Karlstorkino Heidelberg: Film "Sommerhäuser" thematisiert Familienfrust
Von Wolfgang Nierlin
Heidelberg. Ein "einzelner Blitz" hat die alte Eiche in Urgroßmutter Sophies idyllischem Garten gespalten. "Ausgerechnet heute!", sagt ihr Sohn Erich (Günther Maria Halmer) zu seinen beiden Schwestern mit Blick auf den "stolzen Baum" und wertet das Naturereignis, bildlich gesprochen, als "Schicksalsschlag". Denn gerade an diesem heißen Tag im Hitze-Sommer des Jahres 1976 hat man Sophie beerdigt. Im Zeichen dieses unheilvollen Doppelschlags versammeln sich drei Generationen der Familie auf dem großen, grünen, lichtdurchfluteten Anwesen, das mit seinen kleinen Häuschen an den Wochenenden und in den Ferien als Ruhe- und Erholungsort dient.
Neben Erichs Schwestern Ilse (Ursula Werner) und Mathilde (Inge Maux) treffen bald auch sein Sohn Bernd (Thomas Loibl) mit Familie sowie seine lebenslustige Tochter Gitti (Marie Hörbiger) mit unehelichem Kind ein. Während Garten und Hitze die Familie einschließen und die Welt auf die Sommer-Olympiade in Montreal blickt, ist alles wie immer und zugleich anders.
Denn bald gibt es Ärger in dem "kleinen Fleckchen Paradies"; und fast unmerkliche Spannungen, die unter der trägen, ereignislosen Normalität lauern, entladen sich in eruptiven Ausbrüchen. Sonja Maria Kröner verzichtet in ihrem tragikomischen Debütfilm "Sommerhäuser" auf einen dramatischen Plot, um stattdessen in einzelnen, lose verbundenen Szenen - und dabei fast beiläufig - schwelende Konflikte zu verdichten und sie mitunter ungelöst zu lassen.
Etwas passiert, ohne erklärt, problematisiert oder auserzählt zu werden. Genau genommen passiert sogar ziemlich viel, doch Kröners unaufdringliche und zugleich vielstimmige Erzählweise, die auf nuancierter Menschenbeobachtung basiert, ordnet dies ein in den fragmentierten Kosmos der Alltagswirklichkeit. Insofern ist "Sommerhäuser" sowohl ein Ensemblefilm als auch ein Kammerspiel im Freien.
Der Garten soll nach dem Willen von Erich und vor allem seiner Frau Frieda (Christine Schorn) verkauft werden. Doch die ledig gebliebene Ilse, die sich lange um ihre Mutter gekümmert hat, fürchtet den Verlust des vertrauten Refugiums; und Bernds Frau Eva (Laura Tonke) wittert eine Benachteiligung gegenüber der mehr oder weniger verhassten Schwägerin Gitti.
Neid und Missgunst bestimmen das Verhältnis der beiden, während sich die Männer in auffallender Zurückhaltung üben. Die Kinder entdecken derweil den Garten und das benachbarte, etwas unheimliche Nachbargrundstück eines Künstlers als Abenteuerspielplatz, streiten sich um die Zutrittsrechte zum Baumhaus und konkurrieren, wer die meisten Wespen tötet.
Denn in diesem Sommer herrscht im Garten eine Wespenplage. Und deren Aggressionspotenzial korrespondiert wiederum mit der latenten Bedrohung durch einen Kindermörder, über den die Zeitungen täglich berichten. "Nicht nur einen Tod gibt es. Der uns dahinrafft, ist nur der letzte", zitiert der sonst schweigsame Erich gleich zu Beginn Seneca. Die Engführung der Motive mit ihren unterschwelligen Konflikten und Gefahren mündet schließlich in ein neuerliches unheilvolles Sommergewitter.
Info: Heidelberg, Karlstorkino: 22., 25. und 30. Dezember.