Flüchtlingshilfe in Heidelberg: Jeder junge Flüchtling braucht einen Mentor
Von Philipp Neumayr
Heidelberg. Er war noch ein halbes Kind, als er sich auf den Weg nach Deutschland machte. Ganz auf sich allein gestellt, ohne Unterstützung. Seine Mutter hatte ihm gesagt, er müsse sein Glück woanders versuchen. In Afghanistan, im Land, wo Taliban und Warlords regieren, habe er keine Zukunft. Heute wohnt Adel in Heidelberg und ist 18 Jahre alt. Die Familie ist weit weg. Aber Adel ist nicht mehr allein. Er hat ja Wolfgang Reh. Seit eineinhalb Jahren bilden die beiden ein gemeinsames Tandem - eines von mittlerweile 25, die im Rahmen des "Patenprojektes für minderjährige Ausländer in Heidelberg", kurz PaminAH, zusammenfanden.
"Die Idee dahinter ist es, Menschen zusammenzubringen - Ehrenamtliche und Geflüchtete, die hierzulande Fuß fassen wollen", sagt Doris Fischer, die das Projekt für die Jugendagentur in Kooperation mit der Stadt koordiniert. Endlich Fuß fassen, das war auch Adels Ziel. Ende 2015 kam er nach Heidelberg, lebte gemeinsam mit mehreren jungen Männern auf wenigen Quadratmetern in der Erstaufnahmestelle Patrick Henry Village. "Ich kannte damals niemanden, hatte keine Freunde,und konnte mich nur auf afghanisch unterhalten", erinnert er sich. Er zog in ein Jugendheim auf den Boxberg. Dort lernte er Wolfgang Reh kennen.
Reh, 66 Jahre alt, graues Haar und Schnauzbart, hört aufmerksam zu. Wenn Adel von sich und seiner Geschichte erzählt, dann wirkt Reh, als wäre er zufrieden. Sehr zufrieden. Denn mittlerweile spricht Adel fast fließend Deutsch. Er hat mehrere Praktika absolviert, wohnt in seiner eigenen kleinen Wohnung, und besucht seit wenigen Monaten eine deutsche Regelklasse an der Marie-Baum-Schule in Wieblingen. "Adel hat sich hier gut integriert", sagt Reh. Einen Anteil daran hat auch der Pensionär selbst, der Mathematik und Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg unterrichtet. Seit nunmehr eineinhalb Jahren trifft er sich ein bis zwei Mal die Woche mit dem Afghanen, um ihn auf den Weg in ein neues Leben zu unterstützen.
In seiner Funktion als Mentor führte Reh Adel durch Museen, die Ladenburger Altstadt, ging mit ihm ins Kino und lud den Geflüchteten zum Essen ins heimische Wohnzimmer ein. "Zunächst einmal ging es darum, dass Adel sein neues Umfeld kennenlernt - sprachlich und kulturell", sagt Reh. Keine leichte Aufgabe, denn viele Dinge, die hierzulande als selbstverständlich gelten, waren Adel zunächst fremd. "In meiner Heimat lebt man ganz anders. Für vieles gibt es einfach keine Regeln", sagt Adel. Beispiel Führerschein: Den habe er in Afghanistan nicht gebraucht, um sich hinters Lenkrad zu setzen. In Deutschland, grinst Adel, habe er schnell gemerkt, dass das so natürlich nicht gehe. Aufklärung und Ratschläge erhielt Adel immer wieder von seinem Mentor. "Er hat mich viel geholfen." "Mir geholfen!", unterbricht Reh. Dann sagt Adel: "Immer werde ich von ihm verbessert." Beide lachen.
Geht es nach Doris Fischer, sollen dem Tandem von Adel und Wolfgang Reh noch viele weitere folgen. Denn gerade für die insgesamt 113 sogenannten UMAs (unbegleitete minderjährige Ausländer) in und um Heidelberg leiste das Patenprojekt einen wesentlichen Beitrag zur Integration. "Es ist toll, wenn die Jugendlichen wissen, sie haben abseits der Schule oder der Behörden eine Vertrauensperson, an die sie sich wenden können."
Auch Adel will mit seiner Vertrauensperson künftig weiter in Kontakt bleiben. Noch weiß er jedoch nicht, ob sein Asylantrag auch genehmigt wird. Allzu weit möchte der 18-Jährige deshalb noch nicht in die Zukunft blicken. Erst einmal möchte er seine Mittlere Reife machen. Wenn das klappt, steht die Ausbildung zum Krankenpfleger an. Und dann? "Studieren. Ich will Arzt werden." Es ist noch ein langer Weg, den Adel da vor sich hat. "Aber er ist auf einem guten Weg", sagt Reh. Wenn es einer wissen muss, dann er.