorletzter Sonate vorletzte Sonate (A-Dur, D 959), deren Kopfsatz oft fahrig und versatzstückartig wirkte. Dafür gelang das Andante außergewöhnlich intensiv, als in Schuberts letzter Sonate die Angst vorm Tod ebenso zu spüren war wie Momente der Dankbarkeit. Nur so gesprudelt vor ungetrübter Heiterkeit hat hingegen das Scherzo. Reife Leistung.