Heidelberger "Tegula-Villen": "Irgendwann werden die Neuenheimer das Haus lieben"
Von Karla Sommer
"Ich weiß nicht so recht", antwortet eine Passantin, die vor dem neuen Gebäude in der Lutherstraße/Ecke Mönchhofstraße steht: "Eigentlich ist es ja ganz schön - aber hier in der historischen Umgebung?" Mit ihrer Skepsis ist sie nicht allein, denn während der Planungsphase und zu Baubeginn waren viele negative Stimmen zu hören - sowohl in der RNZ als auch vor Ort in den Gemeindeversammlungen der Johanneskirche und in den Sitzungen des Bezirksbeirats und des Stadtteilvereins.
Nun aber steht das zweigliedrige, mit Ziegeln an der Fassade versehene Gebäude - und das lateinische Wort für "Ziegel", Tegula, hat ihm auch den Namen gegeben - auf dem Gelände des ehemaligen evangelischen Dekanatshauses und wird wohl weiter für Diskussionsstoff sorgen - bis sich die Neuenheimer vielleicht an den Anblick gewöhnt haben und sehen, dass es eigentlich ganz gut in den alten Bestand des Gründerzeitviertels passt. So wenigstens war die Hoffnung der Redner, Bewohner und der Gäste bei der offiziellen Hauseinweihung. Diese fand im benachbarten Gemeindehaus statt.
Als Vertretung des erkrankten Bauherrn Andreas Epple fungierte Thomas Kirsch, der auch gestand, dass das Bauprojekt nicht ohne Proteste über die Bühne gegangen sei. Aber "wir haben gezeigt, es geht doch", zog er in seiner Ansprache eine positive Bilanz und sprach gleichzeitig vom Mut, den es gebraucht habe, nämlich "den Mut, etwas auszuprobieren, und den Mut zur Verbindung von Tradition und Baukultur". Der Neubau sei für den Bauherrn ein Beispiel, wie heute zeitgemäße und zugleich stadtteilgerechte Stadtentwicklung aussehen könne.
Es sei bisher das kleinste Objekt, das er als Baubürgermeister eingeweiht habe, erklärte Jürgen Odszuck in seinem Grußwort als Vertreter der Stadt. Aber wegen der Bedeutung der neuen "Tegula-Villen" mitten im Neuenheimer Gründerzeitviertel schien es ihm wichtig, zu betonen, dass seiner Ansicht nach das zweiteilige Gebäude trotz seines Flachdaches und des ungewöhnlichen Einsatzes der Ziegel "in seiner modernen Form normal ist". Er wies dem neuen Komplex durchaus ein "Selbstbewusstsein" zu, mit dem es in der Umgebung bestehen könne. Und deshalb zeigte er sich auch sicher, dass die Neuenheimer "irgendwann das Haus lieben werden". Spätestens dann, wenn die Ziegel Patina angesetzt hätten und der Vorgarten eingewachsen sei.
Euphorisch gab sich Dekanin Marlene Schwöbel-Hug. "Wir feiern einen absoluten Lichtblick", schwärmte sie - vielleicht auch deshalb, weil der Vertrag mit dem Immobilienunternehmen Epple der Landeskirche einiges an Erbpacht einbringen wird. Sie vermutete aber, dass sie sich "bei der nächsten Gemeindeversammlung warm anziehen" müsse. Sie ahnt, dass weitere Kritik auf sie zukommt. Deshalb wies sie auch verklausuliert auf den wichtigsten Grund für die Veränderung hin, nämlich die klammen Finanzen der Landeskirche. "Wir wollen konsolidieren, nicht schrumpfen", so ihre Umschreibung für das landeskirchliche Vorgehen, sich von Gebäuden und Grundstücken zu trennen.
Im aktuellen Fall war das ehemalige Pfarrhaus ökologisch und ökonomisch nicht mehr haltbar. Als Ausgleich hat Pfarrer Hans-Jürgen Holzmann nun eine adäquate Wohnung in dem neuen Gebäude bekommen, die er durchaus passend für seine Zwecke fand. Klar, dass auch Architektin Kirsten Staemmler vom Architektenbüro "Element-A" das Bauprojekt lobte und es als gelungen eingepasst in die Umgebung fand. Sie wies darauf hin, dass die 7500 Ziegel an der Fassade in Dänemark gebrannt und handgefertigt wurden und jeder davon ein bisschen anders sei. Das gebe, so fanden auch die vielen Gäste, zusammen mit den großen eloxierten Holz-Alu-Fenstern und den eloxierten Fassadenblechen den beiden unterschiedlich großen Gebäuden eine interessante Optik. Auch das moderne und hochwertige Innere der Häuser mit seinem lichten Eingang, den verglasten Balkonen und der Tiefgarage kam wohl gut an, denn alle acht Wohnungen sind verkauft.
Und so konnten die Besitzer bei der Einweihungsfeier jeweils einen roten dänischen Ziegel, sozusagen eine "Tegula", mit in ihr neues Zuhause nehmen. Ein Geschenk, das einen Nachteil vergessen lassen soll, wie Thomas Kirsch meinte, nämlich den, "dass Sie die schöne Fassade nicht von innen sehen". Die Feier wurde umrahmt vom Akkordeon-Duo Darja Goldberg und Jana Hein und abgerundet vom Haussegen, den Pfarrer Holzmann erteilte.