Heidelberg-Neuenheim: Kirchgänger kämpfen um ihr Gemeindehaus
Von Birgit Sommer
Die Neuenheimer wollen auf keinen Fall, dass ihr Gemeindehaus in der Lutherstraße verkauft wird. Dies gab die Gemeindeversammlung ihrem Ältestenkreis und damit auch der Evangelischen Stadtkirche deutlich zu verstehen. Drei Stunden lang wurde am Montag diskutiert und abgestimmt - im großen Saal des Hauses, im dem jedes Jahr zahlreiche Veranstaltungen von Kirche und Stadtteil stattfinden.
Das knapp 90 Jahre alte denkmalgeschützte Gebäude mit seinen 1568 Quadratmetern Fläche (inklusive Kellerräume) gilt der Badischen Landeskirche als viel zu groß für die derzeit 2568 Kirchenmitglieder Johannesgemeinde. Im Jahr 2020 werden es wohl nur noch 2390 Mitglieder sein, weshalb ihnen eigentlich nur 332 Quadratmeter zustehen. Schließlich will die Kirche das knapp werdende Geld nicht in Gebäude investieren; bis 2019 muss ein "Masterplan" für ganz Heidelberg stehen.
Das Haus, in dem sich seit 13 Jahren auch ein Kindergarten befindet, verschlingt jährlich über 70.000 Euro an Betriebskosten. Eigentlich müsste die Neuenheimer Pfarrgemeinde ab 2020 jährlich 20.000 Euro zuschießen, wenn das Gebäude zu ihrer Verfügung bleibt. Und dann wäre immer noch kein Geld da für künftige Renovierungen.
Für die Stadtkirche Heidelberg wäre der Verkauf des auf 4,9 Millionen Euro geschätzten Gebäudes ideal. Auf einen Schlag wäre ein Drittel der Quadratmeterzahl, die in allen Pfarrgemeinden zusammen eingespart werden muss, weg. Es gibt sogar einen Interessenten, die Hochschule für Kirchenmusik, die derzeit in der Hildastraße sitzt. Wie Rektor Bernd Stegmann der RNZ sagte, wären allerdings umfangreiche Umbauten und Schallschutzmaßnahmen nötig, ebenso die Schaffung von Übernachtungsmöglichkeiten für die Musiker, die seit Januar nebenberuflich die C-Ausbildung in Heidelberg absolvieren, und natürlich der Bau von Parkplätzen rund um das Haus.
Neuenheims Kantorin Beate Rux-Voss könnte ihre Konzerte weiterhin im Haus veranstalten, sagt Stegmann. Proberäume für die Chöre müsste sie allerdings anderweitig finden - etwa bei der Jakobus-Kirche, wenn denn die Fusion mit der Johannesgemeinde einmal vollzogen ist. Die Jakobus-Gemeinde darf entsprechend ihrer Mitgliederzahl 261 Quadratmeter besitzen. Gemeindehaus und Kindergarten werden als sanierungsbedürftig betrachtet, weshalb dort neue Räumlichkeiten für ganz Neuenheim entstehen könnten. Die Kantorin jedenfalls braucht für ihre Aufführungen nicht nur den Saal, sondern auch die Bühne, und sie wünscht sich auch ein kleines Büro im Haus. Die Neuenheimer sehen ihre Kirchenmusik schon als Aushängeschild und wollen sie zusammen mit Beate Rux-Voss unbedingt weitergeführt wissen.
Bei notwendigen Investitionen in Höhe von fünf Millionen Euro in das Gemeindehaus schauen sich die Kirchenmusiker aber auch anderweitig in Heidelberg um. Es sei durchaus möglich, dass sich die Kirche letztlich für eine Sanierung des 70er-Jahre-Gebäudes samt Anbau in der Weststadt entscheide, meint Stegmann. 4,8 Millionen Euro hat die Landeskirche der Hochschule jedenfalls schon fest zugesagt. Der Nachteil dieser Lösung für den Rektor: "Für ein Jahr müssten wir raus aus dem Gebäude."
Als Versammlungsleiter hatte Dietrich Firneisen eine Menge zu tun, meldeten sich doch viele Neuenheimer Kirchenmitglieder zu Wort. Ob mit der ausgedehnten Verkaufspolitik - die Johannesgemeinde etwa verkaufte schon ihr Pfarrhaus - die gewünschte 30-prozentige Flächenreduzierung nicht schon erreicht sei? Warum die Stadtkirche nicht selbst als Bauträger auftreten dürfe, wenn sie Grundstücke verkaufe? Eine Darlehensaufnahme, erklärte Schwöbel-Hug dazu, werde von der Badischen Landeskirche nicht genehmigt. Oder: War der Saal der Kirche nicht einmal Argument dafür, dass Neuenheim sein Bürgerhaus so klein und kostengünstig bauen konnte? In den Raum gestellt wurde sogar, dass man aus der Kirche austreten und die eingesparte Kirchensteuer der Johannesgemeinde direkt zur Verfügung stellen könne.
Der Antrag von Christiane Schmidt-Sielaff an den Ältestenkreis, das Haus zu behalten und eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich mit der künftigen Zusatzfinanzierung von 20.000 Euro durch die Pfarrgemeinde beschäftigen soll, wurde mit 55 Stimmen bei sechs Enthaltungen angenommen. Kirche und Gemeindehaus seien identitätsstiftendes Zentrum der Gemeinde, hieß es. Entscheiden werden letztlich die 21 Mitglieder des Stadtkirchenrats.