DAI Heidelberg: Entscheidungen eines Unentschiedenen
Von Franz Schneider
Heidelberg. Bevor das Christkind kommt, kommt Kurt Flasch ins DAI. Der Doyen der mittelalterlichen Philosophiegeschichte weiß so viel über sein Fach, dass er das Mittelalter als Epoche nicht mehr gelten lassen möchte: Es sei zu viel von der Neuzeit darin und umgekehrt. Das zeigte er dieses Mal mit seinen Ausführungen zu Erasmus von Rotterdam, einem Gelehrten, durchaus geliebt vom Mainzer des Jahrgangs 1930.
Und auch ein Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der wohl eher aus Gouda gekommen sei, muss für Kurt Flasch gegen manchen Gemeinplatz verteidigt werden. Unentschieden wäre er, hieße es immer, aber nein, er hätte dem Geist entschieden eine europäische Linie geöffnet, und ein großer Freund des Friedens sei er zudem gewesen. Erasmus habe zwar das Mönchstum abgrundtief gehasst und bereits viel von der Kritik Luthers an der Kirche vorweggenommen, dabei jedoch sein tiefes Bekenntnis zum Christentum ethisch vertieft. Seine Zeit war eine Welt im Gewitter, über dem Meer suchte man das Paradies, während zu Hause die Türken vor den Toren standen. Es war auch die Zeit Leonardos und des Buchdrucks.
Als begnadeten Fabulierer und frechen Querkopf präsentierte Flasch den Humanisten und Autor des "Lobs der Torheit" und einem riesigen Gesamtwerk, darunter eine kritische Edition des griechischen Neuen Testaments. Nicht zu vergessen seine gewaltige, aber hoch elegante Korrespondenz. Vor 71 Jahren begann Flasch, sich so sehr damit zu beschäftigen, dass ihm heute die Theologie als Sammlung von Metaphern erscheint. Damit berühren sich die beiden Denker aus Mainz und Rotterdam; im Beharren auf unbedingte Textkritik.
Kurt Flasch erwies sich im DAI wieder einmal als höchst kenntnisreicher wie unterhaltsamer Vortragskünstler, der gerne ausführlich und bedacht beginnt, dann aber im Verlauf der davonlaufenden Zeit immer sprunghafter die Aspekte abhakt. Er endete mit allem Charme bei der Geschichte von Kain, der den Erzengel überlisten wollte. Davor aber zeigte sich wahrer Charakter im Exkurs: Lorenzo Valla (1407-1457) gilt als geistiger Vorläufer des Erasmus. Der Begründer der modernen Textkritik meinte einst über sich selbst: "Überall, wo ich hinkomme, mache ich Streit". Ausgenommen zur Weihnachtszeit.