Heidelberger Textilsammlung Max Berk: Quilts sind mehr als nur Patchwork-Decken
Von Ingeborg Salomon
Heidelberg. Ist das noch ein Quilt - oder schon ein politisches Manifest oder beides? Es ist ein Quilt und er gehört in unsere Ausstellung, entschieden die Mitglieder des Vereins Quiltkunst, der jetzt mit der Ausstellung "Wandlungen - Retrospektive und Perspektive" im Textilmuseum Max Berk in Heidelberg-Ziegelhausen sein 20- jähriges Bestehen feiert. Denn wenn Judith Mundwiler gebrauchte Parkscheine, Alupapier von Schokolade, Gold- und Metallicfäden sowie Acrylfarbe zusammenfügt, ist das eine Antwort auf die Frage, wohin sich die Quiltkunst entwickeln könnte. Auch deshalb ziert ihr Quilt den Ausstellungs-Flyer.
Die Schweizer Künstlerin greift mit ihren 2016 entstandenen Quilts das Thema Lichtverschmutzung auf - und das ist durchaus politisch zu verstehen, denn letztlich ist es unsere Mobilität, die der Erde zu schaffen macht (Stichwort: Parkscheine). Deshalb zeigen ihre beiden in verschiedenen Blautönen leuchtenden und von kleinen goldenen Einsprengseln unterbrochenen Kunstwerke auf dem ersten Quilt "From the dark sky to the earth..." den Blick auf die Erde vom Weltraum aus. Beim zweiten "...into the deep ocean" geht der Blick dann in die Tiefsee zu leuchtende Meerestieren.
"Quilts sind mehr als Patchwork-Technik. Unsere Wettbewerbe fordern die Künstlerinnen immer wieder heraus, ihre Ideen umzusetzen und neue Schritt zu wagen", erklärte die Textilgestalterin Gabi Mett bei der Vernissage. Ihr eigener Quilt ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen, erzählt aber eine ganz andere Geschichte: "Magischer Raum" ist eine Installation, die das Leben der Künstlerin sichtbar macht. Die umgestaltete Sommerdecke einer Schamanin findet sich hier ebenso wie Fallstricke (die das Leben so mit sich bringt) und eine weitere Decke aus vielen kleinen Quadraten - eins für jede Woche ihres Lebens. Bei 57 Lebensjahren kommt da einiges zusammen, dennoch wirkt das Objekt sehr leicht und fast transparent.
Diese Perspektiven sind jedoch nur ein Teil der Ausstellung. Der andere gilt der Retrospektive. Hier zeigen 23 Künstlerinnen Arbeiten, die die Quiltszene in den letzten 20 Jahren maßgeblich beeinflusst haben. Viele sind geprägt durch starke grafische Muster und leuchtende Farben. "Uns erschien es reizvoll, zwischen retrospektiven und perspektivischen Arbeiten Vergleiche zu ziehen", erläuterte die Vorsitzende des Vereins Quiltkunst, Gisela Hafner, die besonders der Leiterin der Textilsammlung, Dr. Kristine Scherer, für ihr Engagement dankte. Bei der Begrüßung erinnerten auch Bürgermeister Dr. Joachim Gerner und der Leiter des Kurpfälzischen Museums, Dr. Frieder Hepp, in Anspielung an das Ausstellungsmotto daran, dass Wandlungen Kunst und Gesellschaft voranbringen.
"Times they are a-changin’", zitierte Hepp Bob Dylan. Es sei mutig von den Initiatorinnen, bereits nach 20 Jahren eine Standortbestimmung der Quiltkunst zu wagen. Denn die Fragen "Wer bist Du? Woher kommst Du? Wohin gehst Du?" stellten sich die meisten Menschen erst ab etwa 38 Jahren - zumindest, wenn man Max Frisch glauben dürfe. Doch in der Kunst sei man da offen. "Kunst soll die Sinne ansprechen, sie soll aber auch Witziges und zugleich Nachdenkliches enthalten", gab Gerner den Besuchern mit auf den Weg. Zur guten Laune trugen auch Heribert Eckert (Klarinette) und Rainer Wagenmann (Akkordeon) bei.
Info: "Wandlungen - Retrospektive und Perspektive" ist zu sehen bis 18. Februar 2018 in der Textilsammlung Max Berk, Brahmsstraße 8, Mi, Sa und So 13 bis 18 Uhr. Es gibt einen reich bebilderten Katalog.