Nur eine Medaille in Antholz, die Konkurrenz aus Norwegen und Frankreich ist enteilt: Das deutsche Biathlon hat schon bessere Zeiten erlebt. Nun wird einiges passieren. Aus Antholz berichtet Benjamin Zurmühl Mit dem emotionalen Abschied von Franziska Preuß hatten die Olympischen Spiele für das deutsche Biathlon-Team immerhin noch einen kleinen Höhepunkt zum Schluss. Denn mit den Ergebnissen in den zwei Wochen zuvor waren Sportler und Funktionäre nicht zufrieden. Nur eine Medaille im Biathlon, das ist zu wenig für den DSV. Zwar gab es mehrere vierte Plätze, beispielsweise im Damen-Einzel (Vanessa Voigt) oder im Herren-Massenstart (Philipp Horn), doch anders als im Weltcup ist es bei Olympia egal, ob es Rang vier oder Rang elf ist, eine Medaille gibt es nicht. Und um die geht es nun einmal. So endete nahezu jedes Rennen aus deutscher Sicht gleich. Während im Hintergrund die französische oder die norwegische Hymne lief, mussten sich Sportdirektor Felix Bitterling und die Athleten vor der Presse erklären, warum es auch diesmal nicht so lief wie erhofft. Das deutsche Biathlon, es hat schon bessere Zeiten erlebt. Die letzte Einzelmedaille der Herren datiert aus dem Jahr 2018, bei den Frauen war zumindest Denise Herrmann-Wick vor vier Jahren in Peking erfolgreich. Zufrieden ist mit der Ausbeute aber beim DSV kaum jemand, schließlich ist die Konkurrenz aus Norwegen und Frankreich enteilt. Frankreich holte 13 Medaillen, darunter sechs goldene. Norwegen holte elf Medaillen, darunter drei goldene. Im deutschen Biathlon muss sich etwas tun, damit der DSV nicht auch langfristig im Mittelmaß verschwindet, sondern zu alter Stärke zurückfindet. Einige Schritte wurden dafür bereits eingeleitet, andere werden noch folgen. Es steht ein gewaltiger Umbruch an. Was schon angestoßen wurde – und was noch fehlt Ein Problem im deutschen Biathlon war allein an der Altersstruktur des Herren-Kaders zu sehen. Justus Strelow war mit 29 Jahren der Jüngste im Kader. David Zobel (29), Lucas Fratzscher (31), Philipp Horn (31) und Philipp Nawrath (33) komplettierten das Aufgebot. Es fehlt der Druck der jüngeren Generation. Während sich in Frankreich Quentin Fillon Maillet (33) permanent gegen Éric Perrot (24) behaupten muss, gab es diese Gegenspieler bei den deutschen Herren zuletzt nicht. Bei den Frauen klafft eine große Lücke zwischen einer gestandenen Athletin wie Vanessa Voigt (28) und jüngeren Talenten wie Selina Grotian (21) oder Julia Tannheimer (20). Auch hier mangelte es oft an Druck. "Und das ist nie gut", sagte Sportdirektor Felix Bitterling: "Uns haben ein oder zwei Athletengenerationen einfach gefehlt." Die Erfolge von Franziska Preuß in der Vorsaison mit dem Gesamtweltcup und einer starken WM in Lenzerheide täuschten über viele Probleme im deutschen Biathlon hinweg. Ein Sieggarant, oder wie Bitterling ihn nannte, ein "X-Faktor-Athlet", fehlt. "Wir arbeiten sehr, sehr stark im Hintergrund, dass es diese Athleten oder Athletinnen in Zukunft wiedergeben wird", betonte er. Eine Maßnahme war es zum Beispiel, die Talente wieder früher in den Weltcupkader zu ziehen, um ihnen zum einen Wettkampfpraxis auf höchstem Niveau zu geben, aber eben auch mehr Training mit den besten Biathleten des Landes. Davon profitierten Talente wie Selina Grotian oder Julia Tannheimer, denen eine große Zukunft zugetraut wird. Biathlon-Olympiasieger Michael Rösch sprach im Interview mit t-online im Januar von zwei "absoluten Granaten", was das Potenzial angeht. Potenzial ist aber eben nicht alles. Deshalb sieht Sportdirektor Bitterling beispielsweise auch eine noch bessere Struktur im Bereich Mentaltraining als notwendig an. Denn das geht aktuell erst ganz oben so richtig los. "Unser Wunsch ist es, dass die Arbeit früher anfängt, nicht erst auf Nationalmannschaftsniveau. Dass man beispielsweise eine junge Athletin wie eine Julia Tannheimer schon im C-Kader begleitet und darauf vorbereitet", erklärte er. Mit Dr. Tom Kossak habe man einen sehr guten Sportpsychologen zur Verfügung, der fokussiert sich aber bisher eben nur auf die erste Reihe. Eine weitere Herausforderung für das deutsche Biathlon nannte einer der Athleten selbst. David Zobel zog einen Vergleich zu den Franzosen, die allein von der Quantität mehr Nachwuchssportler haben. "Das geht in Richtung 200 und bei uns sind es 50. Da brauchst du das eine Übertalent, ansonsten wird es schwierig", sagte Zobel. Zum einen, weil dann doch viele Kinder Richtung Fußball schauen. Zum anderen, weil Leistungssport in Deutschland nicht gerade beliebter wird. Der gesunkene Stellenwert des Sports, den beispielsweise auch Bundestrainer Julian Nagelsmann vergangenes Jahr angeprangert hatte , ist im Nachwuchsbereich des Biathlons spürbar. Ein neues Gesicht Die strukturellen Veränderungen sind aber nicht die einzigen beim DSV. Auch personell wird sich einiges tun. Zum einen wäre da das Karriereende von Franziska Preuß. Das Gesicht des deutschen Biathlons hört auf. Sie hinterlässt eine gewaltige Lücke, für die es noch keine offensichtliche Nachfolgerin oder keinen offensichtlichen Nachfolger gibt. Vanessa Voigt deutete bei den Olympischen Spielen mehrfach ihre Klasse an, hatte in den vergangenen Jahren aber viel mit fehlender Konstanz zu kämpfen. Bei den Herren sind zweifelsohne "die Philipps", Horn und Nawrath, die ersten Kandidaten, aber mit ihren 31 und 33 Jahren eben nicht mehr die jüngsten Athleten. Auch in der Ebene über den Sportlern geht ein prominentes Gesicht. Sportdirektor Bitterling verlässt den DSV auf eigenen Wunsch, wechselt zum Biathlon-Weltverband IBU. Seine Nachfolge soll Richtung Mitte März bekanntgegeben werden. Aktuell laufen die finalen Gespräche, Namen wollten weder Bitterling noch der DSV preisgeben. Auch eine interne Lösung ist nicht auszuschließen. Bitterling, der stets den Medien Rede und Antwort stand, spielte auch in der Öffentlichkeitsarbeit eine entscheidende Rolle. Eine Aufgabe, die auch auf seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger zukommt. Wem gehört die Zukunft? Während einige Namen bald nicht mehr im DSV oder auf der Loipe präsent sein werden, rücken jüngere Athleten ins Blickfeld. Neben den genannten Julia Tannheimer und Selina Grotian bei den Frauen, gibt es auch ein paar spannende Namen bei den Männern. Biathlon-Olympiasieger und ARD-Experte Arnd Peiffer hat dabei mehrere im Blick. "Leo Pfund hat schon in Nove Mesto gezeigt, was gehen kann. Das ist ein Athlet, auf den wir uns freuen können", sagte Peiffer in Antholz zu t-online. Der 22-Jährige, der 2024 Junioren-Weltmeister wurde, durfte sich bei seinem Weltcup-Debüt in Nove Mesto über einen 13. Platz im Einzel freuen. Im Single-Mixed-Wettbewerb holte er mit Marlene Fichtner (22) sogar den Sieg, wurde aber wegen eines kleinen Formfehlers seitens Fichtner disqualifiziert. "Elias Seidl hat zwar in Nove Mesto kein gutes Rennen gemacht, aber der hat im IBU-Cup überzeugt. Genauso ist Franz Schaser ein Athlet, der richtig was drauf hat. Ich kann mir vorstellen, dass wir die Athleten mit einer guten Entwicklung dann auch im Weltcup sehen", sagte Peiffer. Im IBU-Cup, der "2. Liga des Biathlons", ist Seidl (21) auf Rang elf in der Gesamtwertung, Schaser (23) auf Rang 14. Olympiasieger Peiffer bleibt trotz der aktuell schwierigen Lage des deutschen Biathlons positiv. Die Ergebnisse seien zwar unter den Erwartungen, er selbst hätte mindestens zwei Medaillen als leistungsgerecht empfunden, gleichzeitig sagte Peiffer aber auch: "Man darf nicht immer gleich den Abgesang starten." Der 38-Jährige erinnerte sich dabei an die Olympischen Spiele in Vancouver 2010, in denen es auch kein Edelmetall bei den Herren gab. "Da waren wir auch eine Mannschaft im Umbruch, sind ohne Medaillen frustriert nach Hause gefahren und haben dann einige erfolgreiche Jahre gehabt." Ob dem DSV ein ähnlicher Weg gelingt, wird sich nicht von heute auf morgen zeigen. Antholz hat die Defizite schonungslos offengelegt. Der Umbruch ist eingeleitet, Talente sind vorhanden, strukturelle Anpassungen sind umgesetzt oder geplant. Doch Potenzial allein reicht nicht, um zu Norwegen und Frankreich aufzuschließen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus vielversprechenden Namen wieder verlässliche Medaillenkandidaten zu formen