"Das schweigende Klassenzimmer": Staatsaffäre mit weitreichenden Folgen
Von Christa Hasselhorst
Der Feindsender ist an allem schuld. Die Abiturienten eines DDR-Gymnasiums schleichen sich heimlich in die Datsche des Sonderlings Edgar (Michael Gwisdek als Homo-Humanist in skurriler Nebenrolle). Dort lauschen sie dem verbotenen West-Rundfunk Rias. Es ist Herbst 1956, und aus dem Radio ertönt die Nachricht, dass in Ungarn der Volksaufstand gegen die Russen brutal niedergeschlagen wird, ungarische Freiheitskämpfer sterben, darunter auch der bewunderte Fußballspieler Ferenc Pukacs. Die Schüler sind von beidem geschockt und beschließen, aus Protest am nächsten Morgen in der Schule eine Schweige-Minute abzuhalten.
Die Mehrheit ist dafür, man schweigt geschlagene 60 Sekunden, die Empörung des Lehrers wird allerdings vom konfliktscheuen Direktor (überzeugend: Florian Lukas) besänftigt. Beinahe wächst Gras über die unbotmäßige Mini-Revolution. Doch irgendjemand verrät die Klasse - und so taucht plötzlich der Volksbildungsminister höchstpersönlich auf. Die Schweige-Minute wächst sich zur Staatsaffäre mit weitreichenden Folgen aus. Der Minister, von Burkhard Klausner als knallharter Kommunist grandios gnadenlos gezeigt, will Ruhe, Ordnung - und Opfer sehen. Als auch Einzelverhöre nichts bringen, stellt er sein Ultimatum: Innerhalb einer Woche wird der Rädelsführer genannt, sonst ist die gesamte Klasse vom Abitur ausgeschlossen. So geschah es wirklich, ein damaliger Schüler machte daraus ein Buch und der Regisseur Lars Kraume daraus einen Film. "Das schweigende Klassenzimmer" ist ein sehenswertes Zeugnis für Zivilcourage und Solidarität. Kraume zeigt die Schüler und Schülerinnen, denen die Tragweite ihrer spontanen Protest-Aktion erst langsam bewusst wird. Er zeigt, wie sie erpresst werden vom Staat über ihre Eltern, die so stolz auf ihre Gymnasiums-Kinder sind. Behutsam und einprägsam inszeniert er in der Vergangenheit der Eltern Schwachstellen, die der Staatsapparat schnell herausbekommt und als Druckmittel benutzt.
Zweifel, Angst, Unsicherheit, Wankelmut befällt die Jungen und Mädchen. Kraume hat junge Schauspieler besetzt, die glaubwürdig ihren Zwiespalt zeigen (und die man gerne in weiteren Filmen sehen möchte). Doch letztlich vereinen sie sich tapfer und solidarisch, lassen sich nicht entzweien: "Es gab keinen Anführer, die Idee ging so durch die Reihen", behaupten sie felsenfest. Einer für Alle, Alle für Einen. Keine Absolution: Sie müssen die Schule verlassen. Kurz darauf flieht fast die gesamte Klasse in den Westen, ein Jahr später holen dort alle ihr Abitur nach. Eine wahre Geschichte, mit Happy-End. Ein Lehrstück über Zivilcourage, das man heute wieder gut gebrauchen kann. Der Film, der beim Berlinale-Forum Premiere feierte, läuft am 1. März in den Kinos an. Empfehlenswerter Mutmacher für Menschen aller Altersklassen.
Info: Sondervorstellung mit Regisseur Lars Kraume am 4. März 2018 im Gloria Kino Heidelberg