Seit Wochen verhandeln die USA und der Iran über ein neues Atomprogramm der Islamischen Republik. Scheitern die Gespräche, droht ein Krieg im Nahen Osten. Wenn am Donnerstag Vertreter der Vereinigten Staaten und des Iran in Genf zu Verhandlungen über das iranische Atomprogramm zusammenkommen, geht es buchstäblich um alles. Die USA haben in den vergangenen Wochen viele Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe in den Nahen Osten verlegt – es ist die stärkste US-Militärpräsenz seit der Invasion des Irak im Jahr 2003. Das Regime in Teheran scheint diesen Druck zu spüren. Vor den Verhandlungen erklärte der iranische Präsident Massud Peseschkian, die Nummer zwei im Staat hinter dem religiösen Führer Ali Chamenei, das Mullah-Regime wolle gar keine Nuklearwaffen besitzen. Am Mittwochabend erklärte der iranische Außenminister Abbas Araghtschi außerdem, der Iran habe den Vereinigten Staaten den Entwurf für ein neues Atomabkommen übermittelt. Krieg oder Atomdeal? Iran und USA verhandeln in Genf Neuigkeiten zur Iran-Krise: USA bringen riesigen Flugzeugträger in Stellung Somit kommt es vor allem auf die Reaktion der Vereinigten Staaten und ihres Präsidenten Donald Trump an. Ist er mit dem Resultat der Gespräche zufrieden, sinken die Chancen auf einen Krieg zwischen den beiden Staaten. Sollten die Unterhändler des Iran und der USA sich in Genf nicht auf konkrete Pläne zur Abrüstung und zum Atomprogramm des Iran einigen können, droht ein Krieg, der einen Flächenbrand im Nahen Osten auslösen und die Region auf Jahre destabilisieren könnte. Kommt es zum Enthauptungsschlag? Generell stelle sich bei der Frage nach einem möglichen Angriff der USA die Frage nach der Zielhierarchie. Ein gezielter Angriff auf militärische Einrichtungen und auf Kommandozentralen der iranischen Revolutionsgarden wäre "sicherlich massiv, aber ein Stück weit begrenzt", sagt der Politikwissenschaftler Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München im Gespräch mit t-online. Die andere Option für die USA sei ein sogenannter "Enthauptungsschlag", also ein direkter Angriff auf die iranische Führung um Ajatollah Chamenei. "Dahinter würde die Hoffnung stecken, einen Regimewechsel herbeizuführen", so der Nahostexperte. Experte: Teheran könnte massiv reagieren Anders als noch beim Zwölftagekrieg im Juni, als Israel und die USA den Iran gemeinsam angriffen, müsste Teheran aber selbst auf einen begrenzten Angriff der USA reagieren, erklärt Jan Busse. "Der Iran befindet sich aktuell in einer Situation, in der er einen US-Angriff als existenzbedrohend für das Regime ansehen würde", sagt der Politikwissenschaftler. Im vergangenen Jahr reagierte der Iran mit einem eher symbolischen Angriff auf einen US-Stützpunkt in Katar. "Vieles deutet darauf hin, dass der Iran dieses Mal deutlich massiver reagieren würde", fügt Busse hinzu. "Das macht die Situation explosiv." Busse glaubt, es gebe vier Möglichkeiten für Teheran, um auf einen US-Angriff zu reagieren. Eine davon sei ein Angriff auf die zahlreichen US-Truppen im Nahen Osten. "Bereits vor dem großen Militäraufmarsch hatten die Vereinigten Staaten eine Militärpräsenz in der Region, die etwa 30.000 bis 40.000 Soldaten umfasst", erklärt er. "Das iranische Arsenal ballistischer Raketen, Marschflugkörper und Drohnen kann diese Soldaten auch erreichen." Das Arsenal des Iran sei auch nach dem Krieg im letzten Jahr noch "beträchtlich", schätzt Jan Busse. Er glaubt, der Iran verfüge über genügend Waffensysteme, um in "unmittelbarer Nachbarschaft" beträchtlichen Schaden anzurichten. Auch könnte es sein, dass der Iran im Fall eines US-Angriffs erst recht versuche, eine nukleare Waffe zu bauen. "In Teheran könnte die Überzeugung entstehen, dass es ohne die Atombombe keinerlei Möglichkeit gibt, dieses Regime zu schützen", so Busse. Scheitern die Gespräche, muss es nicht direkt zum Angriff kommen Doch selbst wenn die Gespräche in Genf platzen, ist ein unmittelbarer Angriff der USA nicht zwangsläufig. Ein mögliches Szenario für den Fall, dass Washington auf eine direkte Attacke verzichtet, ist die Fortsetzung der bisherigen Strategie mit neuen Sanktionen und diplomatischer Isolation des Iran. Gleichzeitig könnten die USA ihre Drohkulisse aufrechterhalten – auch dank ihrer zahlreichen Militärbasen im Nahen Osten. Somit würde die Trump-Regierung dem Iran signalisieren, dass sie weiterhin jederzeit bereit zum Angriff ist. Für den Iran wäre diese Art des eingefrorenen Konflikts nicht förderlich: Die wirtschaftliche Lage bliebe angespannt und die Führung in Teheran müsste beim eigenen Volk den Eindruck vermeiden, unter dem Druck der USA nachzugeben. Ein eingefrorener Konflikt wäre daher eher ein Zustand anhaltender Eskalationsbereitschaft beider Seiten, in dem jede neue Provokation, etwa ein Zwischenfall mit Drohnen, Raketen oder beschlagnahmten Schiffen in der Straße von Hormus, die Lage kippen lassen könnte. Es droht eine unvorhersehbare Dynamik Kommt es doch zu einem US-Angriff, stellt sich die Frage nach dem Umfang der Attacke. Eine Recherche der "New York Times" sowie Studien zu früheren Konfrontationen zeigen, dass das US-Militär in einer ersten Angriffswelle den Iran durch begrenzte Luftschläge unter Druck setzen könnte. Als Ziele böten sich etwa Urananreicherungsanlagen wie Natans oder Fordow, Einrichtungen der Revolutionsgarden und ausgewählte Raketenstandorte an. Solche Operationen würden vermutlich mit Cyberangriffen und elektronischer Kriegsführung verbunden, um die iranische Luftverteidigung, Kommando- und Kommunikationsstrukturen zu stören. Ein mögliches Szenario wäre ein zeitlich eng begrenzter Angriff von wenigen Stunden bis wenigen Tagen, der auf die Beschädigung von Nukleareinrichtungen und militärischer Infrastruktur zielt, ohne offen einen Regimewechsel anzustreben. Gleichzeitig würden die USA versuchen, die Operation kommunikativ als begrenzte Maßnahme zur Nichtverbreitung und zur Wiederherstellung von Abschreckung darzustellen, um ihre Verbündeten zu halten und breitere internationale Kritik zu begrenzen. Hybride Kriegsführung im Ernstfall Ein weitergehendes Szenario, das von den Experten der US-amerikanischen Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) diskutiert wird, wäre eine mehrtägige oder gar mehrwöchige Luftkampagne, die über Nuklearanlagen hinaus weite Teile der iranischen militärischen Infrastruktur einschlösse. Dazu könnten Luftwaffenbasen, Kommandozentren der Revolutionsgarden, Raketenlager und maritime Kapazitäten der iranischen Revolutionsgarden-Marine im Persischen Golf gehören. Ziel wäre, die Fähigkeit des Iran zur raschen Vergeltung gegen US-Stützpunkte, Partnerstaaten und die US-Flotte in der Region deutlich zu reduzieren und zugleich die logistische Unterstützung für verbündete Milizen in der Region zu erschweren. In einer solchen Phase wären Cyberoperationen ein zentrales Element hybrider Kriegsführung: Die Analyse des Al-Habtoor-Instituts verweist auf Angriffe im Zwölftagekrieg aus dem vergangenen Jahr gegen Industrie- und Energiesysteme, die als Blaupause für erneute Operationen dienen könnten. Krieg hätte Auswirkungen auf die Weltwirtschaft Doch der Iran könnte bei einem Vergeltungsangriff nicht nur US-Stützpunkte, sondern auch die globale Wirtschaft ins Visier nehmen. Ein besonderes Augenmerk der Analysen gilt der Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des globalen Ölhandels per Tanker transportiert werden. Das ISW weist in einer Analyse darauf hin, dass der Iran über Anti-Schiffs-Raketen, Schnellboote, Minen und Drohnen verfügt, die eine Sperrung der wichtigen Seestraße ermöglichen könnten. Schon begrenzte Störungen, wie sie in zurückliegenden Krisen durch Angriffe auf Tanker oder die Androhung von Minenfeldern auftraten, hätten spürbare Auswirkungen auf Versicherungsprämien und Transportkosten – und damit auch die Preise, die Verbraucher in Europa etwa für Benzin an der Tankstelle bezahlen müssten. Diplomatische Gespräche als Knotenpunkt Die Eskalationsdynamik eines US-Angriffs auf den Iran wäre damit von mehreren ineinandergreifenden Faktoren bestimmt: militärischen Fähigkeiten, politischen Zielsetzungen und dem Agieren nicht-staatlicher Akteure wie der Huthi-Miliz. Ein begrenzter Luftschlag könnte aus Sicht Washingtons dazu dienen, Abschreckung wiederherzustellen und das iranische Atomprogramm zu verzögern, birgt jedoch das Risiko, dass Iran über Raketen, Drohnen und Verbündete eine regionale Antwort wählt, die sich der Kontrolle der Hauptakteure entzieht. Gleichzeitig existieren Begrenzungsfaktoren: die hohe Verwundbarkeit der eigenen Infrastruktur im Iran, die wirtschaftliche Lage des Landes, die innenpolitischen Risiken für das Regime und seine Verbündeten sowie die potenziell hohen Kosten für die globale Wirtschaft. Somit hat Washington ein ähnlich großes Interesse wie Teheran daran, die Eskalationsspirale zu kontrollieren. Die Gespräche zwischen beiden Staaten am Donnerstag sind damit nicht nur eine diplomatische Episode, sondern ein möglicher Knotenpunkt, an dem sich entscheidet, ob der Konflikt eher in einem Muster kontrollierter Abschreckung verbleibt oder in Richtung einer breiteren regionalen Konfrontation driftet.